Seit dem 1. September 2026 steuert die französische Tourismuszentrale Atout France von Frankfurt aus auch die Märkte Österreich und Schweiz. Regionaldirektor Frédéric Meyer spricht über Sparzwänge, deutsche Frankreich-Liebhaber, Rad- und Wandertourismus und warum Frankreich im Wintersport wieder loslegt.
DHB: Herr Meyer, seit dem 1. September ist das Frankfurter Büro von Atout France die regionale Zentrale für Deutschland, Österreich und die Schweiz. Was steckt hinter dieser Neuordnung?
Meyer: Im Grunde zwei Dinge. Zum einen steht uns weniger Budget zur Verfügung, und wir haben entschieden, unser Netzwerk in dieser Region zu verkleinern. Leider haben uns auch einige Mitarbeiter in Österreich und der Schweiz verlassen. Zum anderen wollten wir stärker regional denken, also nicht immer Land für Land, sondern grenzübergreifend. So können wir zum Beispiel mehr Roadshows mit Etappen in Deutschland, der Schweiz, Österreich und Zentraleuropa organisieren.
DHB: Was ändert sich konkret?
Meyer: Alle Mitarbeiter sind jetzt direkt an Frankfurt angebunden. Es gibt ein gemeinsames Budget für die gesamte Region statt eines Budgets pro Büro oder Land. Das verändert unsere Zusammenarbeit: Wir arbeiten als ein Team, denken Promotionsprojekte anders und lernen viel mehr voneinander. Das Büro in Wien verlassen wir noch in diesem Jahr, das in Zürich Anfang nächsten Jahres. Die Kolleginnen und Kollegen dort ziehen wahrscheinlich in die jeweilige französische Botschaft oder in ein Bürocenter.
DHB: Suchen Sie neues Personal?
Meyer: Ja, derzeit suchen wir eine Person für die Verkaufsförderung in Frankfurt, die sich um die Schweiz und Österreich kümmert.
DHB: Die Haushaltslage in Frankreich gilt als äußerst angespannt. Müssen Sie mit weiteren Kürzungen rechnen?
Meyer: Für unsere Region vermute ich, ist der Schritt jetzt vollzogen. Für die Agentur insgesamt weiß man das nicht. Der Premierminister hat einen Haushalt für 2027 vorgelegt, in dem 54 Milliarden Euro an Einsparungen gesucht werden. Es kann gut sein, dass alle Ministerien und staatlichen Agenturen noch einmal gebeten werden, Einsparungen zu finden.
Regionaldirektor Frédéric Meyer. Foto: © Atout FranceDHB: Gleichzeitig laufen die Besucherzahlen in Frankreich hervorragend.
Meyer: Ja, letztes Jahr hatten wir 102 Millionen Besucher, und diese Zahl werden wir wieder erreichen. Bei den Franzosen selbst sind die Ausgaben wohl etwas zurückgegangen. Die Menschen haben höhere Kosten, zum Beispiel für Energie, und das bremst den Konsum. Aber die Sommersaison war gut, und die Gäste aus unserer Region, besonders aus Deutschland und der Schweiz, waren sehr zahlreich.
DHB: Die Deutschen gelten als echte Frankreich-Liebhaber.
Meyer: Und wir mögen diese Gäste sehr. Deutschland ist mit 15 Millionen Besuchern unser wichtigster Markt: mit circa 120 Millionen Übernachtungen, also rund acht Nächte pro Aufenthalt. Und selbst dieser große Markt wächst noch. Das hat mit der Vielfalt Frankreichs zu tun und mit der Nähe und der guten Erreichbarkeit zu Deutschland: Man kann für ein Wochenende kommen oder einen ganzen Sommerurlaub verbringen, im Mutterland oder in den Überseegebieten.
DHB: Im Wintersport hatte Frankreich es gegenüber Österreich und der Schweiz lange schwer. Wie sieht es auf dem deutschen Markt aus?
Meyer: Da waren wir in den letzten 15, 20 Jahren in der Promotion tatsächlich ziemlich schwach. Seit etwa fünf Jahren, und besonders seit zwei Jahren, sind wir aber zurück. Die französischen Skigebiete haben verstanden, dass sie den deutschen Markt wieder gezielt bearbeiten sollten. Wir haben einen Aktionsplan Ski entwickelt, und das Potenzial ist groß. Im Mai haben wir in München einen Workshop mit 15 Skigebieten veranstaltet. Seit September läuft bis Dezember eine Online-Kampagne für die französischen Skigebiete, dazu kommen mehrere Pressereisen. Und bei "Destination Montagnes" im Januar in Chambéry haben wir eine immer größere Delegation. Zuletzt waren es 25 Reiseveranstalter.
DHB: Welche Rolle spielt der Winter in Ihrer Gesamtstrategie?
Meyer: Er gehört zu unserer Ent-Saisonalisierung. Wir wollen nicht nur die Hauptsaison mit den Schulferien bewerben, sondern auch Frühling, Herbst und Winter. Das sind längst keine Nebensaisons mehr, sondern hochinteressante Reisezeiten. Wir wollen Frankreich als Destination für alle vier Jahreszeiten positionieren.
