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Erfolgsmarke geflügelte Schlange

Künstler, Unternehmer, Politiker: Eine Ausstellung in Düsseldorf zeigt die vielen Facetten Lucas Cranachs. Dank Kooperation mit der Handwerkskammer Düsseldorf erhalten Meister vergünstigten Eintritt.

Luther-Porträt
Mit Porträts wie diesem von Martin Luther als Junker Jörg hat Lucas Cranach der Ältere sich einen Namen gemacht. Jetzt zu sehen in einer Ausstellung im Museum Kunstpalast in Düsseldorf. (Fotos: © bpk, Museum der bildenden Künste, Leipzig, © bpk / Museum der bildenden Künste, Leipzig)


Er hat eine der größten und produktivsten Werkstätten nördlich der Alpen geführt. Über 5.000 Werke sollen dort entstanden sein, etwa 1.500 davon sind erhalten. Und seine Methoden der Arbeitsoptimierung wirken erstaunlich zeitgemäß.

Die Erfolgsgeschichte von Lucas Cranach dem Älteren beginnt 1505, als ihn der sächsische Kurfürst Friedrich III. zum Hofmaler nach Wittenberg beruft. Ein attraktives Geschäftsmodell: Cranach erhält ein Festgehalt, das in etwa dem eines damaligen Professors an der Wittenberger Universität entspricht, bekommt aber jedes Werk, das der Kurfürst in Auftrag gibt, extra bezahlt. Der sichert sich mit der Anstellung nur einen Vorzugspreis.

Die Nachfrage nach Cranachs Porträts und Tafelbildern ist groß

Cranachs Aufgaben als Hofmaler sind breit gefächert: Er kreiert Staffeleibilder, Altarwerke, Wand- und Deckengemälde, stattet Hoffeste und Turniere aus, fertigt Wappen, Fahnen, Schilde und andere militärische Ausrüstung an und zeichnet für die Ausstattung der fürstlichen Schlösser und Türme verantwortlich. Nebenher arbeitet er zudem noch für andere Auftraggeber und verkauft Werke in der nahegelegenen aufstrebenden Messestadt Leipzig, in der dreimal im Jahr auf großen Messen Materialien und Kunstwerke frei gehandelt werden.

Lucas Cranach Bildnis einer jüngeren FrauSeine Werkstatt floriert, bald beschäftigt er mehr als zehn Gesellen und viele weitere Mitarbeiter. Um die große Nachfrage an Bildern bedienen zu können, führt er Standardformate ein. Entsprechende Untergründe und Rahmen aus Holz kann Cranach in großer Zahl beim Schreiner vorbestellen und so schneller liefern. Für Porträts fertigt er Studien und Pausen an, die er für Folgebestellungen desselben Auftraggebers wieder verwenden kann. Auch entwickelt Cranach effiziente Maltechniken wie die Stupftechnik, die er seinen Gesellen leicht beibringen kann und die es ihnen ermöglicht, schnell Bilder in hoher Qualität anzufertigen. Auch Arbeitsteilung war gang und gäbe. Während er mit seinen besten Fachkräften – darunter auch die Söhne Hans und Lucas – an aufwendigen Tafel- und Leinwandbildern malt, führen Lohngesellen und Knechte unter Aufsicht Dekorationsarbeiten aus.

Die Forschung rätselt: Welches Bild stammt von Cranach selbst

Was zeichnet seine Werke aus? "Typisch für Cranach ist die Eleganz der Konturlinie, der Kontrast von Flächigkeit und Feinzeichnung", erklärt Professor Gunnar Heydenreich von der Technischen Hochschule Köln. "Cranach orientierte sich an den Konturen und weniger an der anatomischen Korrektheit der Figuren." Cranachs Mitarbeiter müssen ganz in seinem Stil arbeiten, eine eigene "Handschrift" ist nicht erlaubt, anders als zum Beispiel in der Werkstatt von Cranachs Zeitgenossen Albrecht Dürer. Nur was den Qualitätsansprüchen des Meisters entspricht, verlässt die Werkstatt mit Cranachs Signet: Einer geflügelten Schlange mit Ring im Maul. Entnommen hat er sie dem Wappenbrief, den er vom Kurfürsten erhalten hat.

