Es sind die Gewerbetreibenden, die die Strukturen auf dem Land am Laufen halten. (Foto: © tiggra/123RF.com)

Landlust oder Landfrust

Fast jeder zweite Handwerksbetrieb ist auf dem Land zu Hause. Die Probleme ähneln sich. Genauso wie die Überzeugung, dass es nirgendwo schöner sein könnte.

Was wären die Dörfer ohne ihren Friseursalon, den Bäcker, die Schreinerei, den Maler, Metallbauer, Bestatter oder Elektriker? Oft sind es Familienbetriebe, die hier seit mehreren Generationen ansässig sind. Der Zentralverband des Deutschen Handwerks geht davon aus, dass etwa die Hälfte aller Betriebe und Beschäftigten des Handwerks im ländlichen Raum angesiedelt sind. Hunderttausende sind das.

Wegziehen? Den Standort in die nächste Großstadt verlegen? Das  kommt nicht in Frage. Die Betriebe sind hier verwurzelt und wollen auch hier bleiben. Für die Dörfer und Kleinstädte ist dieses Beharren am Ort gut, denn es sind gerade die Gewerbetreibenden, die die gesellschaftlichen Strukturen hier am Laufen halten. Sie sind wichtige Arbeitgeber und Ausbilder und engagieren sich ehrenamtlich.Für die Firmenchefinnen und -chefs ist das Überleben auf dem Land jenseits der Großstädte und Speckgürtel zum Teil aber ein Kraftakt.

Standortnachteile durch Löcher beim Breitbandausbau und den Mobilfunknetzen

Die Unternehmer stehen vor ähnlichen Herausforderungen: der Fachkräfte- und Nachwuchsmangel, die Abwanderung oder Überalterung der Kundschaft und eine Bildungsinfrastruktur, die sich anders als in den Ballungsräumen immer mehr ausdünnt. "Die Breitbanderschließung und die Erschließung mit Mobilfunknetzen ist in Deutschland in den ländlichen Räumen immer noch signifikant schlechter als in den Ballungsräumen. Das ist im Handwerk, wo die Digitalisierung stark voranschreitet, ein immenser Standortnachteil", betont Dr. Carsten Benke, Referatsleiter beim Zentralverband des Deutschen Handwerks in Berlin (ZDH) gegenüber dem Handwerksblatt.

Gewerbe wird aus dem Ortskern verdrängt

Da gehe es nicht nur um normale Kommunikation wie Internet oder Anrufe, sondern um komplexe Prozesse bei Fertigungen, "Smart Home" und Bauvorhaben, in die sich die Betriebe einklinken müssen.Und man mag es kaum glauben, aber auch in den Dörfern und Kleinstädten werden zum Teil die Gewerbeflächen knapp. "Die Betriebe werden zunehmend aus dem Ortskern verdrängt. Wo früher dörfliche Mischgebiete mit Landwirten, Backstuben oder Werkstätten waren, da wird heute fast nur noch gewohnt", betont Benke.

Es entstehen Nachbarschaftskonflikte, weil man im Wohngebiet keinen Werkstattlärm haben möchte. Die Handwerker brauchen also kleinere, bezahlbare Gewerbeflächen an den Ortsrändern, was planerisch auch nicht immer einfach und konfliktfrei ist, denn man will ja auch die landwirtschaftlichen Flächen sichern. Dies alles sind Themen, denen sich die Handwerksverbände annehmen.


Förderprogramme öffnen

"Wir möchten die Augen dafür öffnen, dass ländliche Räume für das Handwerk keine Resträume, sondern Zukunftsräume sind", erklärt Benke. Und dafür brauchen die Firmen nicht nur schnelles Internet, Auszubildende und Gewerbeflächen, sondern auch Zugang zu Fördermitteln. Viele Förderins-trumente für den ländlichen Raum stehen aktuell nur der Landwirtschaft offen, berichtet der ZDH-Experte.

