(Foto: © BIBB)

Strukturwandel verlangt hohes Tempo

Die Digitalisierung wirkt sich auf alle Lernorte des Handwerks aus. Die Bildungsstätten werden schon zukunftsfest gemacht. Für Ausbilder ist eine Fortbildung zum Umgang mit digitalen Medien geplant.

Azubis werden im Handwerk zu einem knappen Gut. An den Tätigkeiten an sich liegt es nicht. Digitale Medien versprechen eine moderne Wissensvermittlung. Friedrich Hubert Esser, Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung, wünscht sich eine gesellschaftliche Debatte über den Wert von Berufen.  

Handwerksblatt: An einer Botschaft kommt man derzeit kaum vorbei: Ihr müsst euch mit der Digitalisierung beschäftigen! Computer und das Internet gibt es aber doch schon lange. Woher kommt mit einem Mal dieser große Druck?
Esser: Die Digitalisierung ist kein Phänomen, das wir erst vor drei, vier Jahren entdeckt haben. Informationstechnologien nutzen wir schon seit den 60er-Jahren. Aber sie sind deutlich leistungsfähiger geworden und erhöhen damit den Spielraum für unternehmerisches Handeln. Beispielsweise gibt es Online-Plattformen wie Amazon, die den Unternehmen erweiterte Distributionsmöglichkeiten und damit zusätzliche Märkte bieten. Die unterschiedlichsten Gewerke nutzen heute Verfahren der additiven Fertigung. 3D-Druck findet im Konditorhandwerk bereits Anwendung, auch um der veränderten Nachfrage der Kunden gerecht werden zu können. Technologien vernetzen sich miteinander. Ein weiteres, für das Handwerk relevantes Stichwort lautet "Smart Home".

Handwerksblatt: Wie wirkt sich die Digitalisierung auf die Wissensvermittlung aus?
Esser: Die Lernwelten entwickeln sich weiter. Digitale Medien erschließen neue Möglichkeiten für die Lernwirksamkeit. Augmented- und Virtual-Reality-Anwendungen machen abstraktes Wissen konkret. Mit dem Einsatz von Tablets verändert sich das Zusammenspiel zwischen und unter den Lehrenden und Lernenden. Es entwickeln sich unterschiedlichste Beziehungsgeflechte für das Lehren und Lernen. Daraus ergeben sich neue Möglichkeiten der didaktischen Gestaltung. Zum Beispiel erfolgt zu Beginn einer Unterrichtsstunde bislang häufig die Einführung in ein neues Thema durch den Lehrer. Die Schüler waren dabei eher in einer passiven Rolle. Unter Nutzung von Tablets oder Smartphones können Sie heute in die Lage versetzt werden, im Internet zu recherchieren, die Ergebnisse als Gruppe zusammenzutragen und damit die Einführung in das neue Thema zu übernehmen. In dieser Konstellation moderiert der Lehrer die verschiedenen Beiträge. Die Schüler haben eine aktivere Rolle. Das wirkt sich positiv auf die Lernmotivation und -effizienz aus.

Handwerksblatt: Dafür muss der Lehr- und Lernbetrieb aber auch reibungslos ablaufen.
Esser: Richtig. Drei Bedingungen müssen erfüllt sein. Wir brauchen einen flächendeckenden Anschluss unserer Lernumgebungen ans schnelle Internet. Der technische Support muss gewährleistet sein, und die Lehrkräfte müssen mit den digitalen Medien umgehen können.

Handwerksblatt: Sind die Lehrerinnen und Lehrer dafür nicht schon fit genug?
Esser: Während ihres Studiums haben die Lehrkräfte der allgemein-  und berufsbildenden Schulen gelernt, was Methodik und Didaktik ist. Beim Umgang mit digitalen Medien haben sie aber genauso viel Nachholbedarf, wie das Ausbildungspersonal in den Betrieben, den überbetrieblichen Bildungszentren sowie die Prüferinnen und Prüfer. Alle müssen lernen, die Technik zu beherrschen, abzuschätzen, wie Apps oder VR-Anwendungen den Lehr- und Lernprozess unterstützen können, und sich entsprechende didaktische Modelle und Konzepte aneignen.

