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"Das Land war nie unattraktiv"

Interview: Robert Wüst, Präsident der Handwerkskammer Potsdam, über den Fachkräfte­mangel, seine Sicht der ländlichen Regionen, Digitalisierung und den Erfolg der Imagekampagne.  

Dieser Artikel gehört zum Themen-Special Handwerk im ländlichen Raum
Robert Wüst (32) ist aktuell der jüngste Präsident einer Handwerkskammer in Deutschland. Foto: © Friedrich Bungert
Robert Wüst (32) ist aktuell der jüngste Präsident einer Handwerkskammer in Deutschland.

Robert Wüst ist 32 Jahre alt, Metallbaumeister und leitet in fünfter Generation einen Metallbaubetrieb in Pritzwalk, Brandenburg. Und er ist der jüngste Handwerkskammer-Präsident in Deutschland.

Handwerksblatt: Herr Wüst, der Fachkräftemangel ist sicher eine der größten Herausforderungen für das Handwerk. Ist es in den ländlichen Regionen, aus einer solchen kommen Sie ja, einfacher oder schwerer, Auszubildende zu finden? 
Wüst: Die Suche nach Fachkräften ist auf dem Land nicht schwerer oder einfacher als in Städten oder Ballungszentren. Entscheidend ist die Situation der Betriebe. Ich kenne viele Handwerksunternehmen in den ländlichen Regionen, die sich etwas einfallen lassen und die deshalb ihre Stellen besetzen können. Umgekehrt gibt es viele Betriebe in wachsenden Gebieten, die händeringend suchen, aber nicht fündig werden. Beide Regionen stehen vor unterschiedlichen Herausforderungen: Sind es auf dem Land Mobilitäts- oder Infrastrukturprobleme, haben Städte mit hohen Mieten und Wohnungsmangel zu kämpfen. Junge Menschen, die in länd­lichen Regionen aufgewachsen und dort verwurzelt sind, wollen in den meisten Fällen auch bleiben und sich selbst etwas aufbauen. Sie sind in der Gemeinschaft verankert und anerkannt. Die regionale Identität ist hier ein ausschlaggebendes Argument für Zukunftsperspektiven. 

Handwerksblatt: Als Sie Ihr Präsi­dentenamt antraten, sprachen Sie davon, sich dafür einsetzen zu wollen, das Handwerk smartphone- tauglich zu machen. Was hat Sie zu dieser Aussage geführt?
Wüst: Ich gehöre zu einer Generation, die mit den digitalen Möglichkeiten aufgewachsen ist. Als Unternehmer weiß ich, wie effizient man seinen Handwerksbetrieb mit den entsprechenden digitalen Möglichkeiten aufstellen kann. Das ist alles kein Hexenwerk und heute aus meiner Sicht auch ein unumkehrbarer Weg, auch für das Handwerk. Es wurden Kompetenzzentren zur Digitalisierung ins Leben gerufen, die das Handwerk bei Maßnahmen unterstützen sollen. Online-Terminvereinbarung, Vernetzung der Mitarbeiter untereinander auf den Baustellen, papierloses Büro, schnelle Datentransfers und und und. Doch dafür ist die Grundlage der schnellstmögliche Ausbau einer entsprechenden digitalen Infrastruktur. Was nützt der Wille der Unternehmen, ihre Prozesse effizienter gestalten zu wollen, wenn die Basis, für die Bund, Land und Kommunen zu sorgen haben, nicht stimmt? Mich ärgert es, dass man heute darüber überhaupt noch reden muss. Digitale Infrastruktur gehört für mich im 21. Jahrhundert genauso zur Daseinsvorsorge und Teilhabe wie die Versorgung mit Wasser oder Strom! Nicht nur in Ballungszentren, sondern auch und vor allem für die ländlichen Räume – denn auch da sitzt unser Handwerk! Wir müssen beim Breitbandausbau schneller ­vorankommen. 

