Mittwoch, 27. Juli 2016
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Integration und Vorurteil

Die Flüchtlingsdiskussion spaltet in Deutschland die Gemüter: Die Bildungszentren, in denen Migranten fortgebildet werden, können zum Großteil von Erfolgen berichten.

Dieser Artikel gehört zum Themen-Special Handwerkspolitik
Handwerk
In der SHK-Werkstatt der Kreishandwerkerschaft Duisburg: Mamadou Diello und Thierno Habib Hann mit Zentrumsleiter Dr. Frank Bruxmeier (v. l.)

Der Bundespräsident wirkt zufrieden. Ja, es sei ein schöner Tag für ihn. Als wohltuend empfindet er den Optimismus, den das Handwerk verbreite. Grundsätzlich! "Herr Wollseifer, wie können Sie sagen, dass es dem Handwerk gut geht?" Das mache doch sonst keiner in Deutschland, die Bedenkenträgermiene sei schick, man rede gerne erst einmal von Problemen. Hier im Bildungszentrum Butzweilerhof ist Problemlösung angesagt. Im Kölner Modell werden junge Langzeitarbeitslose fortgebildet, ganz vorsichtig wieder an den ersten Arbeitsmarkt herangeführt. In einem anderen Projekt werden junge Flüchtlinge weiter­gebildet. Engagierte junge Menschen, so der Bundespräsident. "Vor 20 Jahren wäre hier wesentlich mehr Lärm gewesen", sagt Staatsoberhaupt Joachim Gauck vor Dutzenden jungen Zuhörern, die wirklich zuhören, wenn Flüchtling Mohammad Trabelsi, ein junger Syrer, von seiner Fortbildung erzählt. Der ­gelernte Elektrotechniker spricht verständlich Deutsch, er, der erst seit ein paar Monaten in Deutschland ist.

Die Flüchtlingsdiskussion

HandwerkDeutschland ist sehr gespalten, wenn es um die Thematik Flüchtlinge geht. Wir reden nicht von der losgetretenen Gewalt­orgie in einigen deutschen Kommunen, die seit Wochen die Aufrechten beschämt. Manche Bürger sprechen von Angst und fühlen sich durch Muslime bedroht. Andere halten die Idee, Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt zu integrieren, für ausgemachten Unsinn! Wie es gerade ins Argumentationsmuster passt, werden Zahlen bemüht: Seit Wochen geistert eine Zahl durch die Gazetten: 70 Prozent der Teilnehmer von Flüchtlingsprojekten brechen ihre Fortbildung ab!

Geringe Abbrecherquote

Dr. Frank Bruxmeier, Leiter des Bildungszentrums der Kreishandwerkerschaft Duisburg, widerspricht dieser Auffassung energisch. Bei herkömmlichen Maßnahmen habe er Abbrecherquoten von über 20 Prozent, in den Flüchtlingsmaßnahmen bisher keinen einzigen Abbrecher. Ähnliche Nachrichten gibt es aus Trier, Frankfurt/Oder und Dortmund. Die Münchener Zahl von 70 Prozent relativiert sich, wenn man erfährt, dass die Fortgebildeten nicht einfach nur abbrechen, sondern einige auch direkt eingestellt worden sein sollen. Bruxmeier lobt die hohe Motivation der Teilnehmer. "Als der Lokführerstreik war, standen trotzdem alle Teilnehmer, die aus dem 45 Kilometer entfernten Sonsbeck anreisen mussten, pünktlich hier."

Keine auffällige Steigerung von Straftaten

Die Fortbildungsmaßnahmen seien keine Selbstläufer, sagt Bruxmeier. Die Projekte benötigten dringend Sozialpädagogen, die sich um Flüchtlinge kümmerten. Und natürlich gebe es auch Probleme. So berichtet ein Spitzenvertreter des Handwerks von einem Besuch in einer Vollversammlung in Mecklenburg-Vorpommern. Dort habe ein Unternehmer geklagt, dass sein neuer Mitarbeiter jeden Tag ein neues Problem hatte. Einzelfälle? Vielleicht! Fest steht: Alle, vor allem die Kritiker schauen genau hin, wenn es Auffälligkeiten gibt. Eine Staatsanwältin aus Hessen beklagt, dass die Zahl der Straftaten in die Höhe geschnellt sei. Die Täter kämen vor allem aus dem Flüchtlingsmilieu. Das deckt sich nun gar nicht mit der Untersuchung des Bundeskriminalamtes, das keine auffällige Steigerung von Straftaten feststellt (Siehe Seite 2).

Ein gespaltenes Deutschland

Die Deutschen sind hin und her gerissen. Meldungen des früheren Leiters des ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, dass man nun "ein paar Putzkräfte mehr einstellen" könne, erleichtern die sachliche Analyse nicht gerade. Das Land ist gespalten, die Wissenschaft ist gespalten, die bürgerlichen Milieus sind gespalten. Einzelmeldungen werden generalisiert, die Lösung dadurch zumindest auf mentaler Ebene erheblich erschwert. Das Fatale ist nur, Lösungen müssen her. Das weiß auch der Bundespräsident, der schon mal sehr klar darauf aufmerksam macht, dass die Fortbildung von Flüchtlingen zunächst viel Geld kosten wird und das Land die Früchte der Integration erst viel später einfahren wird. Gauck lobt in diesem Zusammenhang den Handwerkspräsidenten Wollseifer, der ein Unternehmer sei, der "nicht nur rechnen, sondern auch fühlen kann". Er dankte ihm für den humanitären Beitrag, den das Handwerk leiste und leisten wolle. Alle sind sich einig, dass jetzt Mittel für Projekte benötigt werden. (Siehe Seite 2)

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