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Ein Hauch von Hindukusch in Haltern

Handwerksbetrieb Fimpeler bildet zwei junge Männer aus Afghanistan aus. Ein Mehraufwand, der sich lohnt, meint Unternehmerfrau Elisabeth Fimpeler.

Dieser Artikel gehört zum Themen-Special Flüchtlinge: Willkommen im Handwerk!
Samim Mohamadi (li.) und Naweed Azimi sind aus Afghanistan geflüchtet und seit drei Jahren in Deutschland. Im Betrieb von Hermann Fimpeler machen sie einen richtig guten Job. Foto: © Peter Leßmann
Samim Mohamadi (li.) und Naweed Azimi sind aus Afghanistan geflüchtet und seit drei Jahren in Deutschland. Im Betrieb von Hermann Fimpeler machen sie einen richtig guten Job.

"So gute Auszubildende haben wir lange nicht mehr gehabt", sagt Elisabeth Fimpeler. Seit 40 Jahren bildet der Betrieb in Haltern am See Maler und Glaser aus. Darunter seien junge Leute gewesen, die man erst auf die Arbeit habe aufmerksam machen müssen oder die sich geweigert hätten, auch einmal die Werkstatt sauber zu machen, erinnert sie sich. Dabei gehöre das zur Arbeit dazu. "Wir haben ausschließlich Privatkunden", erklärt Elisabeth Fimpeler. Deren Wohnungen nach getaner Arbeit sauber wieder zu verlassen, sei Grundvoraussetzung für die Kundenbindung.

Afghanistan: Schon 50.000 Jahre vor Christus hat der Landstrich Menschen angezogen, wie archäologische Funde beweisen. Teile des heutigen Afghanistans gehörten unter anderem zum persischen Reich, sind von Alexander dem Großen erobert und Jahrhunderte später von den Kriegern Dschingis Khans verwüstet worden. Das Land steht abwechselnd oder auch gleichzeitig unter persischem, arabischem und indischem Einfluss, war und ist Heimat verschiedenster Volksgruppen und Stämme, die zum größten Teil unterschiedlichen islamischen Glaubensrichtungen angehören. Im 19. Jahrhundert streiten das britische Empire und das russische Zarenreich um das Land am Hindukusch. 1921 konstituiert sich Afghanistan erstmals als souveräner Staat. Ab Mitte der 50er Jahre konkurriert die Sowjetunion mit den USA um den Einfluss im Land. 1973 stürzt die kommunistische Partei den König, ruft fünf Jahre später die Demokratische Volksrepublik Afghanistan aus und begrüßt ein Jahr später die befreundeten sowjetischen Truppen, die beim Kampf gegen islamische Rebellen helfen sollen. Die USA unterstützen die gegnerischen Mudschaheddin. Die übernehmen 1992 die Macht, drei Jahre, nachdem die Sowjets sich zurückgezogen haben. 1994 greifen die Taliban in die Kämpfe ein, um einen islamischen Gottesstaat zu errichten. 1997 rufen sie das Islamische Emirat Afghanistan aus. Nach dem Anschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001 machen die USA Al-Quaida und die afghanischen Taliban verantwortlich, bombardieren Afghanistan und stützen die sogenannte Nordallianz, der es gelingt, eine Interimsregierung einzusetzen. Zu deren Schutz werden NATO-Truppen entsendet. Die werden 2014 abgezogen. Eine kleine Nachfolgeorganisation ohne Kampfauftrag, die Resolute Support Mission (RSM), bleibt im Land. Während die Taliban weiterhin Anschläge verüben, kündigen die USA an, ihre restlichen Truppen endgültig aus dem Land abzuziehen. Mit ihnen wird wohl auch der verbliebene Rest der RSM das Land verlassen, darunter 1.300 Soldaten der Bundeswehr.
(Quellen: Jaroslav Poncar: Afghanistan; Tagesschau.de, Bundeszentrale für politische Bildung)

Zuletzt hätten sich gar keine geeigneten Bewerber mehr gefunden, deshalb habe sie eine Nachbarin gefragt, ob die jemanden wüsste. Die Lehrerin engagiert sich ehrenamtlich im Asylkreis der Stadt.

Geflüchtete, die nach Haltern kommen, finden hier eine Anlaufstelle und Betreuer, die sie bei Amtsgängen begleiten, beim Ausfüllen von Formularen helfen, beim Deutschlernen, bei der Wohnungs- oder Jobsuche. Wer schon länger in Deutschland ist, übersetzt für die neu Angekommenen.

Zupackend, geschickt & aufmerksam

"Die machen eine tolle Arbeit", findet Elisabeth Fimpeler, die den Asylkreis mit Spenden unterstützt. Ihre Nachbarin hatte denn auch prompt zwei ideale Bewerber an der Hand: Samim Mohamadi und Naweed Azimi stammen aus Afghanistan und leben seit drei Jahren in Deutschland. Mohamadi startete die Ausbildung zum Maler, Azimi zum Glaser. Während Samim Mohamadi eine Aufenthaltserlaubnis hat, verfügt Naweed Azimi über eine bloße Duldung. Doch dank Ausbildungsvertrag und Eintrag in der Lehrlingsrolle, sollte er zumindest die nächsten fünf Jahre in Deutschland bleiben dürfen. Das hoffen er und die Fimpelers. Drei, um die Ausbildung fertig zu machen, und zwei für den Einstieg ins Berufsleben.

