Helfen ist sein Handwerk
Beim "Treffpunkt Ehrenamt Handwerk NRW" des WHKT vertrat Andreas Saure den Kammerbezirk Münster. Der Unternehmer engagiert sich seit Jahrzehnten – bei der Feuerwehr, für Geflüchtete und mit Hilfstransporten.
Als ehrenamtlicher Löschzugführer der Freiwilligen Feuerwehr Borken übergab Andreas Saure (links) die Schlüssel für ein gespendetes Feuerwehrfahrzeug an einen Kollegen in der ukrainischen Region Lwiw. Foto: © privatVier Styroporkartons mit Insulin, gekühlt und sicher verstaut. Andreas Saure und seine Mitstreiter machen sich damit auf den Weg Richtung Ukraine. Morgens gegen halb vier treffen sie ihre ukrainischen Kontaktpersonen, wenige Stunden später ist das Medikament im Krankenhaus. Es ist kurz nach Beginn des russischen Angriffskrieges. In Lwiw halten sich zahlreiche Binnenflüchtlinge auf, Lieferketten sind zusammengebrochen und Insulin wird knapp. Borkener Unternehmen und Apotheken stellen kurzfristig Medikamente im Wert von rund 25.000 Euro zur Verfügung, die Freiwillige Feuerwehr bringt sie gekühlt Richtung Ukraine. Wie wichtig die Lieferung tatsächlich war, begreifen die Helfer erst später. Ihnen sei gesagt worden, dass sie damit viele Leben gerettet hätten, erinnert sich Saure. Während der Fahrt habe sich das viel unspektakulärer angefühlt: vier Styroporkartons ins Auto – und los.
Diese Episode erzählt viel über Andreas Saure. Der Borkener ist Uhrmacher sowie Gold- und Silberschmiedemeister und führt einen kleinen Handwerksbetrieb in Borken. Sein "eigentliches Ehrenamt", wie er es nennt, ist die Freiwillige Feuerwehr. Seit 1992 ist er dabei, heute als Löschzugführer. Dass ihn sein Engagement einmal regelmäßig in die Ukraine führen würde, war nicht geplant.
Alte Kontakte, neue Hilfe
Seine Verbindung zu dem Land reicht bis in die 1990er Jahre zurück. Damals entstanden bei Ferienlagern für ukrainische Kinder persönliche Kontakte. Die Kinder sind längst erwachsen, die Verbindungen aber geblieben. Nach dem russischen Angriff bekamen sie eine neue Bedeutung. Seit 2023 fährt Saure zwei- bis dreimal im Jahr selbst in die Ukraine. Dabei geht es längst nicht mehr nur um Medikamente. Feuerwehrfahrzeuge, Einsatzkleidung und Rettungsmaterial werden dorthin gebracht, wo sie dringend gebraucht werden. Gerade in ländlichen Gebieten entstehen Strukturen freiwilliger Feuerwehren. Vielerorts fehlt es an grundlegender Ausstattung.
Ein in Deutschland ausgemustertes Fahrzeug könne dort einen enormen Unterschied machen, sagt Saure. Hightech sei dabei nicht unbedingt gefragt. Die Technik müsse vor Ort beherrschbar und reparierbar sein. Deshalb versuchen die Helfer, ein "Rundumpaket" zu liefern: Fahrzeug, Ausrüstung, Schutzkleidung und Einweisung. Saure war inzwischen mehrfach vor Ort und kennt seine Ansprechpartner persönlich. "Wir sehen immer die Menschen dahinter", sagt er. Nicht die große Politik stehe für ihn im Vordergrund. Es sei die Bevölkerung, die unter dem Krieg leide.
Wenn kleine Dinge große Hürden sind
Dass Hilfe nicht erst Tausende Kilometer entfernt beginnt, zeigt eine andere Geschichte. Als 2015 viele Geflüchtete nach Deutschland kamen, lernte Saure über die Feuerwehr eine afghanische Familie mit fünf Kindern kennen. Einer der Söhne kam zur Feuerwehr und fand dort soziale Kontakte. Saure und andere halfen der Familie bei Dingen, die ihnen selbst alltäglich erschienen: Formulare ausfüllen, einen Arzt finden, sich im neuen Umfeld zurechtfinden. Kleinigkeiten vielleicht. "Aber für Geflüchtete können das große Hürden sein", sagt Saure.
Aus der Unterstützung entstand eine lange Verbindung. Eine Tochter der Familie begann 2016 als Hilfskraft in Saures Betrieb; er bildete sie später zur Einzelhandelskauffrau aus. Heute hat sie das Fachabitur und ist Filialleiterin einer großen Handelskette. Mittlerweile seien alle Familienmitglieder berufstätig.
Handwerksmeister sind auch Macher
Steckt in Saures Art zu helfen etwas typisch Handwerkliches? Durchaus, findet er. "Handwerksmeister sind auch Macher." Von der Idee über die Planung bis zur Umsetzung sei man es gewohnt, Verantwortung zu übernehmen und ein Projekt durchzuziehen. Allein funktioniert das allerdings nicht. Weder bei der Feuerwehr noch bei der Ukraine-Hilfe sieht Saure sich als Einzelkämpfer. Viele Menschen arbeiten zu, organisieren Material, halten Kontakte oder übernehmen Aufgaben. Ohne Delegieren ginge es nicht. Und wie er Betrieb, Feuerwehr, Ukraine-Hilfe und Privatleben unter einen Hut bekommt? "Das müssen Sie meine Frau fragen", sagt Saure.
Gleichzeitig macht er sich Gedanken über die Zukunft des Ehrenamtes. Es werde schwieriger, Menschen dauerhaft zu aktivieren. Verantwortung laste häufig auf den Schultern derjenigen, die sich ohnehin engagierten. Bei der Feuerwehr werde besonders deutlich, was das bedeutet: Wenn nachts der Melder geht, braucht es Menschen, die bereit sind aufzustehen und zu helfen. Seine eigene Motivation beschreibt Saure ohne großes Pathos: "Ich bin froh, wenn andere mir helfen, wenn ich Hilfe brauche."
Gegenentwurf zu sozialen Medien
Gerade jungen Handwerkern würde er empfehlen, über den eigenen Alltag hinauszuschauen. Ehrenamt weite den Blick "rechts und links vom eigenen Beruf". Man treffe Menschen mit anderen Erfahrungen und Perspektiven. Für Saure ist das auch ein Gegenentwurf zu einer Welt, in der jeder in den sozialen Medien schnell nur noch im eigenen Kanal unterwegs ist.
Irgendwann will Saure seine Verantwortung bei der Feuerwehr abgeben. Und dann? Zunächst sagt er: Dann sei Schluss. Doch die Kontakte in die Ukraine werden bleiben. Seine Hoffnung ist ohnehin, dass die Hilfstransporte eines Tages nicht mehr nötig sind. Wenn der Krieg vorbei ist, soll aus der Fahrt dorthin einfach wieder ein Besuch bei Freunden werden. Ganz ohne Engagement wird es vermutlich trotzdem nicht gehen. "So ganz lassen kann man es wahrscheinlich nicht."
Hintergrund: "Treffpunkt Ehrenamt" Hintergrund Der Westdeutsche Handwerkskammertag (WHKT) richtet mit seiner jährlichen Veranstaltung ".Treffpunkt Ehrenamt" den Scheinwerfer auf Handwerker, die sich freiwillig für gute Sachen außerhalb ihres Berufsfeldes engagieren.
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Text:
Handwerkskammer Münster /
handwerksblatt.de
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