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Eine erfüllende Tätigkeit

Der Senior Experten Service setzt sich gegen Ausbildungsabbrüche ein. In Schwerte hilft ein pensionierter Metallbaumeister dem 22-jährigen Azubi Tidjanne Bah beim Vokabel lernen.

Im Betrieb: (v.l.) Tidjanne Bah mit Ausbilder und Betriebsinhaber Bernhardt Brauckmann, Seniorexperten Wolfgang Korsen und Angela Hövelmann, SES-Regionalkoordinatorin. Foto: © HWK Dortmund
Im Betrieb: (v.l.) Tidjanne Bah mit Ausbilder und Betriebsinhaber Bernhardt Brauckmann, Seniorexperten Wolfgang Korsen und Angela Hövelmann, SES-Regionalkoordinatorin.

Dass Tidjanne Bah in seiner Ausbildung zum Kraftfahrzeuglackierer im dritten Lehrjahr so motiviert und engagiert bei der Sache ist, ist nicht selbstverständlich. Seine gute Entwicklung im Schwerter Betrieb und in der Berufsschule hat er zu einem großen Teil VerA zu verdanken.

Bei VerA handelt es sich keineswegs um eine Person. Vielmehr ist es die Abkürzung für eine Initiative zur Verhinderung von Ausbildungsabbrüchen des Senior Experten Services (SES), unterstützt unter anderem durch den Deutschen Handwerkskammer Tag (DHKT) und die Handwerkskammer (HWK) Dortmund.

Die Sprachbarrieren waren das größte Problem

Schon im ersten Ausbildungsjahr bemerkte Bernhard Brauckmann, Bahs Ausbilder und Inhaber eines Lackier- und Karosseriezentrums, dass der aus Guinea stammende Auszubildende zwar überaus fleißig war, die sprachlichen Defizite, besonders in puncto Fachsprache, aber für immer mehr Probleme sorgten. "Wenn ich ihn beispielsweise darum bat, eine Bohrmaschine zu holen, ist er zwar zielgerichtet auf die Werkzeuge zugegangen, wusste dann aber nicht, welches genau gemeint war. Aus Angst, mit seinen Fragen zu nerven, kam für ihn dann irgendwann natürlich der Frust. Er wollte schließlich, aber konnte nicht", erzählt Brauckmann. Auch in der Berufsschule habe ihn die Sprachbarriere immer wieder zurückgeworfen.

"Da die Klassen oft gemischt sind und Auszubildende aus unterschiedlichen Gewerken nebeneinander lernen, können fachspezifische Begriffe meist nicht gezielt behandelt werden", sagt der Ausbilder. Zudem musste der geflüchtete Tidjanne Bah sich auf seinen neuen Alltag in einer fremden Umgebung, einem anderen Land einstellen. Alles war anders, alles ungewohnt.

Brauckmann hat sich als Ausbilder zwar viel Zeit für seinen jungen Kollegen genommen, musste aber auch seinen eigenen Verbindlichkeiten nachkommen. Also wurde nach einer anderen Lösung gesucht, um dem 22-Jährigen unter die Arme zu greifen. Der erste Weg, so Brauckmann, führte zur Arbeitsagentur. "Wir haben dort um Hilfe gebeten und wurden auf den SES und die VerA-Initiative aufmerksam gemacht. Kurz darauf stand Wolfgang Korsen im Betrieb und bot unverzüglich seine Hilfe an."

Metallbaumeister Wolfgang Korsen hilft beim Vokabel-Training

Von da an sollte es bergauf gehen. Der Weg jedoch war und ist steinig. "Wir haben uns Stück für Stück vorgearbeitet. Nachdem Herr Bah und ich beschlossen haben, miteinander zu arbeiten, haben wir uns an mehreren Tagen im Monat nach seinem Feierabend getroffen, zum Mathe- und Deutschlernen", erinnert sich Korsen, der seit 2014, kurz nach seinem Rentenantritt, als Senior Experte jungen Menschen hilft, in der Ausbildung wieder Fuß zu fassen.

"Als gelernter Metallbaumeister wollte ich mich nach dem aktiven Berufsleben ehrenamtlich engagieren. Über die Ausbildungsberatung der Handwerkskammer Dortmund wurde ich auf den SES aufmerksam und ließ mich registrieren. Kurz darauf wurde ich zum ersten Mal eingesetzt. Seit 2016 begleite ich nun auch Herrn Bah", erzählt Korsen. Mit seinem Handwerks-Know-how kann er auch bei fachspezifischen Fragen unterstützen und kommt auf Wunsch auch in den Betrieb während der Arbeitszeit."

