Landeshandwerkskonferenz im Metall- und Technologiezentrum der Handwerkskammer Koblenz mit Staatssekretärin Simone Schneider vom Wirtschaftsministerium des Landes und ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke (vorne in der Mitte). (Foto: © Michael Jordan)

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Handwerk in RLP: Leistungsbereit, aber nicht unbegrenzt belastbar

Die Landeshandwerkskonferenz Rheinland-Pfalz setzt Zeichen für Bürokratieabbau, Fachkräftesicherung, Unternehmensnachfolge, bezahlbare Sozialabgaben - im engen Dialog mit der Landesregierung. 📷 Mit Bildergalerie

Energiekrise, steigende Sozialversicherungskosten, Materialknappheit und Bürokratielasten setzen auch das Handwerk in Rheinland-Pfalz unter Druck. Zur DNA des Handwerks gehören Zuversicht, Verantwortungsbewusstsein und die Lust daran, an Lösungen zu arbeiten. Aber wie bewahrt man Handlungsfähigkeit in einer Zeit, in der Krisen und Erschöpfung in der Bevölkerung zunehmen? Welche Rahmenbedingungen brauchen die Betriebe? Darum ging es bei der Landeshandwerkskonferenz im Metall- und Technologiezentrum der Handwerkskammer Koblenz. Die zentrale Botschaft der Konferenz: Das Handwerk ist nach wie vor leistungsbereit, jedoch nicht unbegrenzt belastbar.

Zum Auftakt begrüßte Hans-Jörg Friese, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft (Arge) der Handwerkskammern Rheinland-Pfalz, die Vertreterinnen und Vertreter aus Verbänden, Kreishandwerkerschaften und Handwerkskammern sowie Staatssekretärin Simone Schneider vom Wirtschaftsministerium, ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke und Dr. Lukas Meub, Geschäftsführer des ifh Göttingen.

Die Konferenz sei ein Ort für den gemeinsamen Blick auf die Frage, was das Handwerk in Rheinland-Pfalz bewegt, was verändert werden muss und was man zusammen auf den Weg bringen kann. "Denn vieles von dem, was unsere Handwerksbetriebe tagtäglich beschäftigt, wird nicht vor Ort entschieden, sondern auf Bundes- und europäischer Ebene", betonte Axel Bettendorf, Geschäftsführer der Arge.

Bilder von der Landeshandwerkskonferenz am 20. Oktober in Koblenz:

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Hans-Jörg Friese betonte, dass politische Entscheidungen ihre Wirkung am Ende ganz konkret "in der Werkstatt, auf der Baustelle, im Laden und am Schreibtisch der Betriebsinhaberin" zeigen. Dort entscheide sich, ob Entlastungen tatsächlich ankommen und ob aus guten Vorhaben praktikable Lösungen werden. Das Handwerk verstehe sich dabei als Gesprächspartner für die Politik, der Probleme klar benennt und an Lösungen mitarbeitet. Als Beispiel nannte Friese die Hilfe in der Zeit nach der Flut im Ahrtal. Handwerkerinnen und Handwerker hätten von Tag eins an angepackt und wiederaufgebaut.

Die Unternehmensnachfolge ist eine Zukunftsfrage für ganze Regionen

Hans-Jörg Friese ist Sprecher der Arbeitsgemeinschaft der Handwerkskammer Rheinland-Pfalz Foto: © Michael JordanHans-Jörg Friese ist Sprecher der Arbeitsgemeinschaft der Handwerkskammer Rheinland-Pfalz Foto: © Michael Jordan

Eine "Zukunftsfrage für ganze Regionen" sei die Unternehmensnachfolge. Mit jedem Betrieb stünden Arbeitsplätze, Ausbildungsplätze, Erfahrung und Versorgung vor Ort auf dem Spiel. Deshalb müsse früher über Nachfolge gesprochen werden, betonte Friese. Übernahmen müssten als attraktive Form unternehmerischer Selbstständigkeit sichtbar werden. Auch die Ausbildung spiele dabei eine wichtige Rolle. "Ausbildung braucht Zeit, Geduld und persönliche Zuwendung. Wer ausbildet, investiert in die Zukunft eines jungen Menschen und übernimmt Verantwortung für unseren gesamten Wirtschaftszweig."

