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Abschaffung der Wehrpflicht war ein Fehler!

Für Männer aus prekären Verhältnissen bot die Bundeswehr eine gute Verhaltens- und Entwicklungsschule. Ein Kommentar von Axel Fuhrmann, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Düsseldorf.

Wehrpflicht
Für viele junge Männer war die Bundeswehr eine reale Möglichkeit, eine zweite Chance zu bekommen. (Foto: 123rf)

Fuhrmann 2011 kleinSeit fünf Jahren ist die Wehrpflicht in Deutschland ausgesetzt. Seit dem 1. Juli 2011 muss kein junger Mann mehr damit rechnen, für eine gewisse Zeit – zuletzt sechs Monate – dem Staat als Soldat zu "dienen". Die Entwicklung von der Wehrpflicht hin zur Berufsarmee erscheint irreversibel.
Dabei ist die Welt auch 25 Jahre nach Überwindung der Konfrontation zwischen NATO- und Warschauer-Pakt-Staaten kaum ärmer an Bedrohungslagen. Heute sind die Krisen-Szenarien – und die militärischen Aufgabenstellungen – zwar deutlich komplexer und anspruchsvoller. Aber dennoch: Gesellschaftspolitisch bleibt es für mich ein Fehler, die Wehrpflicht aufzugeben.


Für viele junge Männer war die Bundeswehr eine reale Möglichkeit, aus dem eigenen Leben auszusteigen und eine zweite Chance zu bekommen. Nach dem Durchqueren des Kasernentors zählte nicht mehr, wo man herkommt, aus welchem sozialen Umfeld man stammt und welches Bildungsniveau die Eltern haben. Die Grundausbildung machte alle gleich. Der Bundeswehralltag mag nicht zum spannendsten Zeitvertreib gehören, den man sich vorstellen kann. Aber dass man mit Tagesanbruch aufsteht und gemeinschaftlich frühstückt, mittags eine warme Mahlzeit einnimmt und abends ebenfalls gemeinsam isst: Eine solche Tageseinteilung war für manchen durchaus neu! Dass man Ordnung auf der Stube und im Spind hält und teamfähig sein musste, um in der Kompanie zu überleben, auch.

Vorurteile werden abgebaut

Aber nicht nur für Männer aus eher sozial prekären Verhältnissen war die Bundeswehr eine gute Verhaltens- und Entwicklungsschule. Auch gehobene Bürgertumskinder sahen sich mit der Tatsache konfrontiert, auf der Stube Kameraden anzutreffen, zu denen sie auf ihren feinen Gymnasien keinen Kontakt hatten. Nach Monaten des Zusammenlebens konnte so manches Vorurteil beerdigt und mancher Abiturient geerdet werden. Die Wehrpflichtzeit bot darüber hinaus nicht wenigen jungen Männern die Perspektive des Bildungsaufstiegs. Über eine Verpflichtung auf vier Jahre Dienst (oder mehr) konnten eine Ausbildung und weitere Qualifizierungen nachgeholt werden, die anfangs unerreichbar schienen. Mit sehr guten Chancen auf dem Arbeitsmarkt im Übrigen.


Auch das schwierige Thema der Integration von "Neubürgern" in unser Gemeinwesen kann man in diesem Kontext diskutieren. Wäre es nicht ein klares Zeichen für das neue "Heimatland", wenn der Migrant mit deutschem Pass dem ihn aufnehmenden Staat dienen kann?
Wehrpflicht und Zivildienst haben der Gesellschaft gut getan. Sie wurden dem Zeitgeist geopfert. Diese Entscheidung ist nicht nur einfach schade. Sie gehört auf den Prüfstand.

Foto: 123rf

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