Persönlicher Draht zu den "Schützlingen"

Neben dem reinen Vokabeln lernen begleitet er Bah aber auch bei Ämtergängen und in schulischen Angelegenheiten. Mit Ausbilder Bernhard Brauckmann gibt es zudem regelmäßigen Austausch. Und besonders der sei für Korsen wichtig, damit es funktioniert.

Durch den intensiven Kontakt, der je nach Bedarf vereinbart wird, entsteht oftmals neben der reinen Zusammenarbeit auch ein persönlicher Draht zwischen einem Senior Experten und dessen "Schützlingen", wie auch Korsen schon einige Male festgestellt hat. "Das lässt sich über die Zeit kaum vermeiden, ist aber ein sehr positiver und erfüllender Nebeneffekt", erklärt der zweifache Großvater, der sich neben dem Beruf auch noch vier Jahrzehnte in der Jugendarbeit engagierte.

Zurzeit betreut der 70-jährige Ehrenamtler neben Bah noch einen weiteren Auszubildenden in Schwerte, wo er lebt. Ein Dritter habe erst kürzlich seine Ausbildung erfolgreich beendet. Das sei ein motivierender Glücksmoment für alle Beteiligten gewesen. "So etwas zeigt, wie gewinnbringend eine fürsorgliche und persönliche Betreuung durch den SES für Auszubildende mit Defiziten und deren Ausbildungsbetriebe sein kann."

Für Tidjanne Bah wünschen sich Korsen und Brauckmann, dass auch er seine Ausbildung abschließt und dem Betrieb als Fachkraft erhalten bleibt. "Gerne aber mit einem zusätzlichen Ausbildungsjahr", sagt der Senior Experte. Die investierte Zeit werde sich langfristig gesehen lohnen.

Interview: "Hindernisse aus dem Weg schaffen"

Angela Hövelmann ist Regionalkoordinatorin des Senior Experten Service (SES) Dortmund

Das ehrenamtliche Engagement von Angela Hövelmann ist enorm. Die ehemalige Oberstudiendirektorin und Leiterin eines Berufskollegs setzt sich als Regionalkoordinatorin des Dortmunder Senior Experten Service (SES) mit der SES-Initiative VerA gegen Ausbildungsabbrüche ein.

Foto: © HWK Dortmund Foto: © HWK Dortmund HWK Dortmund: Wer kann sich als Senior Experte registrieren lassen?

Hövelmann: Fachleute aus dem Kammerbezirk im Ruhestand, die Interesse haben, sich mit ihrem beruflichen Know-how für Jugendliche mit Schwierigkeiten in der Ausbildung einzusetzen, können als ehrenamtliche Senior Experten viel bewirken. Eine E-Mail oder ein Anruf bei uns genügt, und wir laden gerne zu einem persönlichen Kennenlernen ein.

HWK Dortmund: Wo und in welchem Zeitrahmen werden die Senior Experten eingesetzt?

Hövelmann: Immer dann, wenn von Seiten eines Auszubildenden oder eines Betriebs der Kontakt zu uns gesucht wird, schauen wir, wer aus der näheren Umgebung geeignet sein könnte. Wir informieren den entsprechenden Senior Experten anschließend über die Anfrage und koordinieren die weiteren Schritte. Der Experte entscheidet selbst darüber, ob seinerseits Kapazitäten vorhanden sind und anschließend natürlich gemeinsam mit dem Auszubildenden, ob man sich eine Zusammenarbeit vorstellen kann. Den zeitlichen Rahmen innerhalb des sogenannten ,Tandem-Projekts‘ stimmen die Parteien ebenfalls individuell untereinander ab.

Das Interview führte Kätrin Brillowski

Hintergrund:

Im Kammerbezirk der HWK Dortmund sind derzeit 37 Senior Experten im Einsatz. Deutschlandweit sind es über 2.600. 80 Prozent der von Ihnen begleiteten Jugendlichen schließen die Ausbildung ab oder führen diese erfolgreich weiter.

Mehr Informationen zum Senior Experten Service (SES) und zur SES-Initiative VerA gibt es bei:

Klaus Engelhardt
HWK-Ausbildungsberater
Tel.: 0231 / 5493-642
E-Mail: Klaus.Engelhardt@hwk-do.de
vera.ses-bonn.de

Text: / handwerksblatt.de
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