Handwerksblatt: Wie kommen diese Instrumente und Konzepte in die Berufsausbildung?
Esser: Die Organisationen der Wirtschaft wie auch Bund und Länder als Hauptakteure haben unterschiedliche Möglichkeiten. Das BIBB entwirft zurzeit in Kooperation mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) einen Lehrgang für die bundesweite Umsetzung, um das Ausbildungspersonal mit dem Einsatz digitaler Medien vertraut zu machen und sie davon zu überzeugen, dass diese Hilfsmittel ihnen die Arbeit erleichtern. Dieser Lehrgang wird noch dieses Jahr an den Start gehen und zunächst mit einigen Handwerks- wie auch Industrie- und Handelskammern erprobt. Die Qualifizierung soll als ein Mix aus Präsenz- und Online-Phasen angeboten werden. Wichtig für den Erfolg der Maßnahme wird sein, dass die Leitung der Häuser dahintersteht und den Ausbildern, Dozenten und Prüfern entsprechende Freiräume für das Lernen schafft.

Handwerksblatt: Welche Veränderungen wird es bei der überbetrieblichen Lehrlingsunterweisung geben?
Esser: Das Handwerk mit seinen vielen Klein- und Kleinstbetrieben muss in die Lage versetzt werden, das hohe Tempo des Strukturwandels mitzugehen. Von daher war es vor vielen Jahren klug und weitsichtig, in den Regionen überbetriebliche Berufsbildungsstätten (ÜBS) einzurichten. Mit Mitteln des BMBF statten wir zurzeit diese Bildungszentren mit den neuesten digitalen Technologien aus, die bei der überbetrieblichen Lehrlingsunterweisung zum Einsatz kommen. Durch ihre Auszubildenden bleiben die Betriebe damit auf Tuchfühlung mit den neuesten technologischen Entwicklungen und können entdecken, wie viel handwerkliche und wirtschaftliche Substanz darin für sie selbst steckt.

Die Frage ist: Müssen diese Inhalte "on top" vermittelt werden, womit die Auszubildenden weitere Zeit im Betrieb fehlen, oder gegen andere Inhalte bislang praktizierter Unterweisung ausgetauscht werden? Natürlich ist darauf zu achten, dass die schulischen und praktischen Anteile ausgewogen bleiben. Das Lernen im Arbeitsprozess ist und bleibt ja die Kernidee der dualen Ausbildung. Andererseits müssen die Betriebe aber auch erkennen, dass viel Substanz und Wert in diesen Angeboten stecken. Diese Einschätzung vertritt auf jeden Fall das Bundesbildungsministerium, das die Digitalisierung der ÜBS maßgeblich über ein insbesondere für das Handwerk lukratives Sonderprogramm fördert.

Handwerksblatt: Müssen auch die Ausbildungsordnungen angepasst werden?
Esser: Der Strukturwandel wird sich nicht gleichförmig über alle Handwerksberufe hinweg vollziehen. Das heißt, es gibt Handwerksberufe, die einen höheren Anpassungsbedarf haben, und solche, wo wir nicht gleich neuordnen müssen. Es gibt aber auch Schlüsselqualifikationen, die berufsübergreifend zunehmend relevanter werden. Dazu zähle ich die Selbstlernfähigkeit, Kompetenzen in Kommunikation und Konfliktregulierung, Prozess- und Systemwissen sowie IT-Kenntnisse. All dies muss sich künftig in allen Ausbildungsordnungen niederschlagen.

Handwerksblatt: Sie sehen Berufsgruppen oder -familien als ein zukunftsrelevantes Konzept. Was verbirgt sich dahinter?
Esser: Die Botschaft lautet: Qualitativ hochwertige Spezialisierungen in den Gewerken erhalten und Synergien zwischen den Gewerken nutzen. Ich mache das einmal am Beispiel der Nahrungsmittelhandwerke deutlich. Es gilt, identische Lerninhalte von Bäckern, Konditoren und Fleischern zu identifizieren. Dies macht aus organisatorischer Sicht vor allem für die Berufsschulen Sinn, damit sie weiterhin ausreichend große Fachklassen auch für jene Handwerke vorsehen können, die über immer weniger Nachwuchs verfügen. Es eröffnen sich aber auch wunderbare Karrieremöglichkeiten. Aus den spezialisierten Berufen heraus lassen sich hybride Qualifizierungsangebote entwickeln – etwa als Nahrungsmittelprofi in den Bereichen Catering oder warme Küche. Hinzu kommt, dass alle drei Handwerke im Verbund als strategische Allianzen auftreten und damit eine viel größere Kraft bei der Nachwuchsarbeit entfalten können als sie als Einzelkämpfer zur Verfügung haben.

