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Großes Engagement in der beruflichen Bildung

Immer mehr junge Menschen machen eine Ausbildung im Handwerk. Viele Lehrstellen bleiben aber weiterhin unbesetzt. Welche Rückschlüsse der ZDH, SPD und Grüne aus dem Berufsbildungsbericht 2019 ziehen.

"Der Berufsbildungsbericht belegt einmal mehr das große Engagement des Handwerks in der beruflichen Bildung", erklärte Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer mit Blick auf den Berufsbildungsbericht 2019, der am 10. April von Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) vorgestellt worden ist. Foto: © ZDH/Schuering
"Der Berufsbildungsbericht belegt einmal mehr das große Engagement des Handwerks in der beruflichen Bildung", erklärte Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer mit Blick auf den Berufsbildungsbericht 2019, der am 10. April von Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) vorgestellt worden ist.

"Der Berufsbildungsbericht belegt einmal mehr das große Engagement des Handwerks in der beruflichen Bildung", erklärt Hans Peter Wollseifer. Zum einen sei das Ausbildungsplatzangebot gestiegen. "Zum anderen verzeichnen wir mittlerweile im vierten Jahr in Folge ein Plus bei den neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen – trotz sinkender Schulabgängerzahlen und einer anhaltend hohen Studierneigung bei jungen Menschen", so der Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH).

Hohe Ausbildungsbereitschaft der Handwerksbetriebe

Noch stärker als die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge sei allerdings die Zahl der unbesetzt gebliebenen Ausbildungsstellen gestiegen. Allein im Handwerk waren es nach Angaben des ZDH im vergangenen Jahr mehr als 17.000 angebotene Ausbildungsplätze, die nicht besetzt werden konnten – das sei mehr als jede zehnte angebotene Lehrstelle. Betroffen davon seien insbesondere Kleinbetriebe gewesen. "Im positiven Sinne zeigt die hohe Zahl angebotener Ausbildungsplätze die weiter hohe Bereitschaft unserer Betriebe, durch eigenes Ausbildungsengagement zur Fachkräftesicherung beizutragen", meint ZDH-Präsident Wollseifer. Von einer nachlassenden Ausbildungsbereitschaft der Betriebe könne keine Rede sein.

Der aktuelle BerufsbildungsberichtUm das Nachwuchsproblem zu überwinden, greift der im Berufsbildungsbericht skizzierte Ansatz für einen Berufsbildungspakt aus Wollseifers Sicht "bedauerlicherweise zu kurz". Das Handwerk fordere stattdessen eine umfassendere Initiative, die eine strukturelle, institutionelle und finanzielle Stärkung der beruflichen Bildung vorsieht. Im Fokus sollte – wie im Koalitionsvertrag vereinbart – stehen, die "Höhere Berufsbildung" zeitnah zu stärken und eine Exzellenzinitiative für die berufliche Bildung einzuführen. "Die Gleichwertigkeit der beruflichen und akademischen Bildung muss künftig auch bei der Bildungsfinanzierung deutlich werden. Berufliche Bildung sollte uns allemal so viel wert sein wie akademische Bildung."

Es besteht weiterhin Handlungsdruck

Die SPD schließt aus dem von Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) vorgestellten Berufsbildungsbericht, dass weiterhin Handlungsdruck besteht. Für Yasmin Fahimi, zuständige Berichterstatterin der Sozialdemokraten im Bundestag, macht der vom Bundesinstitut für Berufsbildung erstellte Bericht deutlich: "Der Berufsbildungsbericht 2019 gibt uns Rückendeckung. Wir müssen mit der Novelle des Berufsbildungsgesetzes endlich die Berufsausbildung modernisieren und Verbesserungen für die Auszubildenden umsetzen." Dies gelte sowohl für Vergütung als auch für Qualität und Rahmenbedingungen der Ausbildung. Es sei unverantwortlich, diese Reform weiter auf die lange Bank zu schieben und die Erfolgsgeschichte der dualen Ausbildung nicht fortzuschreiben.

Für Yasmin Fahimi zeigt der Bericht, dass die Gesamtzahl der Menschen zwischen 20 und 34 Jahren ohne Berufsabschluss inzwischen auf über zwei Millionen angewachsen ist. "Das ist ein sozial unhaltbarer Zustand", kritisiert die SPD-Politikerin. Für diese Gruppe von Betroffenen müsse man "mit gesonderten Programmen" Brücken in die Zukunft bauen. Das könnte auch eine Chance sein für Klein- und Kleinstbetriebe, die sich laut Bericht überproportional aus der Ausbildung zurückziehen.

Angebot und Nachfrage besser zusammenführen

Die Bildungspolitikerin der Sozialdemokraten hält ein besseres Zusammenführen von Angebot und Nachfrage bei den Ausbildungsplätzen für notwendig, um die 24.500 Ausbildungsplatzsuchenden erfolgreich zu vermitteln. "Es bestätigt sich außerdem erneut, dass Ausbildungsberufe mit schlechter Vergütung und schwierigen Arbeitsbedingungen Probleme haben, Auszubildende für sich zu gewinnen", so Fahimi. Es gelte also, die Ausbildungsbedingungen schnell zu verbessern, vor allem durch eine Mindestausbildungsvergütung.

