Eine Audienz bei Papst Franziskus

Edgar Pferner ist Friseur in Witten und ­Obermeister der Bochumer Innung. Und er ist wohl einer der wenigen Handwerker in Deutschland, die von sich sagen können, dass sie eine Audienz beim Papst hatten.

Sie schenkten Papst Franziskus bei ihrer ­Audienz ein Kreuz aus Maschendraht vom DDR-Grenzzaun: Edgar ­Pferner (l.), sein Mitarbeiter Friseur­meister Stefan Leinemann und ­Dachdecker Wolfgang Dröge. Über ­diesen Zaun ist Pferner vor 50 Jahren die Flucht aus der DDR gelungen. (Foto: St. Franziskus)

Friseurmeister Edgar Pferner (Jahrgang 1952) aus Witten traf im vergangenen November Papst Franziskus auf dem Petersplatz in Rom und überreichte ihm ein Kreuz aus Stacheldraht-Zaun von der ehemaligen Grenze. Zum 25. Jahrestag der Deutschen Einheit rief er in Bochum die erste Handwerker-Wallfahrt ins Leben und jetzt will er eine Madonnenfigur als Botschafterin des Handwerks auf Reisen schicken. Wie es dazu kam, ist eine bewegende Geschichte.

Flucht aus der DDR vor 50 Jahren

Im November 1966, fast auf den Tag genau 50 Jahre, bevor er von Papst Franziskus empfangen wurde, war Edgar Pferner die Flucht aus der DDR gelungen. Er war erst 14, als sein Vater ihm in einer verschneiten Winternacht ein paar Skier in die Hand drückte und ihn mit zum Grenzstreifen nahm. Dank des hohen Schnees gelang es den beiden, unversehrt über Minenfelder und einen Stacheldrahtzaun vom thüringischen Eichsfeld nach Niedersachsen zu flüchten.

Noch heute ist Pferner sichtlich ergriffen, wenn er daran zurückdenkt. "Ich bin so dankbar, dass ich in der Nacht nicht angeschossen wurde oder durch eine Mine querschnittsgelähmt bin."

Glückliche Zukunft auch dank eines Zufalls

Narben hat die Flucht trotzdem hinter­lassen: Die Mutter und der drei Jahre jüngere Bruder mussten zurückbleiben. Vater und Sohn kamen in die Lager von Friedland, Gießen und Unna, wo der Vater nur ein Jahr später mit 45 Jahren an einem Herzinfarkt starb. Der 15-Jährige war ganz auf sich alleine gestellt. Zu seiner Familie in die DDR konnte er nicht zurück; in der Bundesrepublik drohte die Ausweisung.

Durch einen glücklichen Zufall lernte er einen Anwalt kennen, der es sich zur Aufgabe machte, dem Jugendlichen zu helfen. "13 Mal musste ich in dieser Zeit umziehen, um von den Behörden nicht gefunden zu werden", erzählt er bei einer Tasse Tee. Dann aber kam die Zuzugsgenehmigung der Stadt Bochum, wo Edgar Pferner in seinem Traumberuf eine Ausbildung beginnen konnte und seine Frau kennenlernte, ebenfalls Friseurin, mit der er heute seit 43 Jahren verheiratet ist.

20 Jahre keinen Kontakt zur Mutter

Papst 2Pferner engagiert sich schon früh ehrenamtlich in den Prüfungsausschüssen und im Ausschuss für Lehrlingsstreitigkeiten. Nach fünf Gesellenjahren folgt die Meisterprüfung, 1980 macht er sich selbstständig und nimmt zwei Jahrzehnte lang erfolgreich an Friseur-Wettbewerben teil, vom Praktischen Leistungswettbewerb der Handwerksjugend bis hin zu Weltmeisterschaften. Auch in der Verbandsarbeit engagiert er sich und wird schließlich Obermeister der Bochumer Friseurinnung.

Die Mutter und den Bruder konnte er aber erst nach dem Mauerfall wieder sprechen und treffen. "20 Jahre lang hatten wir keinen Kontakt. Als wir uns das erste Mal gegenüberstanden, waren wir wie Fremde." Doch er nimmt den Kontakt wieder auf zur Familie in Reinholterode, der Kirchengemeinde und dem Fußballverein.

Aus Fremden werden Freunde. In Edgar Pferner reift immer mehr der Gedanke, dass er aus Dankbarkeit über die gelungene Flucht etwas zurückgeben möchte. Zum 25. Jahrestag der Wiedervereinigung organisiert er 2015 die erste Handwerker-Wallfahrt in Bochum-Stiepel und bringt 600 Menschen aus Ost und West zusammen. Mit vier Bussen sind die Gäste aus dem Eichsfeld damals ins Ruhrgebiet gekommen.

"Wie Don Camillo und Peppone"

 Auch an der Errichtung der Mauer-Gedenkstätte, der "Stiepeler Mauer", vor der Wallfahrtskirche war Pferner maßgeblich beteiligt. Das Mauerstück hatte Bundestagspräsident Norbert Lammert für seine Heimatstadt Bochum zurückgelegt. Mit Pater Pirmin Holzschuh vom Stiepeler Zisterzienserkloster ist der Friseurmeister inzwischen per Du. "Mit ihm bin ich in einer Nacht-und-Nebel-Aktion samt Hänger und Flex nach Berlin gefahren, um ein originales Abschlussrohr der Mauer zu besorgen. Wie Don Camillo und Peppone waren wir unterwegs", schmunzelt Pferner.

1,20 Meter hohes Kreuz aus Maschendrahtzaun für den Papst

Die Krönung war der Papstbesuch im November 2016. Als Geschenk hatte die kleine Bochumer Delegation etwas Besonders im Gepäck: Ein 1,20 Meter hohes Kreuz aus Maschendrahtzaun von dem Teil der Grenze, über die Pferner selbst vor einem halben Jahrhundert geflüchtet war. Der Bruder und Fußballfreunde aus Eichsfeld haben den Draht herausgeschnitten, Kollegen der Kreishandwerkerschaft Ruhr haben beim Bau der Tafel geholfen.

Vier solcher Kreuze gibt es insgesamt, eines steht in der Leipziger Innenstadt, ein anderes soll im Sommer 2017 in Berlin aufgestellt werden. Die Audienz fand bei Sonnenschein auf dem Petersplatz statt. "Es war ein bewegendes Erlebnis", sagt Edgar Pferner.

Text: Kirsten Freund
Fotos: St. Franziskus

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