Hans-Jörg Friese warnte in seiner Rede vor einem rauer werdenden Ton in gesellschaftlichen Debatten. "Kritik wird schneller zu pauschaler Abwertung. Aus Enttäuschung wird Rückzug." Demokratie brauche jedoch Menschen, "die ihr zutrauen, Probleme zu lösen, und die bereit sind, daran mitzuwirken". Das Handwerk kenne diese Verantwortung aus der Selbstverwaltung, aus Vollversammlungen, Innungsvorständen, Kreishandwerkerschaften und Prüfungsausschüssen. Engagement mache einen Unterschied. Aber, so der Präsident: "Wer jeden Tag Verantwortung trägt, braucht verlässliche Bedingungen: verständliche Regeln, funktionierende Verwaltung und Entscheidungen, mit denen sich planen lässt."

Ministerium will Berichts- und Dokumentationspflichten konsequent überprüfen

Staatssekretärin Simone Schneider überbrachte die Grüße von Wirtschaftsminister Michael Ebling und stellte die Bedeutung des Handwerks für Rheinland-Pfalz heraus. Die Landesregierung wolle den konstruktiven Austausch mit den Betrieben fortsetzen. Der Wirtschaftsstandort Deutschland und damit auch Rheinland-Pfalz stünden unter erheblichem internationalem Druck. Die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts zurückzugewinnen, sei eine zentrale Aufgabe der Legislaturperiode. Ohne eine starke Wirtschaft könne die Gesellschaft die anstehenden Transformationsprozesse nicht bewältigen.

Staatssekretärin Simone Schneider Foto: © Michael JordanStaatssekretärin Simone Schneider Foto: © Michael Jordan

Die Landesregierung setze deshalb auf "schnelle Genehmigungsverfahren, konsequenten Bürokratieabbau, eine leistungsfähige digitale Verwaltung, Investitionen in Infrastruktur, erhöhte Resilienz und eine gezielte Fachkräftesicherung". Schneider kündigte an, Unternehmensnachfolgen und Übernahmen erleichtern zu wollen. Dabei sei der Input des Handwerks gefragt.

Positiv hob sie hervor, dass die Ausbildungszahlen im rheinland-pfälzischen Handwerk landesweit um sieben Prozent gestiegen seien. Rund 18.000 junge Menschen absolvierten derzeit eine Ausbildung im Handwerk. Sie seien Teil von 56.000 Handwerksbetrieben im Land, die zusammen rund 38 Milliarden Euro Jahresumsatz erwirtschaften. Eine Ausbildung müsse als "Entscheidung erster Klasse" sichtbar werden. Berufliche und akademische Bildung seien gleichwertig, betonte Schneider. Die Wirtschaft brauche Menschen, die forschten und entwickelten, aber ebenso jene, die planten, bauten, reparierten und gestalteten.

Beim Bürokratieabbau versprach Staatssekretärin Simone Schneider keine Wunder, aber Tempo. Die Landesregierung habe bereits in der ersten Kabinettssitzung nach der Sommerpause Maßnahmen auf den Weg gebracht. Berichts- und Dokumentationspflichten sollen konsequent überprüft werden. Die Beweislast soll umgedreht werden: Nicht Unternehmen oder Kammern müssen künftig begründen, warum eine Berichtspflicht entfallen soll, sondern die Verwaltung soll darlegen, warum sie bestehen bleiben soll. Ziel sei eine digitale Verwaltung, in der Anträge, Nachweise und Genehmigungen einfacher, schneller und medienbruchfrei erledigt werden könnten. Die Vereinfachung könne am Ende darüber entscheiden, ob Investitionen in Rheinland-Pfalz oder anderswo getätigt würden.

