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Handwerk: Wenn die Chefin schwanger wird

Wenn eine Angestellte schwanger wird, sind die Regeln klar: Bestimmte Arbeiten sind nicht mehr erlaubt, sechs Wochen vor und acht Wochen nach der Entbindung darf sie nicht mehr arbeiten, drei Jahre wird ihre Stelle freigehalten. Aber was passiert in kleinen Handwerks-Betrieben, wenn die Chefin selbst schwanger wird?

Chefin Schwanger
Foto: 123rf


Während der Bauch größer wird, wachsen auch die Sorgen. Denn die selbstständige Kleinunternehmerin muss sich jetzt vor sich selbst schützen: Stundenlanges Stehen – wie im Friseurberuf üblich – ist oft nicht mehr möglich, Malerinnen dürfen nicht mehr mit bestimmten Lösungsmitteln arbeiten, das Bücken beim Anprobieren ist für Schneiderinnen in den letzten Monaten eine Qual. Gut zu wissen, dass es für Selbstständige keine Mutterschutzfristen und kein gesetzliches Beschäftigungsverbot gibt. Sie können also theoretisch bis zum Tag der Entbindung und sofort danach wieder im eigenen Betrieb arbeiten. Zumindest aus der Sicht des Gesetzgebers.

Doch die Wirklichkeit sieht meist anders aus. Da kommen zu den ganz praktischen Problemen knallharte wirtschaftliche Sorgen: Wer kümmert sich in den Wochen vor und nach der Entbindung um den Betrieb? Denn typischerweise gründen Frauen Kleinstbetriebe, sind sie oft – wie etliche Untersuchungen bestätigen – Einzelunternehmerinnen, ist ihre eigene Arbeitskraft im Betrieb unverzichtbar.

Gerade in den schwierigen ersten Jahren nach der Firmengründungen können sie sich keine Angestellte als Vertretung leisten. Kommt es durch Schwangerschaft/Geburt und den Spagat zwischen Betrieb und Kind zu Auftragseinbußen und Umsatzrückgängen, gerät der kleine Betrieb schnell in Gefahr. Dann droht die Insolvenz und damit auch der Verlust von Arbeitsplätzen und Lehrstellen.

Schwangerschaft: Kein "unvorhergesehenes Ereignis"

Warum der Betrieb ins Schleudern gerät, ist übrigens keineswegs gleichgültig: Ist es auf Grund einer vorübergehend schlechten Marktlage, kann ein Betriebsinhaber Kurzarbeitergeld beantragen. Ist es auf Grund einer Schwangerschaft, hat die Betriebsinhaberin Pech gehabt: Schwangerschaft und Mutterschaft sind nach der derzeitigen Gesetzgebung kein ausreichender Grund für Kurzarbeitergeld. Denn sie sind keine "unvorhergesehenes Ereignis".

Es sind diese Ungerechtigkeiten, die die Unternehmerinnen ärgern, betont Irene Schiefen von der Regionalstelle "Frau und Beruf" der Stadt Duisburg, die sich seit Jahren mit diesem Thema befasst. Die Selbstständigen erwarteten nicht die gleiche Absicherung wie angestellte Frauen. Aber "zumindest eine Grundsicherung, damit ihre Existenz nicht in Gefahr gerät".

Sorgfältige Prüfung der Krankenkassenangebote

Die Verwirrung für die angehenden Mütter wird perfekt, wenn es um das Mutterschaftsgeld geht. Relativ einfach haben es da noch die Frauen, die sich privat versichert haben. Sie bekommen nichts. 
Handwerk
Foto: bilderbox
Sehr vielfältig sind die Antworten, die schwangere Chefinnen von den gesetzlichen Krankenkassen bekommen. Sie reichen von "Die Auszahlung ist gewinnabhängig" bis hin zu der Auskunft, dass das Krankentagegeld nur dann gezahlt werde, wenn man mindestens mal sechs, mal zwölf Monate versichert gewesen ist. Die rechtliche Grauzone hat sich in den letzten Jahren allerdings etwas erhellt.

Auf jeden Fall rät Irene Schiefen Unternehmerinnen, die eine Familiengründung nicht ausschließen, bei der Wahl ihrer Krankenkasse sehr gründlich vorzugehen. Also die Kosten für alle Lebenslagen gegenüberzustellen und auch das Kleingedruckte gründlich zu prüfen Denn in manchen gesetzlichen Kassen ist das Mutterschaftsgeld zum Beispiel nur eine "Kann-Leistung".

