Handwerk hinkt Gesamtwirtschaft hinterher

Das deutsche Handwerk freute sich im vergangenen Jahr über hohe Umsatzsteigerungen. Trotzdem soll es gegenüber der Gesamtwirtschaft an Boden verloren haben.

Handwerk
Auch wenn sich die Konjunktur im Handwerk weiterhin positiv entwickelt, hinkt sie doch der Gesamtwirtschaft hinterher. (Foto: © pupess/123RF.com)

Das deutsche Handwerk konnte seine Umsätze im vergangenen Jahr um drei Prozent steigern. In diesem Jahr wird es voraussichtlich zwischen 2 und 2,5 Prozent wachsen. Trotzdem hinkt es aber weiterhin der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung hinterher, verliert gegenüber der übrigen Wirtschaft weiter an Boden. Zu diesen Ergebnissen kommt eine Auswertung des RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung e. V. in Essen.

Auch die Beschäftigungsbilanz habe sich kaum verbessert, die Zahl der Beschäftigten nahm nur um 0,1 Prozent zu, heißt es in der Auswertung des RWI: "Das könnte ein Hinweis darauf sein, dass die Produktivität gesteigert werden konnte." Ein weiterer Grund für das "gebremste" Wachstum könnte aber auch sein, dass die Unternehmen aufgrund des Fachkräftemangels an Kapazitätsgrenzen gestoßen sind, erklärt das RWI.

Realer Zuwachs zwischen 0,2 und 0,7 Prozent

Für das Jahr 2017 erwartet das RWI ein nominales Umsatzplus des Handwerks um 2 bis 2,5 Prozent. Unterstelle man eine Preissteigerung von 1,8 Prozent, läge der reale Zuwachs damit zwischen 0,2 und 0,7 Prozent. Für eine weiterhin gute Konjunktur im Handwerk sprächen auch die ersten Quartalsergebnisse der Handwerksberichterstattung sowie die Umfragen der Handwerkskammern und des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH). Die Unternehmen berichten weiterhin von guter Auftragslage und längeren Auftragsreichweiten.

"Doch auch wenn das Handwerk in diesem Jahr wohl mit Raten expandieren wird, die in etwa dem Durchschnitt der vergangenen drei Jahre entsprechen, verliert es gegenüber der übrigen Wirtschaft weiter an Boden", so das RWI: " Denn der Wettbewerb durch Industrie, Handel und zunehmend auch ausländische Anbieter bleibt intensiv. Die Beschäftigung dürfte unter diesen Rahmenbedingungen wohl auch in diesem Jahr nicht weiter ausgeweitet werden."

Bauhauptgewerbe stieß an Kapazitätsgrenzen

Trotz der insgesamt positiven wirtschaftlichen Entwicklung gab es auch im vergangenen Jahr wieder große Unterschiede zwischen den einzelnen Handwerksgruppen:

Bauhauptgewerbe: Es konnte nur ein unterdurchschnittliches Umsatzplus von 2,1 Prozent erzielen. Ein Grund hierfür könnte sein, dass die Bauindustrie als Wettbewerber des Handwerks Marktanteile gewinnen konnte. Zudem deuten lange Wartezeiten darauf hin, dass die Unternehmen aufgrund des Fachkräftemangels an Kapazitätsgrenzen gestoßen sind. Eine Ausnahme bildete das Zimmererhandwerk mit einem Umsatzplus von 5,5 Prozent.

Ausbaugewerbe: Es schnitt mit einem Plus von 2,9 Prozent in den zulassungspflichtigen Gewerken (unter anderem Maler und Lackierer, Klempner, Elektrotechniker, Tischler) und einem Plus von 3,2 Prozent in den zulassungsfreien Gewerken (unter anderem Fliesenleger, Raumausstatter, Rollladentechniker) insgesamt besser ab als das Bauhauptgewerbe. Daran wird deutlich, wie sich das Gewicht der Bauaktivitäten vom Neubau zum Bauen im Bestand verschoben hat. Gleichzeitig erhöhte sich die Zahl der Beschäftigten im zulassungspflichtigen Bauhandwerk insgesamt nur um 0,2 Prozent, in einigen Gewerken wie Dachdecker (-0,6 Prozent), Glaser (-0,5 Prozent) sowie Stuckateure (-0,3 Prozent) sank sie.

