Dienstag, 23. August 2016
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Erst Studentin, dann Ausbilderin

Davon dürften viele Bauhandwerker träumen: Architekten mal so richtig ans Arbeiten zu kriegen. Nadine Teutrine hat’s geschafft.

Handwerk

Im Sommer 2014 ist die Maler- und Lackierergesellin beim ersten Durchgang der Summerschool Green.Building.Solutions. dabeigewesen. Der Auftrag: Sie und drei Malerkollegen aus Deutschland sollen jungen Architekten aus dem Ausland zeigen, wie ein Wärmedämmverbundsystem funktioniert. Fünf Tage hatten Nadine Teutrine und ihr kleines Handwerkerteam dafür Zeit. Sie erklärt auf Englisch. Die beiden Akademiker aus der Slowakei und Kroatien, Jan Fischer und Irvin Ahatovic, führen mit Kelle und Traufel aus. Nachdem die Architekten Dämmplatten auf eine kleine Holzwand mit Q-Schaum installiert haben, müssen sie Armierungsgewebe anbringen und rasch in eine Armierungsmasse einbetten. Nadine Teutrine musste auch mal energisch werden: "Macht schneller, sonst zieht es an!" Der Zeitplan ist eng getaktet. Materialien müssen geschnitten, Trocknungszeiten beachtet werden. Die beiden Architekten arbeiten von 8 bis 17 Uhr. "Danach waren sie ziemlich kaputt", erinnert sich die 26-Jährige lachend, die sich mit ihren beiden "Mitarbeitern" gut verstanden hat.

Ungewohnt für die junge Handwerkerin: still sitzen und zuhören

HandwerkDoch auch sie musste sich umstellen. Denn neben dem Praxisprojekt stehen zwei Wochen an der Wiener Uni auf dem Programm. Unterrichtssprache: Englisch. Von 8.30 bis 15 Uhr nimmt Nadine Teutrine mit über 30 Architekten aus aller Welt im Hörsaal Platz. "Ich bin es gewohnt, den ganzen Tag die Leiter hoch- und runterzuklettern oder mit Kunden zu sprechen."

In den Vorlesungen muss sie still sitzen und zuhören. Ganz schön schwer für die quirlige Handwerkerin. Wie gut, dass sie und ihre drei Kollegen Marina Bahnmann, Anja Rittmann und Patrik Wiegandt sich auch einbringen müssen. Sie informieren sich im Rahmen von Vorlesungen, Workshops und Besichtigungen über den Passivhausstandard, grüne Energie und Nachhaltigkeit des Bauens. Unter anderem halten sie gemeinsam ein Referat über Wärmepumpen, Photovoltaik und Wärmedämmverbundsysteme, das sie vor der Reise vorbereiten konnten. "Die Architekten haben sehr interessiert zugehört, aber auch sonst in den Diskussionen von unseren praktischen Erfahrungen profitiert. Schließlich funktioniert auf der Baustelle nicht alles so, wie man es am Computer plant."

Zwei Wege, ein Ziel: Während Kristina-Laura Schmitt von einem ihrer Dozenten an der Uni gefragt worden ist, ob sie an der internationalen Summerschool Green.Building.Solutions. teilnehmen möchte, hat sich Nadine Teutrine über den Besten-Wettbewerb für Maler- und Lackierer-Azubis der Sto-Stiftung in die nähere Auswahl gebracht. Mit einem Notendurchschnitt von 1,8 im zweiten Lehrjahr gehörte sie 2011 zu den 100 besten Auszubildenden, die von den Berufsschulen vorgeschlagen werden konnten. Dafür gab es ein Bücherpaket sowie einen Werkzeugkoffer mit hochwertigem Equipment im Wert von fast 1.000 Euro. "Ein halbes Jahr nach meiner Gesellenprüfung hat mich Konrad Richter von der Sto-Stiftung angerufen und mir angeboten, an der ersten Summerschool teilzunehmen." Ihre Bewerbungsunterlagen musste sie auf Englisch verfassen.
In den drei Wochen wurde jedoch nicht nur gearbeitet und gelernt. Die Teilnehmer haben in ihrer Freizeit gemeinsam etwas unternommen und zusammen in einem Gebäude gewohnt. Nadine Teutrine hat sich mit einer Ukrainerin, Italienerin und Japanerin ein großes Apartment geteilt. Besonders in Erinnerung geblieben ist ihr das vierköpfige Grüppchen junger, zunächst schüchterner Ägypterinnen, denen sie ein paar wohlklingende deutsche Worte wie Pfeife und Tannenzapfen beigebracht hat. "Es war eine schöne Erfahrung, in einem anderen Land zu sein und sich auf etwas Neues einzulassen", fasst sie den von der Sto-Stiftung gesponserten Aufenthalt zusammen.

Bernd Lorenz, Fotos: Christoph Große
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