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Mensch, sei kein Schaf

Panorama - Reise

Wer die Schönheit der Region Kastilien-La Mancha entlang der alten Wollroute zwischen Kunst, Natur und Weinproben erleben möchte, sollte sich jetzt auf die Socken machen.



Wie schräg ist das denn? "Cuenca ist vielleicht die einzige Stadt, wo ein Esel aus dem 5. Stock schauen kann", zitiert Jurgen Loos bei einem Spaziergang durch die verwinkelten Gassen der Altstadt den Schriftsteller Pio Baroja. Eingebettet von den Flüssen Júcar und Huécar liegt das historische Cuenca umgeben von einer fantastischen Gebirgslandschaft weit oben auf einem Felsplateau. "Aus Platzmangel wurden die Häuser nach unten gebaut", erzählt der Stadtführer von Cuenca Guiada. „Eigentlich müssten die Häuser Bodenkratzer heißen", zeigt Loos auf Bauwerke, die sich wagemutig zur Schlucht beugen und eine malerische Harmonie zwischen Architektur und Natur bilden.

HandwerkEinzigartige Bauwerke
Bekannt ist Cuenca in  Kastilien-La Mancha für die "Casas Colgadas", die Hängenden Häuser aus dem 15. Jahrhundert. Von der Unesco zum Weltkulturerbe ernannt, ist in einem der drei restaurierten Gebäude das weltweit bekannte „Museo de Arte Abstracto Español" untergebracht. Noch zu Francos Zeiten gegründet, lockt das Museum mit einer Sammlung abstrakter spanischer Kunst Kulturinteressierte in die Stadt zwischen Madrid und Valencia. Weniger bekannt ist Cuenca und die Region  als Eldorado für Ruhe suchende Pilger und Wanderer.

HandwerkDie Geschichte der Wollroute aufribbeln
Ein guter Ausgangspunkt, um in die "Ruta de la lana" einzutauchen, ist der Plaza Mayor. Zwischen dem Rathaus und der Kathedrale Nuestra Señora de Gracia geben dicht aneinandergereihte Häuschen in Rot, Blau oder Gelb einen ersten Hinweis auf die Wollroute. Die "Ruta de la lana" gehört zu den ältesten Handelsstraßen der Iberischen Halbinsel. Gleichzeitig ist sie Anschlusspunkt an den französischen Pilgerweg in Burgos, der weiter nach Santiago de Compostela führt.

Die Mesta, eine Vereinigung von Schafzüchtern, organisierte zwischen 1273 und 1836 die Wanderung der Schafherden von Andalusien und der Extremadura nach Kastilien. Bis zum 19. Jahrhundert war Cuenca berühmt als ein Zentrum der Woll- und Textilindustrie. Mit der Einfuhr günstigerer Wolle und der Industrialisierung verloren Cuenca und die Wollroute jedoch an Bedeutung.

HandwerkSpanisches Herzblut meets Peregrino
Wir treffen José Pepe und Louis Cañas an der Calle de los Tintes, dort, wo einst das "Puerto de Valencia" gestanden hat. "Am Fluss Huécar wurde die Wolle der Schafe gefärbt", lässt Louis die Blütezeit der Wolle kurz aufleben. "Den Rest der Farbe verwendeten die Weber für die Hausfassade", lüftet der Sprecher der Asociación Amigos del Camino de Santiago das Geheimnis der farbenprächtigen Häuser. Seit den 90ern kümmern sich die Mitglieder der Organisation mit spanischem Herzblut um Erhalt und Beschilderung der Wollroute. Während die Herbstsonne den Tag auf milde 20 Grad erwärmt, begleiten uns José Pepe und Louis Cañas auf einer Tagesetappe entlang der pittoresken Gebirgslandschaft.




HandwerkGenuss für Leib und Seele
Nach zwei Stunden taucht an einem Hügel zwischen dem Fluss Trabaque und dem Nebenfluss Albalate eine weitere Besonderheit der Region auf: die Höhlenwinzer von Albalate de las Nogueras. Kaum, dass die Dorfkirche hinter uns liegt, entdecken wir die erste Bodega Cueva. Zum Glück dürfen seit gut fünfzig Jahren auch Frauen die Höhle betreten. Zuvor war das Höhlenleben reine Männersache. Während sich die Augen noch an die Dunkelheit gewöhnen müssen, bekommen wir von dem Höhlenwirt auch schon ein Glas Wein in die Hand gedrückt. Bestens ausgestattet, glimmt uns eine LED-Lichterkette den Weg in die Tiefen der kühlen Höhle.

