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Gesellen und Meister als Botschafter in Schulen

Der jüngste HWK-Hauptgeschäftsführer hat über die Attraktivität von Handwerksberufen promoviert. Neben Schülern will er auch Eltern verstärkt ansprechen und so Auszubildende für das Handwerk gewinnen.

Die  Erfahrungen als ambitionierter Fußballer helfen Till Mischler auch im Berufsalltag: Als "Mittelfeldallrounder" musste er schon früh den Überblick in verschiedenen Lagen bewahren. Foto: © Julia Heinrich-Oppermann
Die Erfahrungen als ambitionierter Fußballer helfen Till Mischler auch im Berufsalltag: Als "Mittelfeldallrounder" musste er schon früh den Überblick in verschiedenen Lagen bewahren.

Dr. Till Mischler, Jahrgang 1987, ist seit einem halben Jahr Hauptgeschäftsführer der HWK der Pfalz. Der in der Westpfalz aufgewachsene Wirtschaftswissenschaftler und Soziologe war von 2013 an bereits zwei Jahre bei der Handwerkskammer der Pfalz als Referent des Hauptgeschäftsführers tätig und danach Referent für Berufliche Bildung und Fachkräfte sowie Handwerksreferent im rheinland-pfälzischen Wirtschaftsministerium.

Handwerksblatt: Welche Arbeitsschwerpunkte haben Sie in der Kammer für die nächsten drei Jahre?

Till Mischler: Es ist schwierig, einzelne Themen herauszugreifen, weil die Herausforderungen für das Handwerk und uns als Kammer sehr vielfältig sind. Aber sicherlich hat die Fachkräftesicherung und damit Nachwuchskräftegewinnung eine hohe Priorität. Da drückt der Schuh wirklich bei den allermeisten Mitgliedsbetrieben. Darum wollen wir zukünftig besonders geschulte junge Gesellen und Meister als Ausbildungsbotschafter in Schulen schicken und authentisch von ihrem Weg ins Handwerk berichten lassen. Ich glaube, sie können am allerbesten ihre Begeisterung fürs Handwerk auf andere Jugendliche übertragen. Und dann wäre da noch die Digitalisierung, die ja in aller Munde ist. Es gilt, unseren Betrieben Hilfestellung bei der Einführung neuer Geschäftsprozesse zu bieten. Auch das Weiterbildungsprogramm möchten wir in diese Richtung ausbauen. Aber auch intern haben wir da noch einiges vor ...

Handwerksblatt: An was denken Sie denn da?

Mischler: Wir möchten das Kundenportal für unsere Mitgliedsbetriebe ausbauen. Im Banking ist das ja schon seit einigen Jahren gang und gäbe, im Handwerk hinken wir da etwas hinterher. Ich möchte möglichst alle Dienstleistungen der Handwerkskammer digital anbinden. Aber bei allen Vorteilen und Chancen der Digitalisierung: Mir sind weiterhin der persönliche Kontakt und die persönliche Beratung sehr wichtig. Der direkte Kontakt zu Mitarbeitern der Handwerkskammer soll deshalb bestehen bleiben.

Handwerksblatt: Eine Fußballvereinsseite im Internet weist Sie als "Mittelfeldallrounder" aus. In dieser zentralen Position mussten Sie immer das ganze Spielfeld im Blick behalten – hilft Ihnen das heute?

Mischler: Oh, das ist schon ein paar Jahre her ... aber ein sehr interessanter Vergleich! Den richtigen Blick "von oben" zu haben ist hier genauso hilfreich wie eine vernünftige Portion Kreativität, Dynamik und Ideen für entscheidende Impulse – wenn ich das jetzt auf den "Mittelfeldallrounder" beziehe. Dabei ist das strategische Denken unverzichtbar. Gemeinsam mit dem Ehrenamt entwickeln wir Strategien, um die Handwerkskammer weiterzuentwickeln, damit das Handwerk "oben mitspielt".

Handwerksblatt: Sie sind der jüngste Hauptgeschäftsführer einer Handwerkskammer in Deutschland. Was machen Sie anders als die "alten Hasen"?

Mischler: Eine Frage zum Alter habe ich ja schon erwartet ... Also zum einen schaue ich schon hier und da, was die "alten Hasen" so machen; man muss ja nicht alles neu erfinden und schon gar nicht alles anders machen. Und doch bringe ich natürlich meine eigenen Ideen mit, die vielleicht auch etwas mit dem Alter zusammenhängen. So bin ich ja ein "Digital Native" – also mit PC und Handy aufgewachsen – und habe da auch eine gewisse Affinität. Auch fühle ich mich der Zielgruppe der Nachwuchskräfte vielleicht gedanklich noch etwas näher als so mancher Kollege, was mir bei der Entwicklung von Maßnahmen zur Berufsorientierung und Nachwuchskräftegewinnung hilft. Vor allem bringe ich aber die Freude mit, Neues auszuprobieren und viele Fragen zu stellen. Manchmal höre ich dann auf die Frage, warum etwas Bestimmtes genau so gemacht wird, die Begründung "Das habe ich noch nie hinterfragt, aber wir machen das schon seit 25 Jahren so". Dann versuche ich, mit den Mitarbeitern in einen offenen Gedankenaustausch zu gehen und gemeinsam neue Lösungen für die bevorstehenden Aufgaben und Herausforderungen zu finden.

Handwerksblatt: Modernere Ausstattung der Bildungsstätten steht vielerorts in den Kammern weit oben auf der Agenda. Bei Ihnen auch?