Lassen Karliczek nicht aus der Verantwortung

Die SPD habe sich im Koalitionsvertrag für einen besonderen Stellenwert der beruflichen Bildung eingesetzt. "Die im Bericht aufgeführten Maßnahmen für eine erfolgreiche Berufsbildung bestätigen unseren Einsatz." Ob dies die Fortführung des Berufsbildungspaktes, die Reform der Pflegeausbildung oder das Qualifizierungschancengesetz betrifft – "wir werden darauf achten, dass Frau Karliczek die vereinbarten Projekte umsetzt und sie nicht aus der Verantwortung lassen".

Wieder mal passt nichts zusammen

"Same procedure as every year", fasst Beate Walter-Rosenheimer, Sprecherin für Aus- und Weiterbildung von Bündnis 90/Die Grünen, die Ergebnisse des Berufsbildungsberichts zusammen. Wie auch schon in den vergangenen Jahren gebe es nicht genügend Ausbildungsplätze für die Jugendlichen, die ins Berufsleben starten wollen. Und noch immer stimme das "Matching" nicht, "Angebot und Nachfrage" auf dem Ausbildungsmarkt passen häufig nicht zusammen.

Gesetzliche Ausbildungsgarantie gefordert

Um diesen Missständen zu begegnen, fordern die Grünen eine umfassende gesetzliche Ausbildungsgarantie. Sie soll allen Jugendlichen einen Ausbildungsplatz zusichern – wenn nicht im Betrieb, dann überbetrieblich. "Des Weiteren wollen wir flächendeckend ein kostengünstiges Azubiticket im Nahverkehr für bessere Mobilität. Um auch vor Ort Wohnraum für Auszubildende anzubieten, fordern wir Azubi-Wohnplätze, angelehnt an das Konzept von Studierendenwohnheimen", erklärt Beate Walter-Rosenheimer. Durch diese Maßnahmen können nach ihrer Einschätzung auch im dualen Ausbildungsbereich ausbildungsplatzsuchende Jugendliche und ausbildungsplatzanbietende Betriebe zusammengebracht und regionale Passungsprobleme verringert werden.
 
Neu im Bericht sei, dass Gesundheits- und Pflege- sowie Sozialberufe erstmals aufgeführt werden. Hier offenbaren sich für die Bildungspolitikerin der Grünen "einmal mehr die Handlungsdefizite der Bundesbildungsministerin". Sie lege den Fokus nicht dahin, wo es wirklich wichtig wäre. Obwohl diese Berufe rund ein Drittel der Ausbildungsmöglichkeiten ausmachen und hier der größte Fachkräftebedarf besteht, werden diese nach ihrem Geschmack nur sehr unzureichend erwähnt. "Hier hat Frau Karliczek wie so oft in der von ihr als so wichtig bezeichneten beruflichen Bildung wieder einmal die Zeichen der Zeit nicht erkannt, sondern überlässt alles seinem ungeregelten Gang."

Wende in der Weiterbildungspolitik nötig

Die Grünen wollen eine Wende in der Weiterbildungspolitik erreichen. Dazu gehören Beate Walter-Rosenheimer zufolge ein Rechtsanspruch auf Weiterbildung, höhere Zuschüsse für Weiterbildungskurse und eine breitere Palette von zertifizierten Weiterbildungen, die staatlich gefördert werden. "Nur so kann dem Fachkräftebedarf in der digitalisierten Welt begegnet werden."

Detaillierte Ergebnisse im BIBB-Datenreport

Mehr Verträge – aber Besetzungsprobleme nehmen zu. Mit diesen Worten fasst das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) die aktuellen Entwicklungen in der dualen Berufsausbildung zusammen. Die zentralen Ergebnisse des Datenreports 2019 des BIBB, der den vom Bundeskabinett verabschiedeten Berufsbildungsbericht 2019 ergänzt, lauten:

Die Nachfrage von Jugendlichen und jungen Erwachsenen nach Ausbildungsstellen und die Zahl der von Betrieben angebotenen Ausbildungsplätze 2018 sind erneut gestiegen. Infolge dieser positiven Entwicklungen wurden mehr Ausbildungsverträge neu abgeschlossen als im Vorjahr.

•    2017: 523.300 neu abgeschlossene Ausbildungsverträge
•    2018: 531.400 neu abgeschlossene Ausbildungsverträge

Die Besetzungsprobleme am Ausbildungsstellenmarkt haben sich jedoch gegenüber den vorangegangenen Jahren weiter verschärft. Das wird an der Zahl der unbesetzt gebliebenen Stellen deutlich.  

•    2017: 49.000 unbesetzte Stellen
•    2018: 57.700 unbesetzte Stellen

Auch der Anteil der unbesetzten Stellen am betrieblichen Gesamtangebot ist erneut gestiegen.

•    2017: 8,8 Prozent
•    2018: 10,0 Prozent

Der Anteil der noch eine Ausbildungsstelle suchenden Bewerber/-innen hat sich hingegen geringfügig verringert.

•    2017: 13,3 Prozent
•    2018: 12,9 Prozent

Es erscheint nach Einschätzung des BIBB zunehmend schwieriger, regionale, qualifikatorische und berufsspezifische Verschiedenheiten auszugleichen.
     
BIBB-Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2019Der Datenreport enthält umfassende Informationen und Analysen zur beruflichen Aus- und Weiterbildung, gibt einen Überblick über Programme des Bundes und der Länder zur Förderung der Berufsausbildung und informiert über internationale Indikatoren und Benchmarks. Schwerpunktthema ist in diesem Jahr "Berufsbildung 4.0 - Fachkräftequalifikationen und Kompetenzen für die digitalisierte Arbeit von morgen".

Text: / handwerksblatt.de

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