Cranach Digital Archive
Das Forschungsprojekt CDA wurde 2009 vom Museum Kunstpalast und sieben weiteren europäischen und US-amerikanischen Museen sowie der Technischen Hochschule in Köln gegründet. Es widmet sich der digitalen Erschließung von Cranachs Gemälden. Anhand der digitalisierten Bild- und Textinformationen können Forscher weltweit Werke besser zuschreiben oder rekonstruieren, wie der Meister seine Werkstatt organisiert hat. Gefördert wird das Projekt von der Andrew W. Mellon Foundation als Teil einer Initiative, die eine internationale internetbasierte Infrastruktur für den Austausch und die Vermittlung neuer kunsthistorischer, technologischer und naturwissenschaftlicher Forschungsergebnisse entwickeln will.
lucascranach.org


Die Künstlersignatur dient als eine Art Markenzeichen und lässt keine Rückschlüsse zu, ob Cranach selbst Hand an das Werk gelegt hat, wie Heydenreich betont. Erst mit modernen Techniken wie der Infrarot-Reflektografie, die tiefer liegende Malschichten sichtbar macht, können Kunsthistoriker heute anhand der Unterzeichnungen erkennen, wie hoch sein Anteil an einem Bild gewesen ist. Wurde freihändig aufgetragen und nicht gepaust, spricht das für eine Beteiligung des Meisters. Heydenreich arbeitet im Forschungsprojekt Cranach Digital Archive mit, das über 1.000 Cranach-Gemälde unter Einsatz der digitalen Infrarot-Technik untersucht und dabei Neues über Arbeitsweise und -organisation des Ausnahmekünstlers herausgefunden hat.

Künstler und Geschäftsmann

Cranach tut sich in seiner Zeit nicht nur als begehrter Künstler, sondern immer wieder auch als gewiefter Geschäftsmann hervor. So erwirbt er unter anderem eine Apotheke und damit das Recht, Malereibedarf im Großhandel zu günstigeren Preisen einkaufen zu dürfen, denn der wird damals in Apotheken gehandelt. Zeitweise gehört ihm neben einer Buchhandlung auch eine Druckerei. In ihr wird Martin Luthers erste Bibelübersetzung gedruckt. Luther-Freund Cranach prägt darüber hinaus mit seinen Bildern und Porträts das Gesicht der Reformation, übernimmt sozusagen die PR-Arbeit für die Bewegung. Damit schneidet er sich durchaus ins eigene Fleisch, wie Heydenreich einräumt, denn das Bild als Kultgegenstand hat in der reformierten Kirche ausgedient. Doch Cranach hat sich mit Buchillustrationen, mythologischen Darstellungen und unzähligen Luther-Porträts einfach neue Märkte erschlossen.

Signet CranachAuch sonst wirkt der Mann überraschend modern: Als Netzwerker steht er im Austausch mit Frühhumanisten und anderen Künstlerpersönlichkeiten seiner Zeit wie Albrecht Dürer. Politisch und gesellschaftlich nimmt er im diplomatischen Dienst für seinen Fürsten, im Stadtrat und als Bürgermeister in Wittenberg Einfluss. Auch in puncto Unternehmensnachfolge beweist er Weitsicht und Geschick, denn dank der perfekten Werkstattorganisation kann Sohn Lucas (Cranach der Jüngere) nach Cranachs Tod nahtlos an dessen Erfolge anknüpfen, die Werkstatt ausbauen und sich wie sein Vater einen Namen als hervorragender Porträtist machen.


