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Dem Ausbildungsabbruch auf der Spur

"PraeLab" soll dabei helfen, drohende Lehrabbrüche zu erkennen. Mithilfe eines Online-Fragebogens werden die überfachlichen Kompetenzen der Azubis und ihre Abbruchtendenzen eingeschätzt.
Nicole Wiench (2. v. r.) von der Hochschule der Bundesagentur für Arbeit und Christian Schiwek (2. v. l.) von der Handwerkskammer der Pfalz begleiten eine Gruppe von Auszubildenden durch die Befragung; (Foto: Reiner Voß/view)

Alex macht einen pfiffigen Eindruck. Von Stress mit dem Chef oder anderen Problemen keine Spur. Er blödelt mit den Lehrlingen aus dem ersten Ausbildungsjahr herum während sie darauf warten, dass die Befragung im Berufsbildungs- und Technologiezentrum (BTZ) der Handwerkskammer der Pfalz in Ludwigshafen beginnt. Nichts deutet darauf hin, dass der junge Mann schon länger daran denkt, die Brocken hinzuschmeißen. Ein Ausbildungsabbruch wie aus heiterem Himmel. Alex wäre nicht der Erste.

Über alle Wirtschaftszeige hinweg wird ein Viertel aller Ausbildungsverträge vorzeitig gelöst; im Handwerk sind es sogar 33 Prozent, die meisten davon schon während des ersten Lehrjahres. Um dem entgegenzuwirken, hat die Hochschule der Bundesagentur für Arbeit (HdBA) ein Frühwarnsystem zur Prävention drohender Lehrabbrüche – kurz PraeLab – entwickelt. Mithilfe eines Online-Fragebogens werden die überfachlichen Kompetenzen der Azubis eingeschätzt und ihre Abbruchtendenzen frühzeitig erkannt. Mitarbeiter der HdBA schulen die Anwender im Netzwerk – darunter Berufsberater der Arbeitsagenturen, Berufsschullehrer und Ausbildungsberater der Kammern – im Umgang mit PraeLab.


Teilnahme ist freiwillig

Am Morgen ist Christian Schiwek durch die Klassen im BTZ Ludwigshafen gegangen. "Ich frage die Auszubildenden, wer bei PraeLab mitmachen möchte. Wir können keinen dazu zwingen", erklärt der Mitarbeiter der Handwerkskammer der Pfalz aus dem Projekt "Ausbildungsbetreuung zur Vermeidung von Ausbildungsabbrüchen", das durch das rheinland-pfälzische Sozialministerium und den Europäischen Sozialfonds gefördert wird. An diesem Tag haben sich rund 20 junge Handwerker dazu bereit erklärt. Sie werden nach Gewerken aufgeteilt. Christian Schiwek empfängt die drei Gruppen zusammen mit Nicole Wiench im EDV-Raum. Der Ausbildungsbetreuer und die wissenschaftliche Mitarbeiterin der HdBA begleiten die Azubis durch die Befragung.

"Der Online-Fragebogen besteht aus 114 bis 136 Fragen – abhängig davon, ob die Jugendlichen über einen Ausbildungsabbruch nachdenken", erklärt Nicole Wiench. Zunächst schätzen die Azubis ihre überfachlichen Kompetenzen ein. Auf einer Skala von 1 bis 6 – von "Trifft gar nicht zu" bis "Trifft völlig zu" – machen sie Aussagen zu sozialen, methodischen und personalen Kompetenzen sowie zur Selbstwirksamkeit. Des Weiteren werden sie zur Ausbildungszufriedenheit befragt. Die eigene Bewertung wird mit den Werten anderer Lehrlinge derselben Berufsgruppe verglichen. Heraus kommt ein Kompetenzprofil, das grafisch darstellt, wie sie sich in 17 Kategorien eingeschätzt haben. Dazu gehören etwa Kooperations-, Konflikt- und Kommunikationsfähigkeit, zielorientiertes Handeln, Arbeitstechniken, Pflichtbewusstsein und Leistungsorientierung. "Die Jugendlichen entscheiden selbst, ob sie ihr Kompetenzprofil mit anderen teilen", erklärt Nicole Wiench. Ob sie daran denken, die Lehre abzubrechen, erscheint nicht auf dem Ausdruck.


Angebot spricht sich herum

Nur Christian Schiwek und Nicole Wiench erkennen in ihrer Auswertung, ob die Auszubildenden kurz vor der Vertragslösung stehen – vorausgesetzt, die Junghandwerker haben die Fragen ehrlich beantwortet. Ist das Risiko akut oder hoch, bieten sie ihnen noch am selben Tag ein Einzelgespräch an. "Wenn jemandem der Beruf keinen Spaß macht, suchen wir nach einer Alternative. Bei Problemen im Betrieb sprechen wir den Arbeitgeber an. Ist der Auszubildende in der Schule überfordert, vermitteln wir ausbildungsbegleitende Hilfen", nennt Christian Schiwek einige Beispiele. In allen Klassen hinterlässt er seine Visitenkarte, damit sich Unentschlossene später noch bei ihm melden können. "Manchmal geben Auszubildende, die keine Beratung brauchen, sie an Mitschüler weiter. So spricht sich das Angebot auch an den Berufsschulen herum."

Nach 20 Minuten hat Alex als Erster alle Fragen beantwortet. Der Rest der fünfköpfigen Gruppe braucht eine Viertelstunde länger. Nachdem sich alle Azubis ihr Diagramm angeschaut haben, fragt Nicole Wiench in die Runde. "Was denkt ihr: Welche überfachlichen Kompetenzen braucht ihr für euren Beruf?" Alex hebt die Hand. "Zielorientiertes Handeln, weil ich meinen Gesellenbrief machen möchte." Nicole Wiench hakt nach. Erneut meldet sich Alex. "Flexibilität, weil auf der Baustelle nicht alles klappt." Kaum zu glauben, dass so ein cleverer Azubi kurz vor dem Abbruch steht. Die Befragung hat’s gezeigt. Nun liegt es auch an ihm, in einem Gespräch mit Christian Schiwek oder Nicole Wiench eine Lösung zu finden.

Als Erste hat die Arbeitsagentur Neuwied PraeLab eingesetzt. Dort sind die vorzeitigen Vertragslösungen seit dem Jahr 2011 zurückgegangen. Doch Nicole Wiench ist vorsichtig. "Wir können nicht zu 100 Prozent garantieren, dass PraeLab dafür verantwortlich ist, weil noch andere Faktoren eine Rolle gespielt haben könnten."

Im BTZ Ludwigshafen bietet die Handwerkskammer der Pfalz die Online-Befragung bereits viermal im Jahr während der überbetrieblichen Ausbildungsphase an. Bald sollen auch die Standorte in Kaiserslautern und Landau dazukommen. Zurzeit wird PraeLab von allen Arbeitsagenturen in Rheinland-Pfalz und im Saarland sowie an einigen Standorten in Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen erprobt. "Nachdem die Evaluierung der Erprobung abgeschlossen ist, wird der Vorstand der Bundesagentur für Arbeit entscheiden, ob PraeLab in allen Arbeitsagenturbezirken eingesetzt wird", sagt Nicole Wiench.

Bernd Lorenz; Foto: Reiner Voß/view

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