Hier macht Arbeiten Spaß

Es gibt sie noch: Handwerksunternehmen, die Nachwuchs und Fachkräfte finden und halten. Was macht sie als Arbeitgeber so attraktiv? Hier einige Beispiele:

Dieser Artikel gehört zum Themen-Special So finden Sie gute Leute für Ihren Betrieb!
Foto: © Ulrich Schepp
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Was die Mitarbeiter an ihrer Arbeit bei der Landmetzgerei Dobroschke lieben, formulieren sie unter anderem so: "Ich arbeite gern hier, weil ich einen super Chef habe, der auch da ist, wenn mal privat etwas ist", "Ich verstehe mich gut mit dem Chef, kann viel lernen und viele neue Produkte entwickeln." Schulungen, Jahresgespräche, flexible Arbeitszeiten, Zuschüsse zur Altersvorsorge und zu Weiterbildungen, vermögenswirksame Leistungen und Gesundheitsvorsorge gehören für die Dobroschkes einfach dazu. Auch zinsgünstige Arbeitgeberdarlehen für ihre Mitarbeiter sind für sie keine Fremdworte.

Handwerk


Auf Messen und an Schulen bringt Katrin Dobroschke Eltern und Schülern die Ausbildungsberufe in ihrem Betrieb näher, am liebsten würde sie ihnen erklären: "Eine Karriere, wie mein Mann sie als Handwerksmeister gemacht hat, geht kaum mit Studium. Mit 35 Jahren ist er begeistert von seiner Arbeit, hat seinen eigenen Betrieb und 17 Mitarbeiter. Wir wären zusammen nicht so weit gekommen, ohne handwerklichen Beruf."

Das scheinen viele nicht zu ahnen, denn während im letzten Jahr bundesweit etwa 30.000 Ausbildungsplätze unbesetzt blieben, strömten über 500.000 Schulabgänger an die Unis. Erstmals gab es damit 2013 knapp mehr Studenten als Auszubildende. Dabei kann das berufliche Glück auch in einem Handwerksbetrieb zu finden sein: Die Mitarbeiter von Karl-Josef und Kirsten Stöckle beispielsweise brennen für ihre Arbeit. Wo sonst könnten sie noch wertvolle Möbelstücke mit ihren eigenen Händen bauen?

Fachkräftemangel in allen Gewerken

Handwerk"Wir lassen den Mitarbeitern viel Freiheit", erklärt Stöckle. Da könne jemand auch schon einmal eine Stunde später kommen und dafür länger bleiben. "Die Entscheidung, wie lange jemand für ein Stück braucht, überlassen wir ihm. Die Arbeit muss geleistet werden, aber es geht auch ohne Druck." Das Menschliche, der "Wohlfühlcharakter" ist ihm wichtig. Auch Entscheidungen über Einstellungen treffen die Stöckles mit allen zusammen. 2012 wurde der Betrieb in Rheinland-Pfalz zum Unternehmen des Jahres gekürt und im Jahr davor als Qualitätsmeister des Bundeslandes ausgezeichnet. Probleme, Mitarbeiter oder Auszubildende zu finden, kennen die Stöckles nicht.

Doch das sieht für viele Handwerksunternehmer anders aus. "Der Fachkräftemangel ist nicht mehr allein im Elektro-, SHK- oder Metallbauhandwerk zu spüren. Er ist mittlerweile in allen handwerklichen Gewerken sichtbar", warnt Silke Eichten, Projektleiterin bei der Handwerkskammer Rheinhessen. Sie ist zuständig für das vom rheinland-pfälzischen Wirtschaftsministerium geförderte Projekt "Handwerk attraktiv", mit Workshops, Beratungen und Coachings für Handwerksunternehmer, die ihre Attraktivität als Arbeitgeber steigern oder bekannter machen wollen. In Erfahrungsgruppen können die Betriebsinhaber sich zudem darüber austauschen, was sie unternehmen, um Nachwuchs oder Fachkräfte zu finden, und so von den Erfolgen des jeweils anderen profitieren.

Energie und Zeit in Ausbildung stecken

HandwerkErfolge wie die von Frank Baumeister, der sich wie die Dobroschkes und die Stöckles über eine geringe Fluktuation und einen niedrigen Krankenstand bei seinen Mitarbeitern freut. Baumeister setzt auf flache Hierarchien, lässt seine Mitarbeiter selbstständig Projekte betreuen. Produktion und Montage legt er – anders als viele andere in der Branche – in eine Hand. Das Arbeitsklima ist so gut, dass stets die gesamte Belegschaft Sommerfest und Weihnachtsfeier besucht.

Viel Energie steckt er in die Ausbildung: Er motiviert seine Azubis dazu, sich bei der von der Tischler-Innung Rheinhessen veranstalteten "Leistungsstufe" zu engagieren, einem Programm, bei dem sie in sechs Wochenendseminaren ein eigenes Projekt durchführen. Dabei lernen sie unter anderem CAD, Branchen- und weitere Programme kennen und dürfen ihr Objekt öffentlich vorstellen. Beim letzten Lehrlingswettbewerb vom Landesfachverband hat einer von Baumeisters Schützlingen den zweiten Platz belegt. Ein weiterer, jetzt als Geselle beschäftigt, wurde 2013 beim Wettstreit "Die gute Form" Landesmeister von Rheinland-Pfalz. "Nur so können wir junge Menschen weiterhin für den Beruf begeistern", sagt Baumeister.

Es geht um jeden individuell

Auch Cathrin Rabensteier, Geschäftsführerin von IP-Steuerungstechnik, weiß, was sie an ihren Mitarbeitern hat und lässt sie diese Wertschätzung spüren. Die Unternehmerin geht auf jeden individuell ein: "Einige legen besonderen Wert darauf, pünktlich Feierabend zu haben, andere wollen auch privat Zugriff auf das Werkzeug oder möchten gerne Material bestellen können", erklärt Rabensteiner.
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Die Mitarbeiter können entscheiden, ob sie Überstunden ausbezahlt haben wollen oder lieber einen Freizeitausgleich und erhalten Bonuszahlungen für besondere Leistungen. Rabensteiner hat einen Preis für Verbesserungsvorschläge ausgelobt, zahlt Weihnachts- und Urlaubsgeld und vermögenswirksame Leistungen, sie stellt die Arbeitskleidung und spendiert einen Zuschuss zu den Arbeitsschuhen. Einmal im Monat kauft sie im Eine-Welt-Laden fair gehandelte Bananen für alle.

Darüber hinaus lädt sie zur Weihnachtsfeier, zu Jubiläums- und Sommerfest ein. Beim Firmenlauf für einen guten Zweck können die Mitarbeiter sich beweisen, beim Grillen nach Feierabend klönen oder Tischkicker spielen. "Im Handwerk gibt es viele Vorzeige-Chefs, die sich aber nicht so gerne in der Öffentlichkeit präsentieren", weiß Silke Eichten. "Man kann nur auffordern, dass sie ihre Hemmungen überwinden sollten, denn sie schaffen ein positives Image für das gesamte Handwerk."

Text: Melanie Dorda; Fotos: © Ulrich Schepp

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