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Nah am Wasser gebaut

In Bremens altem Hafenareal entwickelt sich die Überseestadt zu einem neuen Quartier zum Wohnen und Arbeiten. Hier trifft man auf Kaffeeröster und die Glücksschmiede des Fußballs.

Foto: © Helge Bendl

Wie es duftet! Intensiv, nach feinstem Arabica-Kaffee, weil der Röstmeister sein Handwerk versteht und gerade die Tür seines Cafés öffnet, um die Nachbarn mit den tausend Aromen seiner neuesten Charge zu beglücken. Und wie es stinkt! Penetrant, nach Fischmehl, weil am Fabrikenufer gerade ein Frachter seine Ladung löscht und das hier immer noch ein Hafen ist, der manchmal eben auch etwas strenger riecht.

Das besondere Flair

Wo einst im alten Stadthafengebiet das Herz des Handels pochte, wo Stückgut lagerte und sich Container stapelten, entwickelt sich Bremens neuestes Viertel. Tonnen von Südfrüchten wurden im Schuppen 1 umgeschlagen, nun schrauben hier Spezialisten an Oldtimern. Die Hochschule für Künste nutzt einen 400 Meter langen Speicher, auch Start-Ups und das Hafenmuseum haben sich eingemietet. Es gibt Galerien und Einrichtungsstudios und eine Marina für Freizeitskipper, dazu Cafés und Restaurants. Nebenan entstehen Büros und Wohnungen. Platz gibt es: Insgesamt umfasst das Areal 300 Hektar, so viel wie 420 Fußballfelder.

Das Bild rahmen aber hundert Jahre alte Getreidemühlen, Holzhändler und eine riesige Fabrik für Cornflakes. "Wir haben immer noch Umschlag im Hafen. Dabei soll es auch bleiben: Die Mischung aus Industrie, Büros und Wohnungen macht das besondere Flair aus", sagt Peter Siemering. Er hat hier an der Kaikante einst Spediteur gelernt und wirbt nun mit dem Überseestadt-Marketingverein für das neue Quartier. In Hamburg hat sich die nur halb so große Hafencity zum Magnet für Besucher entwickelt, nun will Bremen nachziehen.

Das Hafenareal neu beleben

Im historischen Zentrum, rund um den Marktplatz mit dem über 600 Jahre alten Rathaus und dem ebenso prächtigen Schütting, wo die Handelskammer residiert, hält der Roland den Dom in Schach. Die Figur ist seit dem Jahr 1404 das in Stein gehauene Symbol für die Macht der Händler und die Freiheit der Hansestadt. Die musste sich indes neu ausrichten und das Hafenareal an der Weser neu beleben.

"1966 legte hier ein Frachter aus den USA an und setzte den ersten Container ab", erzählt Andreas Heyer, Chef der Bremer Wirtschaftsförderung. Damit begann der Abstieg, weil es die immer größeren Schiffe nicht mehr die Weser hinauf schafften und ihre Fracht nur noch in Bremerhaven löschten, näher an der Küste. Der Überseehafen wurde schließlich 1998 zugeschüttet, um zwischen den Becken des Europa- und Holzhafens Platz für Neues zu schaffen.

Vielfalt im Hafen

Roland HB 035Der Roland als Zeichen der Freiheit. Foto: © Helge BendlDas ist gelungen: Im Schuppen 2 produziert Birgitta Rust nun Obstbrände, Liköre und Nussgeiste. Im gleichen Gebäude kann man in der gläsernen Silberschmiede das Team der bald 190 Jahre alten Manufaktur Koch & Bergfeld Corpus bei der Arbeit beobachten. "Die Walzstühle, Zieh- und Werkbänke stammen noch aus der Gründerzeit, als die Firma Silberbesteck an die Zarenfamilie in Russland geliefert hat", erklärt Chef Florian Blume. Heute ist die Manufaktur auf Kandelaber, Services, Tabletts und Zierbecher spezialisiert. An den Meisterstücken – originale Schiffsmodelle für Reeder und Yachtbesitzer – wird besonders lange gefeilt. Die Bremer Manufaktur kümmert sich auch um berühmte Trophäen aus der Fußballwelt: DfB-Meisterschale, DfB-Pokal und der Champions-League-Pokal gehen durch die Hände der Bremer Spezialisten.

Am Fabrikenufer, wo bis heute Getreidefrachter vor dem Art-Deco-Hochhaus der Rolandmühle ihre Ladung löschen, erinnern imposante Produktionsanlagen aus Eisenbeton und Backstein und ein Marmorsaal an den Bremer Kaffeepionier Ludwig Roselius: Seine Kaffee-Handels-AG wurde zum Synonym für koffeinfreien Kaffee. Nach etlichen Fusionen ist Kaffee HAG inzwischen ausgezogen, doch mit Lloyd Caffee geht die Geschichte weiter: Die älteste noch immer traditionell röstende Kaffeerösterei Bremens hat in dem historischen Gemäuer ein Café eröffnet. "Wir rösten sortenrein, langsam und bei niedriger Temperatur", sagt Röstmeister Christian Ritschel. "Das dauert dann 20 Minuten statt 70 Sekunden wie bei der industriellen Röstung." Und das Koffein? "Das bleibt natürlich drin!"

Text und Fotos: © Helge Bendl

TIPPS ZUM ANLANDEN IN BREMEN

Anreise: Mit den Fernzügen der Deutschen Bahn, per Flugzeug mit der Lufthansa, oder mit dem Auto über die Autobahnen A 1 und A 27. Vor Ort verbindet die Straßenbahn (Linie 3) und der Bus (Linie 20) das Zentrum mit der Überseestadt. 

Unterkunft:
 Einen Blick auf die Weser aus Zimmern und Sauna bietet das Steigenberger Hotel am Tor zur Überseestadt (Doppelzimmer ab 85 Euro). An der Weserpromenade Schlachte liegt der aus einer Bierwerbung bekannte Dreimaster "Alexander von Humboldt" vor Anker: Doppelkabinen gibt es inkl. Frühstück ab 115 Euro. 

Sehenswertes:
 Sehenswürdigkeiten sind der Marktplatz und das Fachwerkviertel Schnoor, die Klinkerpracht der Böttcherstraße und die Skulptur der Bremer Stadtmusikanten. Beliebt sind auch Fluss- und Hafenrundfahrten. Ambitioniert ist das Programm der Kunsthalle Bremen sowie der Weserburg. Als Science Center konzipiert ist das Universum Bremen mit 250 Exponaten zum Anfassen, Mitmachen und Experimentieren. Im Rhododendronpark liegt das botanika: Hier entdeckt man die Gerüche und Geräusche der Natur. Oper, Tanz und Schauspielkunst bieten das Theater Bremen, Musicals das Musical Theater Bremen, Konzerte die Bremer Philharmoniker und die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen

Überseestadt:
 Im Schuppen 2 kann man den Silberschmieden der Manufaktur Koch & Bergfeld Corpus über die Schulter schauen und ihre funkelnden Kreationen bestaunen. Nebenan brennt Birgitta Rust von "Piekfeine Brände" edle Schnäpse und Whisky. Versteckt am Fabrikenufer liegt das nette Café der Kaffeerösterei Lloyd: Gute Bohnen und Kuchen gibt es täglich, regelmäßig auch zweistündige Kaffeeseminare. Die Geschichte der Bremer Häfen erzählt im Speicher XI das Hafenmuseum

Auskunft:
 Termine für geführte Touren zu Fuß, mit Fahrrad, Segway oder Elektrobus gibt es beim Marketingverein der Überseestadt. Allgemeine Infos bietet die Bremer Touristikzentrale.

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