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"Wir brauchen eine Handvoll Leute"

Anlässlich des Jubiläums der Innung für Orthopädie-Schuhtechnik NRW sprechen Ludwig Vorholt und Philipp Radtke über die Arbeit im Ehrenamt und die Suche nach neuen Mitstreitern.
Ludwig Vorholt (r.) und Philipp Radtke wollen noch weitere Kollegen für das Ehrenamt gewinnen (Foto: Ingo Lammert)

Ludwig Vorholt (59), Landesinnungsmeister des Innungsverbands für Orthopädie-Schuhtechnik NRW und sein Stellvertreter Philipp Radtke (37) stehen für zwei verschiedene Generationen im Ehrenamt. Sie sprechen über die Erfolge und Probleme, die sie bei der Innungsarbeit erleben.

DHB: Die Innung für Orthopädie-Schuhtechnik Rheinland/Westfalen feiert in diesem Jahr ihr zehnjähriges Bestehen. Entstanden ist sie aus der Zusammenlegung von neun kleineren Innungen in Nordrhein-Westfalen. Wie kam es zu dem Zusammenschluss?
Vorholt: Es gab früher insgesamt zehn Innungen in Nordrhein-Westfalen. Neun davon haben sich zu einer Großinnung zusammengeschlossen. Die Idee, mehrere Innungen zusammenzuschließen, gab es in den neunziger Jahren. Aber damals gab es dafür keine Mehrheit. Im neuen Jahrtausend fusionierten dann immer mehr Krankenkassen und der Druck für die Betriebe wurde immer stärker. 1970 hatten wir noch über 1.800 Krankenkassen. Im Jahr 2000 hatten wir noch gut 400 Kassen und jetzt haben wir noch knapp 100. Diesem Konzentrationsprozess wollten wir Rechnung tragen. Wenn wir früher Verhandlungen mit regionalen Kassen hatten, dann konnte man die auch für einen einzelnen Innungsbezirk führen. Früher gab es auch nur zwei Verträge mit einem Umfang von fünf bis zehn Seiten. Heute gibt es auf Produktgruppen bezogen bis zu 200 Verträge pro Gruppe – mit einem Umfang von über hundert Seiten. Das war der Grund, warum wir gesagt haben, wir brauchen jetzt eine schlagkräftigere Interessenvertretung und kürzere Entscheidungswege.

DHB: Entsprechend selbstbewusster können Sie bei Verhandlungen auftreten?
Vorholt: Ja. Wir vertreten etwa 30 Prozent aller deutschen Betriebe. Der Organisationsgrad liegt bei über 90 Prozent. Das hat schon Gewicht. Wir versuchen uns auch besonders für die ganz kleinen Betriebe mit einem oder zwei Mitarbeitern einzusetzen. Die hatten in der Vergangenheit Probleme und kamen kaum zum Zug, weil die Krankenkassen sich oft nur an die preisgünstigsten Anbieter gehalten haben. Es ist auch ein Ergebnis unserer Innungsarbeit, dass sich wieder alle am Markt beteiligen können.

DHB: Wie viele Mitarbeiter hat ein durchschnittlicher Betrieb im Orthopädieschuhmacherhandwerk?
Vorholt: Man muss unterscheiden zwischen den kleinen familiengeführten Betrieben und denen, die eine Zentralwerkstatt haben. Das heißt, es gibt einige große Gesundheitsanbieter. Da ist aber die Schuhtechnik nur ein Teilbereich. Die haben eine Zentralfertigung und liefern dann aus. Aber 80 Prozent unserer Betriebe sind familiengeführte mit zwei bis zehn Mitarbeitern.

DHB: Was hat sich noch durch den Zusammenschluss geändert?
HandwerkVorholt: Wir können unsere Betriebe gezielter vertreten und das mit günstigeren Beiträgen finanzieren. Die Beiträge an die Kreishandwerkerschaft für Geschäftsführung, das Führen der Lehrlingsrolle und das Abhalten der Prüfungen entfällt an die jeweiligen Standorte, an denen die Innungen vorher angedockt waren. Das läuft jetzt alles zentral über die Großinnung. Der Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaften hatten ja viele Gewerke zu vertreten, waren morgens für die Friseure unterwegs, zwei Stunden später für die Dachdecker und nachmittags mussten sie an Schuhtechnik denken. Tiefgehende Argumentationen waren da nur schwer möglich. Das ist doch logisch. Wir sind noch weiterhin bei der Kreishandwerkerschaft ansässig. Nutzen aber nur einen Teil der Arbeiten, den wir dann natürlich auch vergüten. Aber wir nutzen nicht mehr alles. Wir wollten unbedingt eine eigene Geschäftsführung haben, die sich ausschließlich um die Schuhtechnik kümmert. Außerdem können wir Anfragen unserer Mitgliedsunternehmen schneller beantworten. Innerhalb von 24 Stunden wollen wir da reagieren und unseren Betrieben Hilfestellungen geben.

