Juli 2011
  • Kommentar schreiben

Normen müssen europäisch werden

Fotolia_21313662_Subscription_L
Foto: Fotolia
Seit 1986 versucht die Europäische Union, ihren Binnenmarkt mit  Normen flexibler zu machen. Elena Santiago Cid, Generaldirektorin der Normierungskomitees Cen und Cenelec in Brüssel, steht mit Leib und Seele hinter diesem Prozess.

Wie notwendig Normen – oder Standards –  in Europa sind, kann jeder täglich erfahren. Lässt sich doch die deutsche Kreditkarte auch in Belgien benutzen, Benzin auch in Italien tanken. Genügt ein Produkt einer europäischen Norm, dann findet es problemlos Einlass in die 31 Staaten, die Mitglied im Europäischen Komitee für Normung (Cen) oder im Europäischen Komitee für elektrotechnische Normung (Cenelec) sind.
 


 „Das Konzept, mit dem Normen in Europa entstehen,  funktioniert außerordentlich gut.“ Davon ist Elena Santiago Cid, Generaldirektorin von Cen und Cenelec in Brüssel, zutiefst überzeugt. Es basiert auf dem Konsens der 31 Staaten, die Vollmitglied im Cen sind.  Die nationalen Normungsinstitute –  in Deutschland das DIN – und die nationalen Elektrotechnischen Komitees – in Deutschland das DKE – entsenden Delegierte, die in Cen und Cenelec die Länderinteressen vertreten.

Delegiertensystem funktioniert gut

„Da in den Nationalstaaten Normen aus der Wirtschaft heraus entwickelt werden, sind die Unternehmen auch diejenigen, die am europäischen Normungsprozess mitwirken“, betont Santiago Cid.  „Im Prinzip kann jeder, der Interesse daran hat, über die nationalen Normungsinstitute auch die europäischen Normen mitbestimmen.“Schlägt jemand vor, eine neue europäische Norm zu formulieren, dann untersuchen zunächst einmal technische Komitees, ob dieser Standard überhaupt eine Marktrelevanz hat. Dann entwickeln die Delegierten aus den nationalen Mitgliedern in Cen und Cenelec die Norm.

Einmal entworfen, durchläuft sie zudem eine Phase der öffentlichen Stellungnahme. „Jeder, der möchte – ob Unternehmer, Verbraucher oder Vertreter einen Interessengruppe –, kann sie kommentieren“, erklärt Santiago Cid. Erst dann werden die – möglicherweise gemäß der Kommentare modifizierten – Normen den 31 Cen/Cenelec-Mitgliedern zur Abstimmung vorgelegt und bei positivem Ausgang dann als europäische Norm veröffentlicht. 

Gesetze fußen auf Normen

Einige europäische Normen unterstützen auch die europäische Rechtslegung. Viele Gesetze berufen sich auf europäische Standards.

Auch kleine und mittlere Unternehmen (KMU), also auch das Handwerk, können hier Einfluss nehmen und von den erarbeiteten Normen profitieren. „Leider sind es noch viel zu wenige“, bedauert  Santiago Cid. Die europäischen Normungsorganisationen haben schon 2008 beschlossen, das zu ändern.  „58 Empfehlungen haben wir in einem Werkzeugsatz entworfen, um KMU den Zugang zu den Normen zu erleichtern.“ 

Bewusstsein pro Normen muss sich entwickeln

Zunächst aber muss sich unter den Unternehmern ein  Bewusstsein  dafür entwickeln, dass Normen für sie wichtig sind. „Dafür mache ich mich stark“, betont Santiago Cid. Da gilt es, nationale Normenexperten auszubilden, damit sie in ihrem Land KMU mit ins Boot holen. „Vor allem in den EU-Staaten in Osteuropa haben wir mit diesem Konzept großen Erfolg“, freut sich die Cen-und Cenelec-Direktorin. Oftmals sind diese Normenexperten Unternehmer, die von ihren eigenen Erfahrungen im Standardisierungsprozess berichten können.  „Das ist eine sehr gute Werbung“, ist sie überzeugt.

Anfang Juni hat auch die Europäische Kommission ein Papier zum Thema Normen veröffentlicht. „Das war auch dringend nötig“, urteilt Santiago Cid, „denn seit 1986 hat sie ihre Marschrichtung nicht mehr erneuert.“ Die EU habe erkannt, dass Normen ein wichtiges Werkzeug sind, so die Cen-und Cenelec-Direktorin, und das begrüße sie sehr. Die EU möchte aktiv einladen, am Normungsprozess teilzunehmen, vor allem Verbraucher, Unternehmer in KMU, Umwelt- und Behindertenverbände.

Dienstleistungsnormen sind umstritten

Das betrifft auch die umstrittenen Dienstleistungsnormen.  Dienstleistungen zu normieren hält Elena Santiago Cid für unerlässlich. Immerhin sind bereits zwei Drittel aller Wirtschaftsaktivitäten in der EU Dienstleistungen. „Wie bei allen Normen ist auch hier der internationale Aspekt ungemein wichtig“, betont Santiago Cid.  „Wenn wir Europäer nicht am Ball bleiben und uns aktiv um Normen kümmern, werden uns andere Staaten wie die USA oder China überrollen und uns künftig Normen vorschreiben.“ Heute sind schon mehr als ein Drittel der EU-Normen auch ISO-Normen. „Das soll sich weiterentwickeln.“

Die Weltsprache der Technik
Im Paket ist es billiger
Kontroverse Diskussion der EU-Vorhaben