Was Werbeaussagen wirklich bedeuten

Der Weg zu einem neuen Computer ist gepflastert mit unverständlichem Marketing-Fachchinesisch: Ganz bewusst erfinden PC-Hersteller immer neue Wortungetüme wie „TurboCache-Grafikkarte“ oder „Intel Core 2 Extreme Quadcore-Prozessor“, um die Leistungsfähigkeit eines neuen Produkts zu unterstreichen. Doch diese Werbebegriffe platzen bei näherem Hinsehen wie Seifenblasen – denn oft bringen die gepriesenen Features keinen Zusatznutzen oder verschleiern wortreich eine schlechtere Leistungsfähigkeit.

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Die PC-Beschreibung auf der Internet-Seite eines PC-Herstellers klingt viel versprechend: „Intel Celeron D Prozessor mit echten 3,6 Gigahertz“, eine „Grafikkarte mit 512 MB Hyper-Memory“, dazu ein Flachbild-Monitor mit 8 Millisekunden Reaktionszeit. Wer hinter diesen Angaben ein leistungsfähiges Highend-PC-Paket vermutet, ist komplett auf dem Holzweg. Denn die Marketing-Strategien der Hersteller setzen immer mehr auf luftleere Werbe-Worthülsen, die nichts über die wirklichen Produkteigenschaften aussagen.

Prozessoren: Viele Jahre lang versuchten die Prozessor-Hersteller, sich bei den Arbeitsgeschwindigkeiten ihrer Mikrochips gegenseitig zu überbieten. Als Faustregel galt: Je höher die Gigahertz-Angabe, desto schneller der PC. Diese Regel hat aber schon lange keinen Bestand mehr, was immer noch nicht allen PC-Nutzern bekannt ist. Denn seit es Prozessoren mit mehreren Kernen gibt, sagt die Gigahertz-Zahl rein gar nichts mehr über die wirkliche Leistungsfähigkeit aus. Wenn ein Hersteller mit „echten 3,6 GHz“ wirbt, will er meist nur von unschönen anderen Details ablenken. Ein Beispiel: Aktuelle „Dual-Core“-Prozessoren von Intel arbeiten nur mit 1,8 GHz – und sind trotzdem sehr viel schneller als ein „Celeron D“-Prozessor, der mit „echten 3,6 GHz“ getaktet ist. Denn Letzterer stellt nur die Sparversion eines vollwertigen Prozessors dar, dem wichtige andere Leistungsmerkmale fehlen. Hohe Gigahertz-Angaben in Werbeanzeigen sollten deshalb grundsätzlich misstrauisch machen.

Ebenso mit Vorsicht zu genießen sind die starken Werbeaussagen zu den aktuellen „Dual Core“- oder „Quad-Core“-Prozessoren, mit denen PC-Nutzer Geschwindigkeit ganz neu erleben sollen: Diese sind laut Marketingstrategie auf Grund ihrer zwei bzw. vier Prozessorkerne nun auch „doppelt bzw. vierfach so leistungsfähig“. Ein Argument, das zumindest theoretisch nachvollziehbar ist, denn es spielt auf die größte Schwachstelle aller herkömmlicher, Prozessoren mit nur einem Kern an: Diese können, egal wie hoch sie getaktet sind, immer nur eine einzige Aufgabe gleichzeitig abarbeiten. Die werbewirksame Anpreisung von Multitasking-Eigenschaften, also das zügige Ausführen von mehreren Programmen gleichzeitig, war bislang nichts weiter als eine clevere Marketing-Seifenblase. Zwar konnte man gleichzeitig eine DVD brennen und ein Bildbearbeitungsprogramm nutzen – mit Multitasking „in Echtzeit“ hatte dies aber nichts zu tun: Es war immer deutlich zu spüren, dass der PC insgesamt langsamer wurde. Ein sofortiger Umstieg auf einen Mehr-Kern-Prozessor bringt aber aktuell trotzdem kaum Zusatzgeschwindigkeit: Da es aktuell kaum Software gibt, die mehrere Prozessorkerne wirklich unterstützt, wird man bei seiner täglichen Arbeit mit Office oder beim Internet-Surfen keinen Geschwindigkeitszuwachs bemerken.

Kauf-Empfehlung: Wenn der eigene PC mit Ein-Kern-Prozessor noch läuft, ist kein Umstieg nötig. Wer sowieso eine neue Computer-Anschaffung plant, ist mit einem „Dual Core“-Prozessor auf der sicheren Seite: Zwar sind aktuell kaum Vorteile spürbar, in den nächsten Monaten werden aber immer mehr Programme auf den Markt kommen, die zwei oder mehr Prozessor-Kerne unterstützen.
Grafikkarten: Besonders kreativ sind die Hersteller von Grafikkarten, wenn es um das Verschleiern der wirklichen Leistungsfähigkeit geht. Grundsätzlich gilt: Je mehr eigenen Speicher eine Grafikkarte mitbringt, desto besser. Die billigs-ten Grafikkarten besitzen hingegen gar keinen eigenen Speicher, sondern bedienen sich am meist eh schon knapp bemessenen RAM-Arbeitsspeicher eines PC-Systems – eine klassische Vollbremsung für jeden Computer. Bislang waren Grafikkarten ohne eigenen Speicher am Begriff „Shared Memory“ zu erkennen. Die beiden marktführenden Hersteller NVIDIA und ATI fanden diesen Ausdruck wohl zu wenig verkaufsfördernd und haben deshalb seit einiger Zeit Grafikkarten mit „Turbo-Cache“ bzw. „Hyper-Memory“ im Programm. Was die wenigsten Käufer wissen: Hierbei handelt es sich um nichts anderes als die bekannten „Shared Memory“-Grafikkarten, die keinen oder nur wenig eigenen Speicher mitbringen und deshalb den PC durch regelmäßige Zugriffe auf den RAM-Speicher merklich ausbremsen.