Handwerksblatt: Wie weit ist die Umsetzung?
Esser: Das Konzept der Berufsgruppen oder Berufsfamilien haben wir in der Theorie schon länger erschlossen, aber es hakt in der Praxis. Es gibt vor allem Berührungsängste zwischen den Gewerken. Die Befürchtung, dass Handwerke dadurch zusammengelegt werden könnten, ist bei vielen Verbänden groß. Dieser Befürchtung ließe sich jedoch über die Vereinbarung einer vertrauensstiftenden Regelung, die die Eigenständigkeit der Partner absichert, begegnen. Strategische Allianzen gleichberechtigter Partner in Sachen Aus- und Weiterbildung machen den Berufsstand aus meiner Sicht attraktiver und verschaffen den Beteiligten mehr Gehör in der öffentlichen Diskussion.

Handwerksblatt: Viele Betriebe haben Probleme, ihre Lehrstellen zu besetzen. Ist mit den eigenen Händen zu arbeiten einfach "out"?
Esser: Es liegt nicht daran, dass die Jugendlichen keine Lust an bestimmten Tätigkeiten haben. Die Wertigkeit von Berufen in unserer Gesellschaft hat sich zuungunsten des Handwerks verändert. Unsere Forscherinnen und Forscher sprechen davon, dass Berufe zu Visitenkarten werden. Sie suggerieren vor allem etwas über die Bildung und das Vermögen eines Menschen. Deshalb ist es jungen Menschen bei der Berufswahl extrem wichtig, was andere über einen Beruf denken. Kommen sie in dieser Phase zu dem Ergebnis, dass sie mit dem ins Auge gefasste Beruf bei anderen nicht glänzen können, wird er auch nicht ergriffen. Für das Handwerk bedeutet dies zuvorderst, besser herauszustellen, wieviel Bildung und welche Verdienstmöglichkeiten in Handwerksberufen steckt beziehungsweise stecken.

Handwerksblatt: Verstärkt wird diese Abkehr von der dualen Berufsausbildung dann auch noch durch den Trend zur Akademisierung.   
Esser: Angestrebt wird vor allem ein Abschluss, der die meisten Chancen nach der Schulzeit verspricht. Das ist in Deutschland das Abitur. Wir verzeichnen heute in Deutschland mehr Hochschulzugangsberechtigte als Hauptschüler. Dies ist vor allem die Folge des zweckrationalen Denkens der Eltern, die für ihre Kinder die vermeintlich beste Alternative wünschen. In den Gymnasien gilt die Möglichkeit, nach dem Abitur auch eine Ausbildung anschließen zu können, wenn überhaupt, als zweitbeste Alternative. Daraus ergibt sich ein Dilemma für die Nachwuchsrekrutierungsfunktion des dualen Systems, von dem insbesondere das Handwerk zunehmend betroffen ist.

Handwerksblatt: Also brauchen wir "nur" ein Umsteuern in der Bildungspolitik?
Esser: Der Bildungsbereich ist nur zu einem Teil für diese Misere verantwortlich. Die jungen Leute und vor allem ihre Eltern schauen bei der Berufswahl auch auf das Beschäftigungssystem. Da geht es nicht nur um die Zukunftsfähigkeit von Berufen, sondern zunehmend auch um die Vereinbarkeit von Beruf, Freizeit und Familie, berufliche Perspektiven und natürlich auch um die Höhe des Einkommens. Selbstständig werden in einem zukunftsorientierten Handwerk wäre deshalb die passende Idee für eine Nachwuchssicherungskampagne. Leider wird es jedoch immer schwieriger, die Plausibilität der Karrieremöglichkeiten als Unternehmer im Handwerk darzulegen. Hohe Investitionen, viel Verantwortung, überbordende Bürokratie sind bekannte Begleiterscheinungen auf dem Weg in die Selbstständigkeit, was viele abschreckt. Von daher müssen wir bessere Rahmenbedingungen schaffen, damit die Möglichkeit, einen Betrieb zu gründen oder zu übernehmen, wieder eine realistische Alternative zu einem lukrativen Angestelltenjob bei Schulabgängern wie auch bei Eltern ist.