DHB: Wie kann eine solche Hilfestellung aussehen?
Radtke: Für alles, was so betrieblich anfällt, haben wir einen Ansprechpartner in der Geschäftsstelle. Da kann es um Vertragsrecht mit den Krankenkassen gehen oder Arbeitsrecht. Es geht auch um Dinge, die ein Unternehmer gar nicht zwingend selber wissen muss. Unsere 540 Mitgliedsbetriebe nutzen diesen Service sehr häufig.

DHB: Andere Serviceleistungen für Ihre Mitgliedsbetriebe sind eine Jobbörse und ein Netzwerk zur Betreuung der Lehrlinge.
Radtke: Wir haben seit etwa vier Jahren eine E-Learning-Plattform für die Auszubildenden. Dort können sie den Unterrichtsstoff, der in der Schule durchgenommen wurde, noch mal aufarbeiten. Alle zwei Wochen findet freitagabends ein Chat statt, in dem ein Meister aus unserem Handwerk dabei ist. Die Auszubildenden können ihm direkt Fragen stellen und sich auch gegenseitig austauschen.
Vorholt: Parallel zum Unterrichtsplan gibt es einen Fragenkatalog auf dieser Plattform. Da können die Auszubildenden ihre Hausaufgaben machen. Die Dozenten sind freitags immer erreichbar und kontrollieren die Hausaufgaben und beantworten Fragen. Viele kleine Betriebe sind mit diesen Aufgaben überfordert, die sind mit dem Tagesgeschäft voll ausgelastet und da bleibt der Lehrling ein bisschen auf der Strecke. Der Plan ist, diese Plattform später auch für die Weiterbildung der Gesellen und auch der Meister auszubauen. Die Jobbörse ist auch auf unseren Internetseiten im internen Teil zu finden. Hier können sich Betriebe melden, die eine Stelle zu besetzen haben, oder Schuhmacher, die eine Stelle suchen. Wir versuchen dann, möglichst schnell ein Vermittlungsergebnis zu erzielen.

DHB: Gibt es in Ihrer Branche einen Fachkräftemangel?
Vorholt: Es fehlt schon ein bisschen an Nachwuchs. Nach der mittleren Reife werden die Schulabgänger, selbst wenn sie gar nicht für die Oberstufe geeignet sind, erst mal irgendwo auf einem Weiterbildungskolleg geparkt – Hauptsache, sie müssen noch nicht arbeiten. Es kann auch nicht jeder ein Abitur machen, das ging früher auch nicht. Aber wer das Abitur macht, ist sehr schwer fürs Handwerk zu gewinnen. Unsere Zielgruppe sind eigentlich die Schulabgänger mit mittlerer Reife. Die könnten wir gut gebrauchen. Für sie gibt es auch in unserem Handwerk gute Karrierechancen und auch ein Studium ist möglich. Aber das ist leider wenig bekannt. Ohnehin fehlt unserem Beruf die öffentliche Wahrnehmung. Mit einem Elektriker oder Kfz-Mechatroniker können viele Menschen etwas verbinden, mit einem Schuhtechniker nicht. Wir haben im Ausbildungsbereich außer der Reihe die Lehrlingsvergütung um zehn Prozent angehoben, in der Hoffnung, dass das nur ein Teil deswegen nicht abspringt.
Radtke: Ich denke, das bleibt ein Thema, das uns die nächsten Jahre noch beschäftigen wird. Es wird auch unsere Aufgabe sein, das Image unseres Gewerks zu verbessern. Ich glaube, es ist für einen Jugendlichen einfacher zu sagen, ich bin Elektriker oder Kfz-Mechatroniker, als wenn er seinen Kumpels sagt: „Ich bin Orthopädieschuhmacher“. Das Geld ist sicherlich das Eine. Aber das ist auch nur ein Teil von dem, was uns als Aufgabe ins Haus steht, um junge Leute für unser Handwerk zu begeistern. Wenn wir es schaffen, dass junge Menschen ein Gefühl dafür entwickeln, was sie erwartet, wenn sie in unserem Beruf eine Ausbildung beginnen, haben wir eine Chance, sie zu erreichen.

DHB: Wie könnte man den Bekanntheitsgrad Ihres Gewerks denn erhöhen?
Vorholt: In der großen Imagekampagne des Handwerks sind die Gesundheitshandwerke ja auch mit dabei. Wir sind zwar von den fünf Handwerken nur ein Teil mit rund 1.800 Betrieben und etwa 10.000 Mitarbeitern. Ich halte diese Kampagne für eine sehr gute. Man merkt schon, dass sich hier etwas bewegt. Im Imagebereich hat das schon geholfen.

