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Gelungene Schlüsselübergabe

Jährlich werden zigtausend Betriebe übergeben. Wer sind die Unternehmer, die ihr Lebenswerk in jüngere Hände geben und wer sind die Neuen, die die Übernahme wagen? Schildern Sie uns Ihr Übernahmeprojekt und wir stellen es in handwerksblatt.de vor.

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Jede Betriebsschließung vernichtet Know-how, Kapital und den Kundenstamm. Dem Bochumer Unternehmer Johann Philipps liegt das Thema Nachfolge sehr am Herzen. Die schrittweise Übergabe der Firmenleitung seines 100-Mann-starken Haustechnik-Unternehmens an seine beiden Kinder Johannes und Christina inszeniert er daher öffentlich, um auf die Problematik aufmerksam zu machen. 

Johann Philipps ist ein Mann klarer Worte: „Wenn der Unternehmer am Freitagmittag seinen Betrieb dichtmacht und mit der Familie bis Sonntag abend ins Sauerland fährt, dann  ist er einfach satt.“ Aus Sicht des Geschäftsführers der Johann Philipps GmbH & Co. KG ist es dann zu spät für eine Betriebsübergabe. „Dann hat der Chef keine Dynamik mehr und hängt mit seinem Herzen nicht mehr an der Firma.“ 

Mit jeder Schließung gehen Know-how, Betriebskapital und gebundene Kunden verloren

Das hat fatale Folgen, denn ein Betrieb, in den nicht mehr investiert wurde, findet nur schwer einen Nachfolger. „Alleine in Nordrhein-Westfalen gibt es 20.000 Betriebe, die in den nächsten fünf Jahren nur durch Betriebsnachfolger am Leben erhalten werden können.“ Wenn man davon ausgeht, dass ein Betrieb im Schnitt sechs Mitarbeiter beschäftigt, sind 120.000 Stellen betroffen. Philipps: „Jede Betriebsschließung vernichtet Know-how, Betriebskapital und gebundene Kunden.“

Haben auch Sie Ihr Unternehmen erfolgreich in jüngere Hände gegeben, oder planen Sie zurzeit eine Übergabe? Haben Sie einen alteingesessenen Betrieb übernommen - vom Vater, ehemaligen Chef oder einem bis dahin fremden Handwerksmeister? Dann schreiben Sie uns eine Mail an flatt@handwerksblatt.de und schildern Sie uns Ihre Betriebsübergabe. Wir werden die Beispiele dann hier unter handwerksblatt.de veröffentlichen.


 




In seiner 80-jährigen Geschichte hat sich das Unternehmen nach eigenen Angaben zu einem der größten Betriebe im Bereich der gesamten Haustechnik einschließlich Kundendienst im mittleren Ruhrgebiet entwickelt. Heute gibt die Firma Philipps 100 Mitarbeitern inklusive 15 Lehrlingen Arbeit. In der Firmengeschichte wurden schon 190 Lehrlinge ausgebildet.

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Gut gerüstet für die Zukunft: Christina und Johannes Philipps werden einmal den Betrieb ihrer Eltern, die Johann Philipps GmbH & Co. KG, übernehmen. Prokura haben sie bereits. Derzeit sind Johann (r.) und Angelika Philipps sowie Robert Biermann Geschäftsführer des Haustechnikunternehmens.              
Foto: Ruhr Nachrichten Bochum, Grosler
Damit das auch in Zukunft so bleibt, wird die Übergabe an die dritte Generation im Hause Philipps von langer Hand vorbereitet. Philipps hat seiner Tochter Christina (27) und seinem Sohn Johannes (28) jetzt Prokura gegeben – mit der Option zur Übernahme spätestens am 19. Dezember 2008. Christina Philipps ist studierte Elektrotechnikerin, ihr Bruder Johannes hat ein Studium der Versorgungstechnik an der FH Gelsenkirchen absolviert und seine Gesellenprüfung als Anlagenmechaniker für Sanitär- und Heizungstechnik in der Tasche. Beide sind schon am 1. Januar 2001, also zu Beginn ihres Studiums, mit jeweils 30 Prozent an der Holding der Firmengruppe Philipps beteiligt worden. „Das war ein enormer Vertrauensvorschuss, den uns unsere Eltern damals gegeben haben. Und ich bin und war mir immer sicher, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe, denn unsere Eltern führen einen gesunden und innovativen Betrieb“, sagt Johannes Philipps, Enkel des Firmengründers Johann Philipps senior. Seine Schwester Christina ergänzt: „Für mich stand es nie außer Frage, dass ich einmal in unserem Unternehmen arbeiten werde. Ich bin stolz auf unsere Familie.“

Johann Philipps möchte das in die Öffentlichkeit tragen.  „Wir müssen der Jugend eine Chance geben. Und gestandene Betriebsinhaber sollen am Beispiel unseres Unternehmens sehen: Schon Studenten können Gesellschafter werden, junge Leute können schon Prokura bekommen.“ Es müsse auch nicht zementiert sein, dass das immer die eigenen Kinder sind. „Kraft und Dynamik gibt es auch in der Arbeitnehmerschaft. Wir müssen diese Dynamik aber  freisetzen.“ Auch müsse man die Betriebsinhaber ermuntern, frühzeitig loszulassen.

300 Lehrlinge sind 300 potenzielle Nachfolger

Johann Philipps ist überzeugt, dass 300 Lehrlinge 300 potenzielle Nachfolger sind. Beim Thema Betriebsnachfolge habe in den letzten Jahren zu Recht ein Umdenken eingesetzt: „Früher wurden vornehmlich die unterstützt, die abgeben wollten. Heute müssen wir uns um die jungen Leute kümmern, die übernehmen, denn sie sind es, die die Arbeitsplätze sichern“, sagt Philipps, der als Kreishandwerksmeister in Bochum und  bei den Innungsversammlungen immer wieder das Nachfolgethema auf die Tagesordnung bringt. Vor allem ärgert er sich dann über die Formalitäten, die ein Gründer in Deutschland zu erledigen hat. Beispielsweise die Anmeldungen bei der Kammer, dem Ordnungsamt, dem Gewerbe-, Umwelt- und Finanzamt, der Berufsgenossenschaft, dem Rentenversicherungsträger, der Innung, der tariflichen Sozialkasse, dem Handelsregistergericht, der Arbeitsagentur...

Nach einer Studie der Weltbank bedeuten die Anmeldungen für den Existenzgründer in Deutschland einen Aufwand von 24 Tagen, wobei bis zur Aufnahme der Geschäftstätigkeit neun, oft sogar zehn Prozesse durchlaufen werden müssen. In den Niederlanden ist er in sieben Tagen für seine Kunden da, in Australien sogar in zwei Tagen. „Bürokratie hindert die Lust an der Selbstständkeit. Wir brauchen daher Startercenter, damit die Gründer alles an einem Ort erledigen können“, so Philipps. Immerhin: In NRW sollen solche Startercenter dieser Tage eröffnet werden. Eines verhehlt Johann Philipps nicht: „Wer einen Betrieb übernimmt, muss sich darauf einstellen, dass er mindestens drei Jahre keinen Urlaub nehmen kann, dass die Mittagspause eher kurz ausfällt und viele Wochenenden durchgearbeitet werden müssen.“ Der Ausflug mit der Familie im Sauerland fällt dann flach.

 

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