Schwannecke: Europa steht massiv unter Druck

ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke weitete den Blick über Rheinland-Pfalz hinaus. Europa stehe massiv unter Druck. Er nannte den russischen Krieg gegen die Ukraine, die Unsicherheit im Verhältnis zu den USA, Konflikte im Nahen Osten, Spannungen zwischen China und Taiwan, Nordkorea, Handelskonflikte und die wirtschaftliche Expansionspolitik Chinas. All diese Faktoren wirken auf Europa, auf Deutschland und damit auch auf die Betriebe vor Ort. Energiekosten, Materialpreise und Lieferketten seien unmittelbar betroffen. Schwannecke machte deutlich: "Europa ist wichtiger denn je." Allerdings müsse Europa anders über sich selbst sprechen und der Kompass in Brüssel neu ausgerichtet werden. Es brauche legislative Zurückhaltung, Vertrauen, risikobasierte Gesetzgebung und eine stärkere Orientierung am Mittelstand.

ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke kam aus Berlin nach Koblenz Foto: © Michael JordanZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke kam aus Berlin nach Koblenz Foto: © Michael Jordan

Kritisch äußerte sich der ZDH-Generalsekretär zur europäischen Verpackungsverordnung, die auch das Handwerk hart treffe. Besonders die erweiterte Herstellerverantwortung belaste kleine Betriebe, die grenzüberschreitend tätig sind. Die von der EU-Kommission vorgeschlagene Aussetzung einzelner Pflichten bis 2035 reiche nicht aus. Das würde nur bedeuten, Belastungen in die Zukunft zu verschieben. Auch bei der Anerkennung beruflicher Qualifikationen mahnte Schwannecke Vorsicht an. Digitalisierung und schnellere Verfahren seien sinnvoll. Problematisch werde es aber, wenn Brüssel standardisierte Ausbildungsrahmen für einzelne Berufe schaffen will, etwa beim Elektrotechniker. Die inhaltliche Zusammensetzung von Berufen und Qualifikationen müsse aus Sicht des Handwerks weiterhin praxisnah und mit Beteiligung der Sozialpartner geregelt werden.

Beim Vergaberecht warnte Schwannecke davor, nationale Erfolge bei der Fach- und Teillosvergabe durch europäische Regelungen zu gefährden. Mit Blick auf Berlin zeigte sich der ZDH-Generalsekretär skeptisch. Die politische Lage sei schwierig, die wirtschaftliche Lage schwach. Zwar gebe es Wachstumsprognosen, diese seien aber schuldengetrieben und würden im Handwerk kaum ankommen. Politik müsse nicht nur große Reformen ankündigen, sondern spürbare Entlastungen umsetzen. Er nannte die Bonpflicht, die nun doch nicht abgeschafft werden soll, Arbeitszeitflexibilität, Stromsteuer und Energiebelastungen. Zusagen aus dem Koalitionsvertrag müssten endlich eingelöst werden. Auch bei der Erbschaftsteuer, den sozialen Sicherungssystemen und der Bildungsfinanzierung sieht der ZDH erheblichen Handlungsbedarf. Sorgen bereiteten sinkende Mittel für Bildungsstätten und überbetriebliche Lehrlingsunterweisung.

Soll die Frage der Unternehmensnachfolge der Markt regeln?

Dr. Lukas Meub, Geschäftsführer des ifh Göttingen, beschrieb in seinem Vortrag über Unternehmensnachfolge, wie der demografische Wandel das Handwerk stark verändert: Viele Inhaber gehen in den Ruhestand, während weniger Auszubildende, Gesellen und Meister nachrücken. Sein Institut befasst sich unter anderem mit der Frage, ob die klassische Betriebsnachfolge weiterhin von Politik und Kammern unterstützt werden soll, oder ob das der Markt regelt.

Dr. Lukas Meub, Geschäftsführer des ifh Göttingen Foto: © Michael JordanDr. Lukas Meub, Geschäftsführer des ifh Göttingen Foto: © Michael Jordan

Es sei eine strategische Abwägung, so Meub, weil der Erhalt kleiner Familienbetriebe regionale Strukturen und Wissen sichert, zugleich aber auch Innovation, Neugründungen und effizientere Marktstrukturen bremsen könnte.