HandwerkBis zu 400 Jahre alt sind die Tonkrüge, die in Nischen den einen oder anderen Blubber von sich geben. Nach alter Tradition lassen die Bewohner die Weintrauben in den Gefäßen bei gleichbleibenden 14 Grad in Ruhe und Frieden zu einem guten Tropfen reifen. Die Araber haben den Bewohnern die Höhlen überlassen. 500 Stück gibt es. Für jede Familie eine. Die Weine werden ausschließlich für den Eigenbedarf produziert. Alle Weine?

HandwerkHöhlenparty
"Frag nach Julian, Julián Moreno Gomez!" Als hätte es Julián geahnt, steht der Älteste von acht Geschwistern majestätisch in Küchenschürze und einem Glas Wein in einer der größten Höhlen am Ende des Dorfes. „Bei acht Brüdern und Schwestern ist bei uns immer Party", blinzelt Julian vergnügt über den Rand seines Weinglases die Besucher an. Staunend schauen wir auf eine gedeckte Tafel. „Die Höhlen sind zum Genießen da. Und wer den Wein mit guten Freunden genießt, kann sicher sein, dass auch der Wein gut ist", eröffnet Julian mit einem Toast die nächste Party. Jetzt weiter? Richtung Santiago de Compostela? „Mensch, sei kein Schaf und genieße ein Weilchen Land und Leute, Kultur und Kulinarik in Kastilien-La Mancha", raunt eine innere Stimme zu. Guter Tipp. "Ach Julian, ich nehme doch noch eine Portion von der köstlichen Paella und dem guten Vino de Cueva!" spain.info

Foto: Foto: antonel/Daniel Viñé/Fotolia/Foto: spain/cuenca-tourism/Text: Brigitte Klefisch


Informationen
Mit dem Hochgeschwindigkeitszug ist Cuenca von Madrid aus in einer guten Stunde erreichbar (renfe-sncf). Stadtbesichtigung mit Jurgen Loos in deutscher Sprache (cuencaguiada). Die "Casas Colgadas" aus dem 15. Jahrhundert und das Museum für abstrakte Kunst liegen in der Calle Canónigos (march.es/arte/cuenca). Das große Schaufenster der Kunst beherbergt seit 1966 eine spektakuläre Sammlung abstrakter Kunst. Unter anderem können hier Werke von Antoni Tàpies, Antonio Saura, Eduardo Chillida und Pablo Serrano besichtigt werden.

Über die Schlucht Hoz del Huécar führt eine Brücke zum "Parador" (parador). Das 4-Sterne-Hotel mit einem atemberaubenden Ausblick ist in einem ehemaligen Kloster untergebracht. Einen fantastischen Ausblick und eine schmackhafte Küche bietet das Hostal "Posada de San José" (posadasanjose). Die Asociación Amigo del Camino de Santiago hat ihren Sitz im "Hospital del Santiago".

Ein Besuch der Kathedrale Nuestra Señora de Gracia sollte auf jeden Fall auf der to-do-Liste stehen. An den gusseisernen Gittern der Kathedrale lässt sich noch der Reichtum der ehemaligen Wollhochburg erahnen. Die Glasfenster des spanischen Künstlers Gustavo Torner tauchen die Kathedrale in ein einzigartiges Lichtermeer. Der Gang durch ein Kaleidoskop der Farben sollte sich niemand entgehen lassen.

Die Asociación Amigos del Camino de Santiago ist in einem der ältesten Gebäude von Cunenca untergebracht, dem Hospital del Santiago aus dem 12. Jahrhundert. Auf der Terrasse des ehemaligen Krankenhauses hat man einen großartigen Blick auf die Altstadt Cuencas und auf den neuen Teil der spanischen Stadt. Pilger bekommen hier ihren Stempel. Im Gebäude selber befindet sich eine der ältesten Apotheken des Landes sowie eine kleine Kapelle. Direkt neben dem Hospital ist die "Casa del Peregrino". Für eine kleine Spende können Pilger und Wanderer hier in einem der neun Betten übernachten. Anfragen im Büro der Gesellschaft, gelegen hinter dem Hospital.

Tapas vom Feinsten findet man in "La Bodeguilla de Basilio" in der Neustadt Cuencas. In gemütlicher Atmosphäre können Sie, während Sie auf das Essen warten, zahlreiche Fotoaufnahmen betrachten, die den Besitzer mit vielen prominenten Gästen zeigt. Nach einem erlebnisreichen Urlaubstag lädt das "La Bodeguilla de Basilio" in der C/Fray Luis de León zum Verweilen ein.

Auskunft über Restaurants, Übernachtungsmöglichkeiten, Sehenswürdigkeiten und Wanderrouten gibt es auch im Tourismusbüro von Cuenca (turismocuenca) oder auf der deutschsprachigen Seite des Spanischen Fremdenverkehrsamtes Frankfurt




Text: / handwerksblatt.de