Handwerksblatt: Was müsste aus Ihrer Sicht passieren, damit die berufliche Bildung stärker in den Fokus rückt?
Esser: Sehr wichtig ist eine nachhaltige Berufsorientierung, die bereits in der Grundschule beginnen muss. Es sollte nicht nur vom Elternwillen abhängen, welchen Bildungsweg die Kinder nach der 4. Klasse einschlagen. Es sollte vielmehr auch wieder die Expertise der Lehrkräfte eine bedeutendere Rolle spielen Davon verspreche ich mir eine leistungsadäquatere Verteilung der Schülerinnen und Schüler vor allem auf Mittelschulen und Gymnasien. An den Gymnasien brauchen wir zur Studienorientierung eine Berufsorientierung auf Augenhöhe. Es muss deutlich werden, dass etliche Berufe des Handwerks hohe Ansprüche an die Bewerberinnen und Bewerber stellen und dabei sehr zukunftsorientiert sind. Ich denke da zum Beispiel an die elektro- und anlagentechnischen Handwerke und ihre Anbindung an Smart Home-Konzepte. Da steckt von allem etwas drin, was viele Abiturienten interessiert.

Handwerksblatt: Welchen Beitrag kann die Imagekampagne des Handwerks leisten?  
Esser: Die Imagekampagne leistet einen wichtigen marketingstrategischen Beitrag für das Gesamthandwerk, wird aber das Problem des immer bedrohlicher werdenden Nachwuchsmangels im Handwerk alleine nicht lösen. Wir brauchen vor allem eine gesamtgesellschaftliche Debatte über den Wert von Berufen. Es muss deutlich werden, dass ein solider Handwerksberuf genauso wichtig und anspruchsvoll ist wie ein akademischer Beruf. Der Deutsche Qualifikationsrahmen veranschaulicht diese Gleichwertigkeit ja vor allem auf dem Niveau 6, zu dem Bachelor und Meister gleichermaßen zugeordnet sind.

Handwerksblatt: Diesen Bewusstseinswandel herbeizuführen, dürfte ein ziemlich dickes Brett sein.
Esser: Meine Reisen ins Ausland machen mir immer wieder bewusst, wie unglaublich wichtig dabei unsere selbstorganisierte Wirtschaft mit ihren Kammern, Innungen und Kreishandwerkerschaften ist. Wenn vor allem diese Organisationen es gemeinsam mit den Arbeitnehmervertretungen schaffen, sich auf die veränderten Anforderungen auszurichten, dann haben wir eine Chance, dieses dicke Brett zu durchbohren.

Handwerksblatt: Wie bewerten Sie die Gründung der Enquete-Kommission "Berufliche Bildung in der digitalen Arbeitswelt"?
Esser: Es ist ein wichtiges politisches Signal, dass sich der Deutsche Bundestag der beruflichen Bildung annimmt. Neben der Enquete-Kommission gibt es aber noch viele andere Initiativen. Im Koalitionsvertrag sind verschiedene Ziele formuliert, wie sich die berufliche Bildung weiterentwickeln lässt. Außerdem steht die Novelle des Berufsbildungsgesetzes dieses Jahr an.

Handwerksblatt: Hoffentlich verstricken sich die Akteure bei all diesen Aktivitäten nicht.
Esser: An den Initiativen sind oft dieselben Organisationen beteiligt. Ihre Vertreter müssen gewährleisten, dass Doppelarbeit vermieden wird und aus all den Ergebnissen ein roter Faden entsteht. Es ergibt wenig Sinn, wenn wir dieses Jahr das Berufsbildungsgesetz novellieren und im Sommer 2021 alles wieder ändern, wenn die Enquete-Kommission ihren Abschlussbericht vorgelegt hat.

Text: / handwerksblatt.de

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