Meister – Marke – Moderne
Im Reformationsjahr 2017 zeigt das Museum Kunstpalast in Düsseldorf vom 8. April bis 30. Juli eine große Cranach-Werkschau und will hier Cranach den Älteren in seiner Gesamtheit und Modernität präsentieren: als herausragenden Künstler, findigen Geschäftsmann und strategisch denkenden Unternehmer. Zu sehen sind rund 200 Werke aus internationalen Museen und Sammlungen, darunter Highlights wie die lebensgroße Tafel "Venus und Cupido" aus der Eremitage in St. Petersburg oder "Christus und die Ehebrecherin" aus Budapest. Cranachs Werke werden denen seiner Zeitgenossen wie Albrecht Dürer oder Jacopo de‘ Barbari gegenübergestellt, um seine Position im Künstlernetzwerk des 16. Jahrhunderts auszuloten. Anhand der Arbeiten von Künstlern der Moderne und Gegenwart wie Pablo Picasso, Marcel Duchamps, Otto Dix und Andy Warhol können Besucher erkennen, wie stark Cranachs Bildsprache und Arbeitsweise sie beeinflusst hat. Neueste Forschungsergebnisse erlauben zudem Einblicke in die Arbeitspraxis des Malers. Junge, werdende und fertige Meister erhalten dank einer Kooperation mit der Handwerkskammer Düsseldorf vergünstigten Eintritt in die Ausstellung. Jeden Donnerstag und Samstag zahlen sie bei entsprechendem Nachweis für zwei Personen nur den Ticket-Einzelpreis. Öffnungszeiten: Di.-So. 11-18 Uhr, Do. u. Sa. 11-21 Uhr, am Do 8.6., Fr 9.6., Sa 10.6., Do 15.6., Fr. 16.6., Sa 17.6. ist die Ausstellung bis 22 Uhr geöffnet. Eintrittspreise und weitere Informationen auf cranach2017.de.
Biografie
Lucas Cranach der Ältere wird um das Jahr 1472 als Sohn des Malers Hans Maler geboren. Beim Vater hat er wohl die erste künstlerische Ausbildung erhalten. Ab 1502 hält er sich in der damaligen Kulturmetropole Wien auf und beginnt seine Werke mit Lucas Cranach – nach seinem Heimatort Kronach – zu signieren. Hier knüpft er Kontakte zu Frühhumanisten wie Johannes Cuspinian. 1505 beruft ihn der sächsische Kurfürst Friedrich III., der Weise, zum Hofmaler nach Wittenberg. Drei Jahre später erhält Cranach vom Kurfürsten einen Wappenbrief. Die dort abgebildete geflügelte Schlange nutzt der Künstler fortan als Signet. Im diplomatischen Dienst reist er 1508 im Auftrag des Fürsten an den niederländischen Hof nach Mechelen, wo er unter anderem Kaiser Maximilian I. und den späteren Kaiser Karl V. trifft. Etwa um 1512/13 heiratet er Barbara Brengbier und Sohn Hans wird geboren. 1515 folgt die Geburt von Sohn Lucas, danach bis 1520 die der Töchter Ursula, Barbara und Anna. 1518 erwirbt der Künstler den "Cranachhof" in Wittenberg, der bis heute existiert. Von 1519 bis 1545 ist Cranach mit Unterbrechungen als Ratsmitglied tätig. 1520 kauft er eine Apotheke. Drei Jahre später empfängt er König Christian II. von Dänemark in seinem Haus. Von 1523 bis etwa 1526 betreibt er mit Verleger Christian Döring eine Druckerei, in der unter anderem Luthers erste Bibelübersetzung gedruckt worden ist. 1525 ist Cranach Trauzeuge bei der Heirat von Martin Luther und Katharina von Bora. Ab dem gleichen Jahr arbeitet der Künstler für Friedrichs Nachfolger, Johann, den Beständigen. Nach dessen Tod 1532 für den neuen Kurfürsten, Johann Friedrich I., den Großmütigen. 1537/38 bis 1543/44 hat Cranach mit Unterbrechungen das Amt des Bürgermeisters in Wittenberg inne. Als der Kurfürst von Kaiser Karl V. abgesetzt wird, folgt Cranach Johann Friedrich 1550 ins Exil nach Augsburg und Innsbruck. 1552 erhält Johann Friedrich die Fürstentitel für die Thüringer Landesteile zurück und Cranach begleitet ihn in dessen neue Residenz nach Weimar. Dort stirbt Cranach am 16. Oktober 1553. Die Werkstatt übernimmt sein Sohn Lucas Cranach der Jüngere.

 

Fotos: © bpk, Museum der bildenden Künste, Leipzig, © bpk / Museum der bildenden Künste, Leipzig / Lucas Cranach der Ältere, Bildnis einer jungen Frau, 1526, Malerei auf Holz, 88,5 x 58,5 cm, © Staatliche Eremitage, St. Petersburg, 2017 / Foto: Gunnar Heydenreich, cda

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