In NRW werde diese Regelung eigentlich großzügig angewendet, erklärt Claudia von Diepenbroick-Grüter, Expertin der Handwerkskammer Münster. Wer einen Ausbildungsvertrag habe, müsse sich damit von der Ausländerbehörde eine Arbeitserlaubnis einholen und werde dann in die Lehrlingsrolle eingetragen. Die Ausbildung und eine Festanstellung seien gute Voraussetzungen, um einen sicheren Aufenthaltsstatus zu erhalten. Doch leicht sei das nicht. "Die Ausbildung ist ein schwerer Weg", sagt die Expertin. Größter Stolperstein: die Sprache.

Sprache ist schwierigste Barriere

Auch für Mohamadi und Azimi ist das die schwierigste Barriere. Sie sind zupackend, geschickt und aufmerksam bei der praktischen Arbeit, aber noch fällt es ihnen schwer, Berichte zu schreiben oder Fachbegriffe zu behalten. Bis vor drei Jahren haben die jungen Männer ausschließlich Farsi gesprochen. Jetzt können sie sich im Gespräch bemerkenswert gut auf Deutsch unterhalten. "Die deutsche Sprache ist nicht außergewöhnlich schwer", sagt Mohamadi. Es fehle ihm bislang oft an Ruhe und Zeit, sie noch besser zu lernen.

Nach traumatischen Erlebnissen in Afghanistan habe er ein Jahr lang mit einer Depression gekämpft, noch heute leide er an chronischen Magenschmerzen und den Bildern aus der Vergangenheit. Dennoch kann der 22-Jährige mittlerweile fortgeschrittene Sprachkenntnisse vorweisen. In Afghanistan habe er Architektur studieren wollen, erzählt er. Jetzt hat er sich den Malermeister als Ziel gesteckt. Das Gestalten macht ihm Spaß. Stolz zeigt er komplexe Wandbilder, mit denen er seine Ein-Zimmer-Wohnung verschönert hat. Elisabeth Fimpeler macht ihm Mut: Sie sei zuversichtlich, dass er den Meister schaffen könne.

Fenster in eine andere Welt

Azimi erzählt, dass er in Afghanistan wie sein Vater Schneider gelernt und später in einer Polsterei gearbeitet habe. Ihm bereite es noch Probleme, sich die deutschen Namen zu merken oder alles zu verstehen, wenn jemand schnell spreche.

Es bedeute mehr Arbeit, gibt Elisabeth Fimpeler zu. Aber ihr mache es nichts aus, dass das Überarbeiten der Berichte sie jetzt im Büro mehr Zeit koste. Sie hat mit ihren Schützlingen nicht nur zwei gute Nachwuchskräfte gewonnen, wie es scheint, sondern auch ein Fenster in eine neue Welt: Sie zückt einen dicken Bildband über Afghanistan, vertieft sich in Panoramafotos von Berg- und Wüstenlandschaften, Ausgrabungsstätten und Moscheen mit bunten Mosaiken. Sie animiert Mohamadi und Azimi, auf einer Karte zu zeigen, woher sie kommen und in welchen Gebieten die Taliban aktiv sind, fragt sie über Flüsse und Gebirge aus, lässt sich weitere Lektüretipps geben. Gerne würde sie mit ihrem Mann das Land bereisen, sagt sie, aber leider sei es zu gefährlich. Zum Schluss verteilt sie Kopien über die Geschichte Afghanistans (siehe Kasten), die sie stark beeindruckt habe, wie sie sagt. "Was wissen wir schon über das Land?", sagt sie. Elisabeth Fimpeler weiß jetzt sehr viel mehr als noch vor einem Jahr.


Der Betrieb: Der Vater von Hermann Fimpeler hat das Unternehmen 1930 als Malerbetrieb gegründet. 1970 hat Hermann Fimpeler diesen übernommen und die Glaserei hinzugefügt. Ein kluger Schachzug: "Haltern hat 27 Malerbetriebe, aber nur wir bieten auch Glaserarbeiten an", sagt Hermann Fimpelers Ehefrau Elisabeth. Ihr Mann engagiert sich als Landesinnungsmeister beim Glaserinnungsverband NRW und als stellvertretender Bundesinnungsmeister. Als vereidigter Sachverständiger ist er zudem nicht nur bundesweit gefragt, sondern hat auch schon auf den Seychellen sein Fachwissen anbringen können. Mittlerweile arbeitet auch Sohn Thorsten im Betrieb mit, auch er ist Maler- und Glasermeister. Die Fimpelers beschäftigen acht Mitarbeiter, davon drei Auszubildende. Vom Wintergarten über Glasduschen und Spiegel bis hin zum Übertragen des Lieblingsbildes auf Glas bietet die Firma alles an, darüber hinaus auch klassische Malerarbeiten, das Verlegen von Teppich- und Kunststoffböden, komplette Wärmedämmsysteme, aber auch die Beschriftung von Firmenfahrzeugen, Segelbooten oder Fahrrädern.


Integration: Im Jahr 2018 kamen sieben Prozent aller neuen Auszubildenden aus dem Bezirk der Handwerkskammer Münster aus anerkannten Asylherkunftsländern. 2017 lag die Quote noch bei fünf, 2016 bei einem Prozent. Bei Fragen rund um die Beschäftigung von Geflüchteten, zu Fördermöglichkeiten und rechtlichen Rahmenbedingungen beraten die Willkommenslotsen der Handwerkskammer. Im Bezirk Münster sind das: Michael Völker, für Betriebe aus dem Ruhrgebiet, Tel.: 0251/705-1146, E-Mail: michael.voelker@hwk-muenster.de und Siegfried Wochnik, Ansprechpartner für Betriebe aus dem Münsterland, Tel.: 0251/705-1115, E-Mail: siegfried.wochnik@hwk-muenster.de. Eine Liste mit Ansprechpartnern im gesamten Bundesgebiet gibt es hier.

Text: Melanie Dorda
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