Speziell Notebooks werden zudem oft angepriesen mit einer „Highend-Grafikleistung durch Intel 945 Grafik“. Doch Vorsicht: Dies heißt nichts anderes, als dass der Hersteller an einer hochwertigen Grafikkarte von Fremdherstellern gespart und stattdessen einen preisgünstigen Intel-Onboard-Chip verbaut hat, der gerade mal fürs Internet-Surfen, für Office-Programme und wenig leistungsfordernde Spiele und Videos ausreicht.

Kauf-Empfehlung: Eine Grafikkarte sollte immer ausreichend eigenen Speicher mitbringen, damit das PC-System nicht ausgebremst wird. Für das neueste Microsoft-Betriebssystem Windows Vista sind mindestens 128 MB Grafikspeicher empfehlenswert, ansonsten sollten 64 MB das Minimum sein.

Monitore: Das wichtigste Verkaufs-argument für Flachbildmonitore ist die so genannte Reaktionszeit, die in Millisekunden gemessen wird: Je kleiner der Wert, desto schneller und präziser kann ein Monitor Bildwechsel ohne verschwommene Nachzieh-Effekte darstellen. Lange Zeit wurde hierfür die Norm „ISO 9241“ zu Grunde gelegt, mit der Schwarz-Weiß-Leuchtwechsel (Black-to-White) gemessen wurden. Doch dann wurde zusätzlich die Norm „ISO 13406/2“ eingeführt, die Reaktionszeiten von Grau zu Grau (Grey to Grey) angibt – und damit war die Reaktionszeit über Nacht plötzlich werbewirksam halbiert. Deshalb sollte man beim Computerkauf genau hinsehen, auf welche Norm sich der Hersteller in seinen technischen Daten bezieht. Denn ein Monitor mit vier Millisekunden „Grey-to-Grey“ reagiert nicht schneller als ein anderer mit acht Millisekunden „Black-to-White“.

Kauf-Empfehlung: Für Office- und Internet-Anwendungen spielt die Reaktionszeit nur eine untergeordnete Rolle. Wenn der PC aber hin und wieder auch zur Video-Wiedergabe oder für Spiele genutzt wird, sollte die Reaktionszeit bei unter 16 Millisekunden Black-to-White bzw. 8 Millisekunden Grey-to-Grey liegen.

Festplatten: Ganze Generationen von PC-Anwendern waren schon auf der Suche nach vermeintlich verlorenem Festplatten-Speicherplatz. Was viele nicht wissen: Die Werbeangaben der Hersteller stimmen oft nicht mit der real nutzbaren Kapazität überein. Denn in Verkaufsanzeigen findet man Angaben zum Speicherplatz meist nach dem dezimalen Zahlensys-tem berechnet – ein PC verwendet aber immer das binäre System. Der Kapazitätsunterschied liegt deshalb bei runden sieben Prozent. So kommt es, dass von einer 300 Gi-gabyte großen Festplatte nur weniger als 279 GB wirklich nutzbar sind.

Weitere Marketing-Strategien: Gerade kostengünstige PCs und Notebooks werden häufig mit den Attributen „flüsterleise“ und „turboschnell“ angepriesen – zwei Versprechen, die sich in der unteren Preisklasse gegenseitig ausschließen. Denn Highend-Systeme produzieren automatisch jede Menge unvermeidlicher Wärme, die aufwendig beseitigt werden muss: Entweder mit lauten Lüftern oder – sehr teuren – anderen Kühlsystemen. Eine weitere Strategie, auf die immer mehr PC-Hersteller setzen: Es werden in preisgünstige PCs und Notebooks Einzelteile von bekannten Markenherstellern verbaut, z.B. Grafikkarten, Arbeitsspeicher oder Mainboards. Mit diesen bekannten Markennamen lässt sich dann wunderbar werben – doch die Ausstattung des Computersystems ist meist trotzdem minderwertig.

Denn alle Markenhersteller liefern in solchen Fällen preisgünstige und leistungsmäßig abgespeck-te „OEM-Ware“, oft zu erkennen an Produktbezeichnungen mit einem nachgestellten Buchstabenkürzel (z.B. „SE“ für „Special Edition“). Hier vermutet der Kunde meist eine Sonderversion der Hardware, die großartige Zusatzausstattung mitbringt – doch das genaue Gegenteil ist der Fall: Leis-tung und Ausstattung werden bei OEM-Ware meist merklich zurück-geschraubt.

Fazit: Beim PC- und Notebook-Kauf sollte man nicht nur auf den Preis schauen, sondern alle Werbeaussagen eines Herstellers vorab kritisch hinterfragen. Nur so lassen sich spätere Enttäuschungen über ein zwar preisgünstiges, aber leistungsschwaches Computer-Schnäppchen vermeiden.

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