Handwerke für den gewerblichen Bedarf: Sie entwickelten sich ebenfalls uneinheitlich. Insgesamt erhöhte sich ihr Umsatz im vergangenen Jahr um 1,4 Prozent im zulassungspflichtigen Teil. Am günstigsten entwickelten sich die Feinwerkmechaniker (+1,8 Prozent), am ungünstigsten die Landmaschinenmechaniker (-3,2 Prozent). Deutlich besser schnitten in diesem Bereich die zulassungsfreien Gewerke mit einem Umsatzplus von insgesamt 3,9 Prozent ab. Besonders gut war die Entwicklung im Gebäudereinigerhandwerk (+5,2 Prozent), am schlechtesten bei den Druckern (-0,8 Prozent).

Die Handwerke für den privaten Bedarf: Dazu gehören Kraftfahrzeug- und Lebensmittelhandwerk, das Gesundheitsgewerbe und Handwerke für den sonstigen privaten Bedarf. Sie profitierten vom kräftigen Anstieg der Konsumausgaben.

  • Kraftfahrzeuggewerbe: Es legte um insgesamt 5,5 Prozent zu. Der Umsatz wurde im Jahr 2016 wesentlich durch den Handel getrieben. Es wurden 4,5 Prozent mehr fabrikneue Fahrzeuge zugelassen als 2015. Auch der An- und Verkauf von Gebrauchtwagen entwickelte sich dynamisch. Das Werkstattgeschäft verlor weiter an Bedeutung, wenngleich der Trend des "Werkstattsterbens" gestoppt scheint.
  • Lebensmittelhandwerk: Nicht so positiv entwickelte sich der Umsatz im aus Bäckern, Konditoren und Fleischern bestehenden Lebensmittelhandwerk, er stieg nur um 1,3 Prozent. Ursächlich hierfür ist vor allem das schwache Umsatzplus der Fleischer (+0,5 Prozent), während Bäcker und Konditoren um jeweils 2,1 Prozent zulegen konnten. Insgesamt verringerte das Lebensmittelhandwerk die Zahl seiner Beschäftigten um weitere 0,6 Prozent. Größter Konkurrent des Lebensmittelhandwerks bleibt der Lebensmittelhandel in Form von Discountern und Supermärkten.
  • Gesundheitshandwerk: Die Betriebe konnten zwar im vergangenen Jahr beim Umsatz um insgesamt 2,7 Prozent zulegen, blieben aber hinter den Zuwächsen der vergangenen 2 Jahre zurück. Am erfolgreichsten waren Orthopädietechniker (+4,4 Prozent) und Augenoptiker (+2,4 Prozent). Die Beschäftigung stieg insgesamt um 1 Prozent. Bei den sonstigen Handwerken für den privaten Bedarf erreichten Friseure ein Plus von 1,4 Prozent, gleichzeitig ging die Zahl der Beschäftigten in diesem Bereich um 1,4 Prozent zurück.
  • Zulassungsfreie Handwerke: Von den Betrieben, die Leistungen für den privaten Bedarf anbieten, steigerten Gold- und Silberschmiede (+4,9 Prozent) und Textilreiniger (+4,6 Prozent) ihre Umsätze am stärksten, Schlusslichter waren Müller (-4,8 Prozent) und Uhrmacher (-3 Prozent).

 

Grundlage der RWI-Analyse sind Daten aus Totalauswertungen des Unternehmensregisters (sogenannte "Handwerkszählung"), sowie die amtliche vierteljährliche Handwerksberichterstattung des Statistischen Bundesamts.

Foto: © pupess/123RF.com

Leserkommentare

nach oben