Was geschieht mit den Auszubildenden?

HandwerkHat sich die Unternehmerin auch für den Nachwuchs anderer Menschen engagiert und bildet Lehrlinge aus, steht sie vor einem weiteren Problem. Denn bei gefahrengeneigten Handwerken hat sie uneingeschränkte Aufsichtspflicht. Ob ein Mitarbeiter in den Wochen vor oder nach der Entbindung diese Aufsicht übernehmen kann, oder ob der Auszubildende besser in einen anderen Betrieb wechselt – auch das muss die schwangere Chefin noch vor der Entbindung klären.

Das ist sowieso der wichtigste Ratschlag, den Irene Schiefen für eine schwangere Chefin hat: "Informieren Sie sich sofort sehr gründlich, wenn sie von der Schwangerschaft erfahren. Warten Sie nicht bis zum Schluss bis der schwangerschaftsbedingte Notfall eintritt. Denn das Fazit aller bisherigen Untersuchungen sollte die Frauen aufschrecken: Unternehmerinnen müssen neben dem unternehmerischen Wagnis auch das gesundheitliche Risiko einer Schwangerschaft vollkommen alleine tragen. Zu diesem Schluss kam die Studie "Betriebsrisiko Mutterschutz". Und dieses Ergebnis widerspricht sogar dem Grundgesetz. Denn darin heißt es schlicht: "Jede Mutter hat Anspruch auf den Schutz und die Fürsorge der Gemeinschaft." Auch die Chefin.

Mutterschutz: Das Mutterschutzgesetz gilt nur abhängig beschäftigte Arbeitnehmerinnen. Für Selbstständige gibt es keine Mutterschutzfristen.

Mutterschaftsgeld: Das bekommen nur Unternehmerinnen, die freiwillig in einer gesetzlichen Krankenkasse versichert sind und den Anspruch auf Krankengeld bei Arbeitsunfähigkeit mitversichert haben.

Erziehungsgeld: Das bekommen Selbstständige zwei Jahre lang, wenn sie nicht mehr als 30 Stunden in der Woche arbeiten und ihr Einkommen 30.000 Euro bei Paaren/23.000 Euro bei Alleinerziehenden nicht übersteigt. Die Einkommensgrenze sinkt nach sieben Monaten auf 16.500/13.500 Euro, jedes weitere Kind erhöht die Einkommensgrenze aber um 3.140 Euro. Gesetzlich Krankenversicherten wird es auf das Erziehungsgeld angerechnet. Informationen dazu finden Sie hier und hier.

Kindergeld: Das bekommen auch Unternehmerinnen. Es ist einkommensunabhängig, für die ersten zwei Kinder gibt es jeweils 164 Euro, für das dritte Kind 170 Euro, für jedes weitere Kind 195 Euro.
Informationen dazu bekommen Sie hier und hier.

Kinderzuschlag: Nach der Entbindung könnte vorübergehend z.B. durch Arbeitsausfälle eine Situation entstehen, in der die Chefin ihren eigenen Bedarf durch ihr Einkommen zwar decken kann, nicht aber den zusätzlichen Bedarf des Kindes. In dem Fall kann sie bei der Familienkasse einen Kinderzuschlag beantragen.
Informationen dazu bekommen Sie hier und hier.

Krankenversicherung: Wer freiwillig in der gesetzlichen Krankenversicherung ist, genießt neben dem Mutterschaftsgeld in dieser Zeit auch Beitragsfreiheit. Bei den privaten Krankenversicherungen gibt es zurzeit keine dieser Leistungen.

Auszubildende:
Unternehmerinnen sind für die Auszubildenden verantwortlich, bei gefahrengeneigten Handwerken hat sie eine uneingeschränkte Aufsichtspflicht. Vor der Entbindung sollten die Chefin also unbedingt prüfen, ob eine Angestellte diese Aufsichtspflicht per Ausnahmegenehmigung übernehmen kann. In manchen Fällen ist es besser, wenn der Lehrling die Ausbildung in einem anderen Betrieb fortsetzt. In solchen Fragen helfen die Ausbildungsberatungsstellen der Handwerkskammern.

Der Flyer "Wenn die Chefin schwanger wird" zum Download"

Quelle: Wenn die Chefin schwanger ist. Tipps für Gründerinnen und Unternehmerinnen.

Ulrike Lotze 
Familie und Beruf unter einem Hut
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Wenn die Chefin schwanger wird

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