Mischler: Ja, auf jeden Fall. Ich bin ziemlich stolz auf die Bildungseinrichtungen in un-serem Kammerbezirk. Es ist von zentraler Bedeutung, im Ausbildungsbereich immer auf der Höhe der Technik zu bleiben. Gerade sind wir wieder dabei, Förderanträge für unser Bildungszentrum in Ludwigshafen zu stellen, um das Gebäude und die Infrastruktur auf hohem Niveau für unsere Auszubildenden und Betriebe zu halten. Wir versuchen auch verstärkt Publikum hierherzubringen, um die moderne Welt des Handwerks zu zeigen und darzustellen, was hier für die Nachwuchsausbildung in der ÜLU und auch die Weiterbildung im Handwerk geleistet wird. Wir laden regelmäßig Lehrergruppen ein, die ja wichtige Multiplikatoren in der Berufsorientierung sind, und am 24. August führen wir im Bildungszentrum in Kaiserslautern eine "Nacht des Handwerks" durch. Auch regelmäßige Berufsorientierungsmaßnahmen und Ferienwerkstätten finden hier statt. Ich finde es unglaublich wichtig, Jugendliche zu erreichen und ihnen zeigen zu können, wie attraktiv und vielfältig das Handwerk ist.

Handwerksblatt: Sie haben, ganz praxisnah, über die Attraktivität von Handwerksberufen promoviert. Wo sehen Sie hier Verbesserungsbedarf? Wie können wir, angesichts der großen Fachkräftelücke, die passenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fürs Handwerk finden und begeistern?

Mischler: Nun, das sind dicke Bretter, die wir da bohren müssen: In erster Linie gilt es, auf das Handwerk aufmerksam zu machen, Berufsorientierung durchzuführen. Es ist eklatant, wie wenig Jugendliche über Handwerk wissen. Die meisten Schüler der 9. und 10. Jahrgangsstufe, die ich in meiner Studie befragt hatte, konnten nicht einmal fünf Handwerkberufe aufzählen. Aber auch die Eltern müssen wir gezielter ansprechen. Sie sind wesentlich an der Berufswahlentscheidung ihrer Kinder beteiligt. Somit beziehen wir in der Ansprache unserer Botschaften und Veranstaltungen auch die Eltern als Zielgruppe ein. Auch unsere Betriebe beraten wir, wie sie sich als guter Arbeitgeber auf dem Ausbildungsmarkt positionieren können. Ich meine, dass wir auch hier auf einem guten Weg sind: Wir haben nun im zweiten Jahr in Folge steigende Lehrlingszahlen. Das ist für mich ein Ansporn, nicht nachzulassen. Insgesamt erachte ich aber eine gesellschaftliche Debatte über die Wertigkeit des Handwerks als notwendig. Das Handwerk bietet mehr, kann mehr und ist aus meiner Sicht auch mehr wert, als ihm oft nachgesagt wird. Deshalb möchte ich auch unsere Pressearbeit intensivieren und zeigen, was im Handwerk alles geleistet und geboten wird.

Handwerksblatt: Die Digitalisierung ist eines der wohl wichtigsten Themen in der Wirtschaft und auch in den Kammern. Wie ist der Stand in der Pfalz, sind Sie mit der Infrastruktur und den Bedingungen zufrieden?

Mischler: Wie bereits gesagt, ist die digitale Transformation aus den Bildungszentren in das pfälzische Handwerk eines unserer wichtigsten Anliegen. Auszubildende lernen in der überbetrieblichen Ausbildung den Umgang mit modernsten Technologien und die Ausbildungsbetriebe können davon profitieren. Darüber hinaus setzen wir mittlerweile einen Digitalisierungsberater ein, der unsere Mitgliedsbetriebe bei ihren Fragen rund um die Digitalisierung unterstützt und ihnen praktische Wege aufzeigt, wie sie ihre Prozesse modernisieren können. Insofern sehe ich das Beratungsteam unserer Handwerkskammer gut aufgestellt. Was die Infrastruktur in der Fläche angeht, so ist in der Tat noch Luft nach oben. Solange nicht gewährleistet ist, dass auch Betriebe im ländlichen Raum über schnelles Internet verfügen, so lange ist hier sicherlich noch Handlungsbedarf.

Handwerksblatt: Die Nähe zu Frankreich prägt Ihre Heimatregion. Sehen Sie auch die Kammer in einer besonderen Rolle?

Mischler: Die Handwerkskammer der Pfalz pflegt seit vielen Jahren – auch aufgrund der geografischen Nähe – sehr gute Beziehungen zu Frankreich. Dies spiegelt sich in Austauschprogrammen, grenzüberschreitender Ausbildung und verschiedenen Kooperationsprojekten wider. So hatten wir kürzlich gemeinsam mit dem ehemaligen französischen Wirtschaftsminister Jean Arthuis eine Vereinbarung unterzeichnet, bei der es darum geht, die Partnerschaft zwischen europäischen Bildungseinrichtungen zu vertiefen und zu fördern. Konkret sollen Lernergebnisse von Auszubildenden bei Auslandsaufenthalten anerkannt und mit einem Zertifikat belegt werden. Ich bin guter Dinge, dass wir es auch zukünftig schaffen, die bürokratischen Hürden für grenzüberschreitend tätige Betriebe senken zu können und weiterhin gut und lösungsorientiert zusammenzuarbeiten.

Handwerksblatt: Spielen Sie noch immer Fußball? Welche Hobbys helfen Ihnen noch dabei, den Kopf einmal nicht mit Handwerksthemen zu befassen?

Mischler: Momentan fehlt mir neben Beruf und Familie einfach die Zeit, Fußball in einem Verein zu spielen. Und dennoch ist der Sport ein guter Ausgleich für mich. Derzeit vor allem das Laufen und Mountainbiken, gelegentlich spiele ich noch in einem Hobbykick mit. 

Text: / handwerksblatt.de
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