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Beim Schuhmacher lernen, mit den Händen zu denken

Schuhmachermeister Rolf Rainer gibt in Workshops sein Wissen an "Normalsterbliche" weiter. Bei ihm gibt es auch ­Maßschuhe aus dem tiefschwarzen Leder der Neandertal-Auerochsen. Zur Fotogalerie

"Maßgefertigte Schuhe bedeuten Lebensqualität", sagt Rolf Rainer. 300 Arbeitsschritte sind für die Herstellung eines Schuhs nötig. Wer wissen möchte, welche das sind, kann einen mehrtägigen Workshop beim Meister besuchen. Foto: © Ingo Lammert

Das Neandertal ist ein idyllisches Ausflugsziel für Naturliebhaber und Wanderer. Weltberühmt ist es für den Fund des Neandertalers vor 161 Jahren. Im Wildgehege rund um die Fundstelle und das Museum leben heute Wisente, Wildpferde und Auerochsen, die in Europa schon seit Hunderten von Jahren ausgestorben sind. Durch Kreuzungen konnten Tiere gezüchtet werden, die ihren Vorfahren aus der Eiszeit sehr ähnlich sind. Wird die Auerochsenherde zu groß, werden einige Tiere verkauft oder geschlachtet.

An dieser Stelle kommt Rolf Rainer ins Spiel: Der Maßschuhmacher aus Mettmann ist permanent auf der Suche nach hochwertigem, fair produziertem Leder. Bislang wurde er bei Gerbereien in Italien oder Frankreich fündig, auch die feine Haut des australischen Kängurus hat es ihm angetan. "Die Auerochsen sind ein Glückfall für mich", sagt der Handwerksmeister. Nicht nur wegen der Qualität – so bekommen die maßgefertigten Schuhe auch noch einen regionalen Anstrich.

Die pechschwarzen Häute der Heckrinder lässt er an der Sieg pflanzlich gerben. Keine Massenproduktion, keine Chemie, wie sonst in der Lederproduktion üblich. Genau die richtige Grundlage für die Maßschuhe, die Rolf Rainer in seiner Manufaktur fertigt.  

Keine Massenproduktion, keine Chemie

Rainer 0012Foto: © Ingo LammertFast zehn Milliarden Euro haben die Deutschen 2016 für Schuhe ausgegeben. Die meisten davon kamen aus China und Vietnam. Billigschuhe, oft aus Plastik, die nach kurzem Tragen im Müll landen. Die Werkstatt von Rolf Rainer wirkt da wie aus der Zeit gefallen.

In einem 150 Jahre alten Schieferhaus mit verwinkelten Räumen, in dem schon sein Vater und sein Großvater als Schuhmacher gearbeitet haben, geht der 62-Jährige gemeinsam mit seiner Gesellin mit großer Leidenschaft seiner Handwerkskunst nach.

Hier entstehen Schuhe, die ihr Besitzer zehn Jahre, 15 Jahre oder länger tragen kann. Klassisch, edel, elegant. Die Werkzeuge sind zum Teil seit drei Generationen im Einsatz. Zählt man die vielen Lehrlinge dazu, die bei Rolf Rainer ausgebildet wurden, sogar seit vier Generationen. Der Schuhmachermeister stellt mitten in der Kleinstadt Mettmann, 20 Kilometer von Düsseldorf entfernt, ein Produkt her, das man nicht an jeder Straßenecke und im Internet billig kaufen kann.

Wie kann sich eine kleine Werkstatt gegen Deichmann, Zalando und Co. behaupten? "Mit extrem viel Liebe zum Material, zum Produkt und einer Portion Selbstbewusstsein", sagt er. Moderner Technik verweigert sich Rolf Rainer nicht, aber er wägt genau ab, wie er sie einsetzt. So hat er seit Jahren einen zweisprachigen Internetauftritt und ist bei Facebook aktiv, doch den 2-D-Scanner hat er wieder abgeschafft. Der 3-D-Druck hingegen könnte eine Chance für die Zukunft sein.

"Der Maßschuh ist ein Kulturgut"

"Man muss aufpassen, dass die Digitalisierung den Handwerker nicht zum Industriearbeiter degradiert. Die Kreativität könnte dann verloren gehen. Und der Maßschuh ist ein Kulturgut." Im Gegensatz zu früher, als der Vater noch den Betrieb führte, machen Schuhreparaturen nur einen geringen Teil der Arbeit von Rolf Rainer aus. Er entschied sich erst nach dem Studium der Sozialpädagogik im Alter von 28 Jahren dazu, sprichwörtlich in die väterlichen Fußstapfen zu treten. Und auch nur unter der Bedingung, eigene Schuhe herstellen zu dürfen.

An die 50 bis 60 Paar Maßschuhe verlassen die Werkstatt im Jahr. Dazu kommt: Heute lohnt sich bei den meisten Schuhen die Reparatur nicht mehr, sie sind nicht wertig genug. "Viele Millionen Paar Schuhe werden in Deutschland pro Jahr weggeschmissen", sagt Rainer. "Alles Plastikmüll. Dafür könnte jeder Deutsche ein Jahr lang mit Plastiktüten einkaufen gehen." Dazu kämen die katastrophalen Umstände bei der Lederherstellung in Indien oder Bangladesch. "Das ist eine enorme Umweltsünde", findet der Unternehmer, der die Nachhaltigkeit an seinem Handwerk liebt und dies häufig in Seminaren vor Modedesignstudenten vermittelt. 

Eigene Maßschuhkollektion

Auch beim Marketing geht Rolf Rainer immer wieder neue Wege. Mit Ausstellungen im Geschäft oder Kooperationen mit jungen Künstlern macht er von sich reden. Vor sieben Jahren hat er eine Maßschuhkollektion entworfen. Der Kunde kann seinen Schuh selbst konfigurieren – also das Leder, das Modell und die Sohle –, produziert wird in Belgien. Sogar mit einem angesagten Sneaker-Laden in Düsseldorf hat er schon zusammengearbeitet. Rolf Rainer, der auch stellvertretender Obermeister ist und sich im Berufsbildungsausschuss engagiert, schaut gerne über den Tellerrand. 

Maßschuhmachertreffen organisiert

Er reist um die Welt, war in einer Jury für Schuhdesign in Moskau, trifft Kollegen in England oder hat 2016 das erste deutschsprachige Maßschuhmachertreffen in Düsseldorf mit über 30 Teilnehmern organisiert. Ein fruchtbarer Austausch, denn dabei lernte er einen Kollegen aus der Schweiz kennen, der Handwerkerkurse für "Normalsterbliche" anbietet. 

Und schon war die nächste Idee geboren: Seit Herbst 2017 bietet er in seiner Werkstatt "Rolf Rainer Footwear" mehrtägige Workshops für Menschen an, die schon immer wissen wollten, wie ein Schuh entsteht. Unter den ersten Teilnehmern sind eine Designerin, eine Informatikerin und ein Beamter mit einem Faible für das Schuhmacherhandwerk. Die bunt gemischte Gruppe lernt jetzt beim Meister, wie man mit den Händen arbeitet und denkt und wie man seinen Traumschuh zum Leben erweckt. 

Text: Kirsten Freund
Fotos: © Ingo Lammert

 

Text: / handwerksblatt.de

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