DHB: Nachhaltigkeit ist gerade für deutsche Gäste ein großes Thema. Was sind die Kernpunkte der französischen Strategie?
Meyer: Es gibt eine starke Bewegung, zuerst aus den Regionen, aber auch von uns als Agentur. Die erste Richtung ist der "Slow Tourism": Viele Regionen sind inzwischen mit E-Bikes ausgestattet, das Radangebot wurde in den letzten drei Jahren stark ausgebaut, und in den meisten Städten kann man Fahrräder für weniger als einen Euro mieten. Die zweite Richtung betrifft die Unterkünfte und Hotels: weniger Plastik, weniger Papier, ein bewussterer Umgang entlang der ganzen Kette. Wir selbst arbeiten in den globalen großen Kampagnen zunehmend mit der Bahn statt mit Fluggesellschaften zusammen.
DHB: Welche strategische Ausrichtung verfolgen Sie noch?
Meyer: Das Naturangebot besser zu vermarkten, allen voran Wandern und Radwandern. Das ist heute eines der vier wichtigsten Themen in Frankreich, und wir haben es in Deutschland in diesem Jahr noch einmal verstärkt beworben. Zudem veranstalten wir einen eigenen Outdoor-Workshop: letztes Jahr im September in Stuttgart, dieses Jahr im April in Köln im Deutschen Sport & Olympia Museum, nächstes Jahr voraussichtlich im Mai. Im ersten Jahr kamen gut 60 Reiseveranstalter aus Mitteleuropa, zuletzt rund 40 meist aus Deutschland. Das Angebot funktioniert für viele Zielgruppen: für Sportbegeisterte, für Familien und für Senioren, die sich Zeit nehmen wollen. Hilfreich sind auch unsere vielen Labels wie die Grande-Randonnée-Wege, "Accueil Vélo" oder "Vignobles & Découvertes", die Gästen die Orientierung erleichtern.
DHB: In den Vogesen habe ich erlebt, wie konsequent das umgesetzt wird: Auto in Kehl oder Straßburg stehen lassen, mit dem Rad in den Zug, Abholung vom Hotel, dazu ein Paket mit Gasthof oder Wellnesshotel.
Meyer: Genau, mit diesem Partner haben wir erst vor ein paar Tagen gesprochen. Sie haben hervorragende Sportpakete entwickelt, die wir in Deutschland und der Schweiz stärker bewerben werden. Auch die Hochalpen vermarkten nicht mehr nur Ski, sondern immer mehr den Sommer. Und beim Radfahren gibt es ein riesiges Angebot, für Genussradler ebenso wie für Leistungssportler.
DHB: Auch mit dem E-Bike können Radtouren zu einer Herausforderung werden. Beispielsweise der Col d'Aspin oder der Col du Tourmalet.
Meyer: Der Tourmalet ist sogar mit dem Auto eine Herausforderung! Aber man wird oft überrascht: Die Vogesen gelten nicht als Hochgebirge, und doch kann es sehr steil werden. Im Baskenland gibt es La Rhune, gerade einmal rund 900 Meter hoch, aber extrem steil. Und auf Korsika gibt es den GR20, der wirklich sehr sportlich ist, plus eine große Radroute von Nord nach Süd, die man auch mit dem E-Bike fahren kann. Auch das ist eine echte Herausforderung. Aber wenn man oben ist und zurückschaut, weiß man, was man geschafft hat.
DHB: Wenn Sie deutschen Gästen drei Ziele empfehlen müssten?
Meyer: Eigentlich gibt es überall in Frankreich etwas zu entdecken. Aber für einen Kurzurlaub das Elsass und die Region Grand Est, weil sie so nah liegen. Dann die Alpen, im Norden wie im Süden. Man kann oft hinfahren und hat noch lange nicht alles gesehen. Spannend ist auch Südfrankreich zum Radfahren, rund um Nizza an der Côte d'Azur oder bei Fréjus und Saint-Raphaël. Und Nouvelle-Aquitaine mit 2.000 Kilometern Radwegen.
DHB: Wie hat Nouvelle-Aquitaine die Waldbrände verkraftet?
Meyer: Die Bilder waren eindrucksvoll, aber die Brände waren in dieser sehr großen Region begrenzt. Man hat viel von Bordeaux gesprochen, betroffen waren aber einige Orte westlich der Stadt. Für die Betroffenen, Franzosen wie internationale Gäste, war das nicht einfach. Aber die Region hat sich viele Mühe gegeben und erholt sich gut. Ende August lief sehr gut, der September ist traditionell stark, und es sind weiterhin viele deutsche Gäste vor Ort.
Das Gespräch führte Dr. Rüdiger Gottschalk.DHB jetzt auch digital!Einfach hier klicken und für das digitale Deutsche Handwerksblatt (DHB) registrieren!
Text:
Dr. Rüdiger Gottschalk /
handwerksblatt.de
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