Die Teilnehmer der Landeshandwerkskonferenz gaben zu bedenken, dass es gerade im Flächenland Rheinland-Pfalz von zentraler Bedeutung ist, das Handwerk vor Ort zu erhalten und die Nachfolge zu fördern. Die handwerklichen Betriebe – auch die kleineren - seien hier Versorger wie auch Arbeitgeber und Teil gewachsener wirtschafts-gesellschaftlicher Strukturen und weit mehr als marktwirtschaftlich durchdeklinierte Akteure, die man ausschließlich über Umsatz, Gewinn und Effizienz beurteilen könne. Gerade in Krisenzeiten sei das Handwerk eine wichtige Säule für die Resilienz in der Gesellschaft und auch ein zentraler Teil der kritischen Infrastruktur.

Handwerk für Sozialabgabenbremse: Bei 40 Prozent muss Schluss sein

Gerd Benzmüller, Präsident des Landesverbandes der Kreishandwerkerschaft und des Bundesverbandes BV-KH, stellte in seiner Rede über die steigenden Sozialversicherungskosten die Lücke zwischen Arbeitgeberkosten und Nettolohn in den Mittelpunkt. Ein Geselle mit 3.800 Euro brutto erhält rund 2.400 Euro netto. Er kostet den Betrieb aber etwa 4.760 Euro.

Gerd Benzmüller, Präsident des Landesverbandes der Kreishandwerkerschaft und des Bundesverbandes BV-KH, Foto: © Michael JordanGerd Benzmüller, Präsident des Landesverbandes der Kreishandwerkerschaft und des Bundesverbandes BV-KH, Foto: © Michael Jordan

Zwischen dem Aufwand des Betriebs und dem Nettolohn liegen also Monat für Monat gut 2.300 Euro. Der größte Block seien nicht Steuern, sondern Sozialversicherungsbeiträge, so Benzmüller. Der Gesamtsozialversicherungsbeitrag liegt 2026 bei 42,3 Prozent, nach 40,9 Prozent im Jahr 2024. Dazu kommen für den Arbeitgeber Umlagen und Berufsgenossenschaftsbeiträge.

Damit steige die tatsächliche Belastung weiter. Gerade das Handwerk leide unter steigenden Sozialabgaben. Sie verteuern die legale Arbeitsstunde und machen Schwarzarbeit attraktiver. Benzmüller fordert daher eine gesetzlich verankerte Sozialabgabenbremse, die Gesamtbeiträge wieder unter die 40-Prozent-Marke bringe. Und versicherungsfremde Leistungen müssten aus Steuern finanziert werden, nicht aus Beiträgen. Sein Fazit: "Das Handwerk ist kein Gegner des Sozialstaates." Es sei vielmehr einer seiner verlässlichsten Finanzierer. Wer das Handwerk entlaste, schwäche den Sozialstaat nicht, sondern sichere seine Grundlage. 

Haus des Handwerks: ZDH-Standort in Berlin stärken und erhalten

Kurt Krautscheid, Präsident der Handwerkskammer Koblenz Foto: © Michael JordanKurt Krautscheid, Präsident der Handwerkskammer Koblenz Foto: © Michael Jordan

Kurt Krautscheid, Präsident der Handwerkskammer Koblenz wie auch Vorsitzender des ZDH-Finanzausschusses, unterstrich am Ende der Veranstaltung die Bedeutung des ZDH-Standortes "Haus des Deutschen Handwerks" im Zentrum Berlins, "das für unsere Arbeit eine wichtige Rolle im Dialog mit den politischen Akteuren spielt und insofern erhalten und gestärkt werden soll."

Gesetze werden in Berlin und Brüssel gemacht "und unsere Nähe zu den Parlamenten ist von zentraler Bedeutung", machte Krautscheid deutlich was Zukunftspläne der ZDH-Zentrale und deren Finanzierbarkeit einschließt.

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Text: / handwerksblatt.de

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