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Flandern als Wiege des Kapitalismus?

Die Ausstellung "Für Gott & das Liebe Geld. Flanderns Goldene Zeit" in Gent taucht in die mittelalterliche Welt ein und zeigt die Wurzeln von Marktwirtschaft und Bürgertum. 

Die malerische historische Altstadt von Gent – im Mittelalter eine der bedeutendsten Städte Europas. (Foto: © Jürgen Ulbrich)
Die malerische historische Altstadt von Gent – im Mittelalter eine der bedeutendsten Städte Europas. (Foto: © Jürgen Ulbrich)

Andächtig studieren Besucher das 1,35 mal 1,88 Meter große Wimmelbild "Der Narrenhandel", einer der Höhepunkte der Sonderausstellung "Für Gott & das liebe Geld. Flanderns Goldene Zeit". 140 sehenswerte Exponate aus Museen, Archiven, Bibliotheken und Privatsammlungen erinnern noch bis zum 1. Januar 2017 im Provinzialen Kulturzentrum Caermersklooster im belgischen Gent an die wirtschaftliche und kulturelle Glanzzeit des heutigen Flandern im Mittelalter. Der Fokus liegt auf der Entstehung des Bürgertums, das sich gegen die traditionelle Ordnung von Kirche und Adel auflehnte und einen neuen Menschen entstehen ließ: den Unternehmer.

Miniatur-Narren als Ware

1 Narren Juergen UlbrichMan weiß gar nicht, wo man mit dem Studium von "Der Narrenhandel", das Gemälde wird dem flämischen Maler Frans Verbeeck (1510-1570) zugeschrieben, beginnen soll. Überall tollen Miniatur-Narren herum, die wie Ware gehandelt wird. Am linken Bildrand trinkt ein Mini-Narr aus der Brust einer alten Frau, am rechten Bildrand vergnügt sich ein Mann mit einer Nonne. Die einzelnen Szenen sind makaber und satirisch überspitzt dargestellt und erinnern an Werke von Hieronymus Bosch.

"Unsere Ausstellung ist in elf als Mini-Ausstellungen aufbereitete Themenbereiche gegliedert", sagt Kunsthistorikerin und Kuratorin Prof. Dr. Katharina Van Cauteren. "Sie zeigt viele Exponate, die schon seit längerer Zeit nicht mehr der Öffentlichkeit zugänglich waren", ergänzt sie. So wie "Der Narrenhandel", der im Oktober 2014 für den Verbeeck-Rekord-Preis von 3.035.000 Euro – der Schätzpreis lag zwischen 900.000 und 1,2 Millionen Euro – im Wiener "Dorotheum" nach heißer Bieterschlacht versteigert wurde.

Kunstsammler und Präsident

5 Fernand Huts Juergen UlbrichZum Zug kam der hierzulande weniger bekannte Entrepreneur Fernand Huts (66), der aus einer Bauernfamilie im Haspengau stammt. Der heute in der englischen Grafschaft Kent in der Nähe von Canterbury lebende Kunstsammler ist wichtigster Initiator der Ausstellung und Präsident des Antwerpener Logistik-Unternehmens "Katoen Natie", das er seit 1981 von einer Gesellschaft mit rund 60 Mitarbeitern zu einem heute weltweit tätigen Unternehmen mit über 12.000 Angestellten ausbaute.

Seine zahlreichen Kunstsammlungen hat er der von ihm ins Leben gerufenen Stiftung "The Phoebus Foundation" übergeben. Im Februar 2016 kündigte Huts an, Phoebus werde jedes Jahr ein halbes Prozent des Katoen-Natie-Brutto-Umsatzes (etwa 8,12 Millionen Euro) für die Kunstförderung in Belgien zur Verfügung stellen.

Unterschiedliche Auffassungen

12 Huts Cover Juergen UlbrichZu diesem Zeitpunkt stritt er bereits seit Monaten mit seiner Kuratorin – sie ist Leiterin der Kanzlei der Phoebus Foundation ­–, über die geplante Ausstellung. Van Cauteren vertrat den kunst- und kulturhistorischen Standpunkt, während Huts die Ausrichtung auf die Entstehung des Kapitalismus favorisierte. Beide Ansätze sind in das außergewöhnliche Vorhaben eingeflossen.

Ebenso wie in das Buch "Für Gott & das Liebe Geld. Flanderns Goldene Zeit", in dem Van Cauteren und Huts auf 336 Seiten ihre unterschiedlichen Interpretationen vertreten. Huts ließ es sich darüber hinaus nicht nehmen, einen Führer, dessen Titelbild er ziert, zur Ausstellung herauszugeben, der die Exponate ebenso aus der Sicht des Unternehmers erklärt.

