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Geigenbau: Kreatives Chaos mit Meister-Plan

Daniel Kress ist mit Leib und Seele Geigenbauer. Außerdem ist er auch ein vehementer Verfechter des Meisterbriefs – und damit steht er nicht allein. Der Verband Deutscher Geigenbauer und Bogenmacher (VDG) nimmt nur Meister auf.

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Kress´ Werkstatt beherbergt gut 100 Instrumente, neu gebaute, zu restaurierende und Leihinstrumente. Zwischen den zahlreichen Kontrabässen, auf deren Restaurierung er sich spezialisiert hat, den vielen Geigen und Celli findet ein Kunde kaum einen Weg durch die Drei-Zimmer-Wohnung im Kölner Westen. Doch was auf den ersten Blick unordentlich scheint, hat in Wahrheit großen unternehmerischen Plan. „Aus einem ersten Auftrag ein florierendes Unternehmen aufzubauen, ist nicht leicht“, urteilt Kress. „Das Rüstzeug dazu hat mir die Meisterausbildung vermittelt.“

Anfang 2005 hat Daniel Kress sich selbstständig gemacht. An die Lehre als 17-Jähriger an der Mittenwalder Geigenbauschule schloss sich eine erste Anstellung beim traditionsreichen Kontrabassbauer Pöllmann an. „Ich hatte als erster Angestellter im Mittenwalder Betrieb ideale Arbeitsbedingungen, um mich zu entwickeln“, erinnert sich der heute 35-Jährige, „konnte mir viel selbst erarbeiten und mich auf gleicher Augenhöhe mit meinem Meister austauschen.“

Vater sorgte für Startkapital

In zwei weiteren Geigenbauwerkstätten, bei Jaumann in München und Bünnagel in Köln sammelte er Erfahrungen, bevor er sich zum Meisterprüfungskurs an der Handwerkskammer Düsseldorf anmeldete. „Ich habe mich für einen sechswöchigen Crashkurs entschieden, um mich dann möglichst schnell selbstständig machen zu können“, erzählt er. Damals war der Meisterbrief noch Voraussetzung für ein eigenes Unternehmen. Erst 2004 rutschte das Geigenbauergewerk im Zuge der Handwerksnovelle in die Riege der zulassungsfreien Handwerke.

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Foto: Andreas Woitschützke
Die Erinnerung an eine wirtschaftlich sehr schwierige Zeit ist noch lebendig. „Die Kosten für die Meisterprüfung konnte ich mit meinem Angestelltengehalt nicht aufbringen“, erinnert sich der Geigenbauer. „Die musste mir mein Vater spendieren.“ Auch für ein wenig Startkapital sorgte der Vater bevor der Sohn dann eigenverantwortlich seine Geigenbauwerkstatt aufbaute. Angefangen habe er ohne Dispokredit, der erste über 5.000 Euro nach drei Jahren erlaubte ihn erstmals, mit kostbaren Instrumenten zu handeln, und heute „bewege ich viel Geld“.

Unternehmerischer Plan ist wichtig

Unternehmerisches Denken ist Daniel Kress zwar in die Wiege gelegt – der Vater war als Bankfachmann tätig – doch die Details der Unternehmensführung lehrten ihn erst seine Lehrer in der Meisterausbildung. „Man muss einen unternehmerischen Plan haben“, betont der Handwerker, „es reicht nicht, einfach nur gute Geigen zu bauen.“

Marktstrategien zu entwickeln, ein Marketing und eine Logistik aufzubauen sei immens wichtig für einen florierenden Betrieb. Als Unternehmer müsse man plötzlich Kalkulationen und Kostenvoranschläge erstellen. Auch sei es unverzichtbar, einen Einblick die Arbeit von Buchhalter, Steuerberater oder Anwalt zu bekommen. „Wenn ich sie nicht verstehe, kann ich weder ihre Qualität beurteilen noch Weichen stellen.“

Einfühlungsvermögen, Rücksicht und Achtung

Ein Sechs-Wochen-Meisterkurs bietet natürlich nur kleine Einblicke in all diese verschiedenen Facetten der Unternehmensführung. Dennoch: „Ich habe gelernt, wo ich aufmerken, welche Fragen ich stellen muss, die Lösungen lernt man dann in der Praxis.“ So müsse man etwa wissen, dass es ganz verschiedene Möglichkeiten gibt, den Verkauf einer Geige zu versteuern. „Der Gewinn, den so ein Geschäft ergibt, hängt unmittelbar davon ab“, schmunzelt er, „bei teuren Instrumenten geht es dabei um sehr viel Geld.“

Nicht zuletzt wertschätzt Kress auch das Meisterkurs-Training, mit Mitarbeitern umzugehen. „Immerhin dürfte ich heute Lehrlinge ausbilden.“ Seine Lehrer in der Meisterschule haben immer wieder betont, dass erst Einfühlungsvermögen, Rücksicht und Achtung eine gute Zusammenarbeit ermöglichen.

Kress‘ Kunden profitieren von seiner Philiosophie

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Foto: Andreas Woitschützke
„Ich kenne sehr wohl die Unterschiede“, erinnert er sich an seine verschiedenen Anstellungen als Geselle. „Heute hinterfrage ich gemeinsam mit meinem Mitarbeiter alle Arbeitsschritte“, erklärt er. „Das ist wichtig, denn auch er muss natürlich die Qualität meiner Arbeit erreichen, um den Betrieb mit fortzuentwickeln.“

Auch Kress‘ Kunden profitieren von dieser Philiosophie. „Ich habe immer viel Zeit für Gespräche“, betont er, „gerade bei Musikern halte ich das für wichtig.“ Nur so lasse sich ein Vertrauensverhältnis aufbauen. Der Meisterbrief leiste ihm da gute Dienste. „Er hängt in meinem größten Werkstattzimmer und wird von vielen Kunden zur Kenntnis genommen.“

Daniel Kress ist mittlerweile weit über die Grenzen Kölns hinaus bekannt, Musiker aus allen Teilen Deutschlands und auch aus dem Ausland vertrauen ihm ihre Instrumente für Klangoptimierung oder Reparatur an oder fragen nach seinen Neubauten. Und gerade im Ausland besitzt der Meisterbrief besonderes Renommèe. „Einmal in Japan wollten Kunden unbedingt eine Meister-Geige kaufen“, lacht Kress. „Damals war ich leider noch keiner."

Weitere Informationen auf den Internetseiten von Daniel Kress.

Geigenbauerverband: Kein Mitglied ohne Meisterbrief

Wer Mitglied im Verband Deutscher Geigenbauer und Bogenmacher werden möchte, muss nach wie vor einen Meisterbrief vorweisen. „Wir sind ein privater Verein“, erklärt Andreas Kägi, der bis Ende April Vorsitzender des Verbands war, „wir dürfen eine solche Bedingung stellen.“ Man sei der Ansicht, dass erst der Meisterbrief zeige, dass sich jemand wirklich mit dem Beruf befasst hat.

Nur Ausländer, die mittlerweile zahlreich in dem Verband vertreten sind und in ihrem Land keine Möglichkeit haben, den Meisterbrief zu erwerben, können auch vergleichbare Leistungen vorweisen. Die Ansprüche an die Meisterprüflinge steigen indes, der Umfang der erforderlichen Theoriekenntnisse wächst. Frühestens nach drei Jahren Gesellenzeit ist es möglich, die Meisterprüfung abzulegen, „viele aber brauchen fünf oder sechs Jahre Praxis“, so Kägi. Die unternehmerische Ausbildung hält Kägi für besonders wichtig. „Das Meisterwesen sollte keinesfalls abgeschafft werden.“

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