DHB: Wie sieht es denn mit dem Nachwuchs für die Ehrenämter aus?
HandwerkRadtke: Das ist schon schwierig. Ich mache da den Altersschnitt gerade kaputt, der Vorstand ist jetzt 20 Jahre älter als ich. Und viele denken an ihren Abschied aus dem Ehrenamt. Da brauchen wir jetzt nicht nur einen, sondern eine Handvoll Leute. Und wenn man sich so umhört bei Meisterkollegen, ist kaum jemand bereit, die Zeit dafür aufzubringen. Viele sind mit ihrem Betrieb und der Familie ausgelastet. Von daher ist das auch noch eine schwierige Aufgabe, das Ehrenamt so zu besetzen, dass man auch genug Personen hat. Nur einer alleine kann das nicht schaffen. Wir brauchen noch drei, vier Leute dazu, um auch konstant ein zuverlässiger Partner zu bleiben. Bei mir kam das auch ein bisschen überraschend. Mein Vater war auch in der Innung tätig. So habe bisschen mitbekommen, wie Innungsarbeit funktioniert und welche Opfer man bringen muss. Deswegen war ich diesem Thema gegenüber schon aufgeschlossen. Vor gut einem Jahr kam dann plötzlich der Anruf, ob ich mir nicht vorstellen könne, stellvertretender Innungsobermeister zu werden und so den Generationenwechsel einzuleiten.
Vorholt: Es wird so sein, dass viele Sachen, die früher das Ehrenamt gemacht hat, heute übers Hauptamt abgewickelt werden müssen. Es ist zeitintensiv und man braucht Know-how. Heute gibt es für jedes Sachgebiet Spezialisten. Man muss sich da richtig reinknien. Das sollte man auch nicht verschweigen. Wir würden uns freuen, wenn da mehr Kollegen engagieren würden.

DHB: Was ist denn wichtig, damit man ein Ehrenamt ernsthaft ausüben kann?
Radtke: Erste Grundvoraussetzung dafür ist der Wille es auch auszuüben. Sich wählen zu lassen, auf dem Papier als Ehrenamtsträger zu stehen und dann nichts mehr zu tun, bekommt jeder hin. Das kann aber nicht das Ziel sein. Wer ein Ehrenamt ernsthalt ausüben will, muss das betrieblich organisieren und die Voraussetzungen schaffen, dass er die nötigen Termine auch wahrnehmen kann. Das ist unabhängig von der Betriebsgröße. Da brauch ich jetzt keine Riesenfirma, damit ich als Chef mal weg kann. Es ist natürlich eine Umstellung und das kostet auch Zeit. Außerdem braucht es den familiären Rückhalt und einen Partner, dem es nichts ausmacht, wenn es manchmal ein Stündchen später wird.

DHB: Was beschäftigt Sie aktuell in der Gesundheitspolitik?
Vorholt: Da haben wir die ganz schweren Jahre mit vielen vorgenommenen Kürzungen hinter uns. In den nächsten Jahren werden die Hilfsmittelverzeichnisse komplett neu gestaltet. Sie bilden die Rechtsgrundlage, welche Produkte wir mit welchen Voraussetzungen liefern dürfen. Da geht es um orthopädische Schuhe, Einlagen, Änderungen an Konfektionsschuhen und Kompressionsstrümpfe. Für diese vier Felder wird es neue Rahmenbedingungen geben. Dafür ist der Spitzenverband Bund der Krankenkassen zuständig. Es geht darum, was noch kassenmäßig abrechnungsfähig ist, welche Anforderungen gestellt werden, was gestrichen wird und was nur noch Privatleistung sein wird. Da hoffen wir, dass wir nicht durch das Sieb fallen. Alle Hilfsmittel, die demnächst für die Kasse abzugeben sind, brauchen einen wissenschaftlichen Nachweis, dass sie auch therapeutischen Nutzen bewirken. Und wenn man das nicht erbringen kann, besteht die Gefahr, dass das durchs Netz fällt. Es ist unsere Aufgabe, das zu verhindern.

DHB: Und wie schaffen Sie das?
Vorholt: Auf Bundesebene arbeiten wir gemeinsam mit dem Verein „Forschungs- und Bildungsmanagement Orthopädieschuhtechnik“. Der dort tätige Orthopädiewissenschaftler soll die entsprechenden Nachweise erbringen. Das ist im letzten Jahr und wir sind ein Teil dessen. Wir hoffen, dass wir so verlässliche Daten für die Krankenkassen erhalten.

Wie wird das finanziert?
Vorholt: Finanziert wird das durch alle beteiligen Orthopädieschuhmacherbetriebe. Außerdem gibt es Fördermittel. Je mehr Eigenkapital wir einbringen, umso größer ist die Förderquote.

Das Interview führte: Lars Otten; Foto: Ingo Lammert

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