Prototyp des neuen Bürgers

9a Ausstellung Juergen UlbrichAuf dem Kunstmarkt ist Jurist Huts weiterhin sehr aktiv, im Mai kaufte er eine Pinselzeichung des flämischen Barockmalers Peter Paul Rubens für 670.000 Euro, die er der kunsthistorischen Forschung zur Verfügung stellen wird. Bereits einen Monat zuvor hatte Huts bei Christie’s in New York das Porträt des Delfters Joost Aemszoon van der Burch von Jan Cornelisz. Vermeyen für 2.741.000 US-Dollar ersteigert. Van der Burch, laut Huts "Prototyp des neues Bürgers", ziert alle Ausstellungs-Ankündigungen und Werbemotive.

Ausgangspunkt für Huts einzigartige Karriere war übrigens ein Gemüse- und Lebensmittelhandel, den er unter anderem mit dem Ersparten seiner Frau finanzierte. "Zurückgegeben habe ich das Geld nie", sagt Huts lächelnd und erinnert just in diesem Moment an eben jene mittelalterlichen Unternehmer, die von den Südlichen Niederlanden aus die Welt eroberten.

Text und Fotos: © Jürgen Ulbrich

Reise: Flandern als Wiege des Kapitalismus?

Nicht weit von der mittelalterlichen Burg Gravensteen, einer der größten Wasserburgen Europas und in Belgien einzigartig, liegt das Provinziale Kulturzentrum Caermersklooster, in dem die Sonderausstellung "Für Gott & das liebe Geld. Flanderns Goldene Zeit" noch bis zum 1. Januar 2017 zu sehen ist. 

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Ausstellung "Für Gott & das Liebe Geld. Flanderns Goldene Zeit", Provinziales Kulturzentrum Caermersklooster, Besucheradresse: Lange Steenstraat, Gent (Patersholwijk); Postanschrift: Vrouwebroersstraat 6, 9000 Gent, Belgien.

Besucherinformationen
Öffnungszeiten: täglich von 10 bis 18.00 Uhr, Eintrittskartenverkauf bis 17.00 Uhr, E-Mail: caermersklooster@oost-vlaanderen.be, Telefon: +32 (0)9 269 29 10 (Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr).

Eintrittspreise
€ 10,- für Einzelpersonen, € 7,- für Jugendliche unter 26 Jahren, Senioren ab 60 Jahren, Gruppen ab 10 Personen; Führer, Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre zahlen keinen Eintritt.

Gent
Gent
liegt am Zusammenfluss von Schelde und Leie und war im Mittelalter eine wichtige Metropole und die größte Stadt nördlich der Alpen nach Paris, größer als London und Köln. Heute ist Gent mit seinem prächtigen und komplett autofreien historischen Stadtzentrum ein beliebtes Ziel von Ausflüglern und Touristen. Die drei mittelalterlichen Türme bilden die unverkennbare Skyline der Stadt. Zu empfehlen ist ein Besuch der mittelalterlichen Burg Gravensteen mit ihren beeindruckenden Wänden und Zinnen sowie der Sint-Baafs-Kathedrale mit dem Kunstschatz "Die Anbetung des Lamms Gottes" der Gebrüder Van Eyck. Der Genter Belfried und die Beginenhöfe gehören zum Weltkulturerbe der UNESCO. Empfehlenswert sind weiterhin das Stadtmuseum Gent STAM, das Städtische Museum für Zeitgenössische Kunst (S.M.A.K.), das Museum für Schöne Künste, das Design Museum Gent und das Museum über Industrie, Arbeit und Textilien (MIAT). Gent-Stadtplan zum Herunterladen!

Schlafen
Nur 500 Meter vom historischen Zentrum entfernt liegt das Hotel Sandton Grand Hotel Reylof, Doppelzimmer für zwei Personen 139 Euro pro Nacht, inklusive Frühstück für zwei Personen 179 Euro. Adresse: Hoogstraat 36, 9000 Gent, Belgien. E-Mail: gent@sandton.eu, Telefon: +32 (0)9 235 40 70, Fax: +32 (0)9 235 40 79.

Essen
Allegro Moderato, Korenlei 7, 9000 Gent, Tel. +32 (0)9 233 23 32. Gutes Preis-Leistungs-Verhältnis, sehr gute Küche mit regionalen Spezialitäten, Top-Lage direkt gegenüber der Graslei.

Anreise
Gent liegt am Autobahnkreuz der beiden Autobahnen E17 und E40, das Sie sehr bequem mit dem PKW erreichen. Das Stadtzentrum ist zum Großteil Fußgängerzone, das Parkleitsystem bringt Sie jedoch zu einem der zahlreichen Parkhäuser, die 24 Stunden am Tag geöffnet sind. Gent ist auch sehr gut mit dem Zug erreichbar, von Brüssel aus verkehren Pendelzüge, die sie innerhalb von 30 Minuten nach Gent bringen.

Mehr Infos zur Ausstellung und zu Flandern allgemein.

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