Handwerksblatt: Wie werden ländliche Räume wieder attraktiver? Gibt es vielleicht sogar Vorteile der ländlichen Räume, die heute noch nicht hinreichend gesehen werden? 
Wüst: Ehrlich gesagt, waren länd­liche Räume doch nie unattraktiv. Regionale Identität, das sozial gelebte Miteinander durch Vereine und Menschen, die sich aufeinander verlassen können, das Aufwachsen von Kindern in einer geschützten Umgebung, persönliches Engagement, das Menschen zusammenschweißt… waren doch nie weg. Richtig ist aber, dass viele äußere Faktoren und Fehlentscheidungen den ländlichen Räumen und damit auch den Unternehmern geschadet haben. Der Wegfall des ÖPNV, der schleppende Ausbau der digitalen Infrastruktur, die Inkaufnahme des Schrumpfens von Versorgungsleistungen von Schulen, Kitas bis hin zur Gesundheitsversorgung sind Fehler, die gemacht wurden. Der Handlungsdruck ist allein schon durch die demografische Entwicklung groß. Ganz vorne sehe ich da eine gute Infrastruktur in allen Punkten – vom Verkehr über die wirtschaftsnahe Kommunikation bis hin zur Personalausstattung der Verwaltungen. Auch erfolgreiche Unternehmen sitzen im Übrigen in vielen Fällen nicht in den Metropolen. Ein Strategiewechsel bei der Ansiedlungskultur nützt im Übrigen dann auch dem regionalen Handwerk. Ich glaube an das Comeback der ländlichen Räume. Es gibt bezahlbaren Wohnraum, geringere Lebenshaltungskosten und vielfältige Gestaltungsmöglichkeiten. Es ist die wachsende Sehnsucht der Menschen nach Heimat, nach regionaler Verbundenheit, die ländliche Räume wieder attraktiv machen. Viele Menschen wollen raus aus dem (städtischen) Dauerstress, spätestens, wenn Kinder die Familie vergrößern. 

Handwerksblatt: Welchen Beitrag können die mittelständischen Unternehmen leisten, damit der länd­liche Raum gestärkt wird und Auszubildende nicht weggehen? 
Wüst: Gerade das Handwerk ist wichtig in den ländlichen Räumen. Es ist Träger der wirtschaftlichen Entwicklung mit bedeutender Versorgungsfunktion. Um junge Leute in der Heimat zu halten, muss man ihnen natürlich zuallererst und so früh wie möglich den Einblick gewähren, welche beruflichen Möglichkeiten sie hier haben. Die enge Verzahnung von Schulen und Betrieben ist dafür entscheidend. Unternehmen sollten deshalb frühzeitig mit den Schulen für die Ausbildung in der Region werben. Exkursionen, Praktika, Aktionstage bieten dafür gute Möglichkeiten. Wichtig ist, dass sich das Handwerk einmischt und für die Regionen als attraktive Arbeits- und Lebensorte eintritt.

Handwerksblatt: Hilft hier die Imagekampagne des Handwerks? 
Wüst: Das muss sie sogar. Wobei es dabei nicht nur um die Vielfalt unseres Handwerks geht. Vielfach geht es nicht nur um die finanziellen Gesichtspunkte, sondern auch um die Aspekte der Lebensqualität in den jeweiligen Regionen. Warum zum Beispiel nicht genau jene Vorzüge herausstellen? Die Unternehmen in den Regionen können zum Image entscheidend beitragen, indem sie sich an der Imagekampagne des Handwerks aktiv beteiligen. Sie sind es schließlich, die vor Ort sind und genau wissen, womit man punkten kann.

Handwerksblatt: Sie sind oft in Potsdam oder Berlin und zu Hause auf dem Land. Sehen Sie Unterschiede bei der Wirkung der Kampagne? 
Wüst: Unsere Kampagne hat einen Riesenvorteil: Jeder einzelne Handwerksbetrieb kann davon profitieren. Wer sie nutzt, setzt damit auch ein Zeichen – "ich gehöre dazu". Dies kann jeder auf seine individuelle Weise tun: ob mit einem Aufkleber, einer Aktion oder einem Plakat. Die Vielfalt des Handwerks zu zeigen, funktioniert. Ich denke nicht, dass es dabei Unterschiede zwischen Stadt und Land gibt. Handwerksblatt: Wie bewerten Sie die Kampagne nach nun knapp zehn Jahren? Sind Sie gespannt auf die nächsten Motive? Wüst: Die Imagekampagne wirkt, mit ihrer Hilfe wurde das Bild des Handwerks auf differenzierte Weise sichtbar gemacht. Sie erzählt Geschichten, sie zeigt Gesichter von nebenan und sorgt dabei für so manchen "Aha-Effekt". Viele beneiden uns um diese Kampagne, was wiederum zeigt, dass sie richtig und wichtig ist. Eine Branche ist in der Lage, in geballter Form Botschaften sichtbar zu machen und überregional zu transportieren. Wichtig ist nun, den Wandel des Handwerks zu einem modernen Arbeitgeber und zeitgemäßen Arbeitsaufgaben zu transportieren. Ich bin gespannt auf die neuen Motive. Klar, würde ich mir dabei wünschen, dass wir alle Betriebe mitnehmen und begeistern. Sicher muss man auch den auf die Jugend gesetzten Fokus der letzten Jahre beibehalten, aber endlich auch die Eltern mitnehmen. Wichtig wäre, dass die Identität des Handwerks in den Aussagen nicht verloren geht, wir unser Gesicht behalten und nicht austauschbar mit den Claims anderer Branchen werden. 

Die Fragen stellte Michael Block.

Text: Michael Block

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