Foto: © hin255/123RF.comDaher sei es ein erster Erfolg, dass der Bundesrat Anfang Juli 2018 den Weg zur Weiterentwicklung der "Gemeinschaftsaufgabe Agrarstruktur und Küstenschutz" (GAK) freigemacht hat. Nach einer Grundgesetzänderung könnten dann auch kleinere und mittlere Handwerksbetriebe das Förderinstrument nutzen. Das Handwerk hatte sich schon lange dafür eingesetzt. 

Die ebenfalls interessanten GRW-Mittel (Gemeinschaftsaufgabe Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur) richten sich de facto nur an mittelgroße Unternehmen mit überregionalem Absatz (50 Kilometer und mehr). Die Mehrheit der Handwerksbetriebe bleibt da außen vor. 

"Wir möchten keine Dauersubventionen"

Der ZDH versucht seit vielen Jahren beide Gemeinschaftsaufgaben, also GRW und GAK, stärker zu öffnen für handwerkliche Betriebe. Hier habe man 2016 erreicht, dass die GAK teilweise für nichtlandwirtschaftliche Kleinstbetriebe geöffnet wurde, was aber noch sehr bürokratisch sei.

"Wir möchten keine Dauersubvention, sondern Standortnachteile ausgleichen", betont Carsten Benke. "Die Fördermittel sollen den Betrieben über Innovationshürden helfen. Dabei geht es nicht um Milliarden." Das Votum des Bundesrates zur weiteren Öffnung der GAK mache Hoffnung, aber bis zu einer Änderung des Grundgesetzes könne es noch dauern.

Thema im Koalitionsvertrag

Die Stärkung der ländlichen Räume ist auch ein großes Thema im Koalitionsvertrag. Bis zum Jahr 2021 sollen rund 1,5 Milliarden Euro mehr bereitgestellt werden. Das soll helfen, die Daseinsvorsorge zu erhalten, den demografischen Wandel abzufedern und das Ehrenamt zu stärken.  


"Hände hoch fürs Handwerk"

Das ehrenamtliche Engagement im Ort spielt im Handwerk eine große Rolle. Im Westerwald und im Saarland zum Beispiel engagieren sich viele Betriebe in der Kampagne "Hände hoch fürs Handwerk". Ende 2015 wurde sie von der Wirtschaftsförderungsgesellschaft des Westerwaldkreises ins Rollen gebracht; 2017 wurde das Projekt im Rahmen des Bundesprogrammes "Menschen und Erfolge" ausgezeichnet. 2016 haben die Wirtschaftsförderungsgesellschaft Saarpfalz und die Handwerkskammer der Pfalz das Konzept übernommen.

Man will den Jugendlichen mit verschiedenen Aktionen zeigen, welche tollen Zukunftsberufe es im Handwerk gibt. Und man will die Landbevölkerung auf die Bedeutung des Themas "Energieeffizienz" hinweisen.

Handwerker müssen sich sichtbar machen

Foto: © Andreas BuckDie ältere Kundschaft auf dem Land ist ein Pluspunkt für das Handwerk."Die Handwerker müssen sichtbar bleiben, sich im Ort engagieren, auch gemeinsam mit anderen Betrieben und der Landwirtschaft, und an die Schulen gehen", betont Carsten Benke. Solche Aktionen seien dabei beispielhaft.Um den Anschluss nicht zu verpassen, müssten sich die Betriebe aber auch modernisieren und bei der Digitalisierung Schritt halten. Wenn das gelinge, dann biete das Leben und Arbeiten auf dem Land viele Vorteile.

Beispiele: Man kann sich in der Fläche entfalten, denn die Grundstückspreise sind deutlich günstiger als in Ballungsräumen. Man kann von Aufträgen der Energiewende profitieren, denn die Windparks oder Biogasanlagen werden auf dem Land gebaut. Man kann sich als Dienstleister für eine ältere Kundschaft profilieren und findet stabilere soziale Strukturen. Die Wege zur Verwaltung sind oft kurz und unbürokratischer, es gibt einen treuen Kundenkreis und eine hohe Lebensqualität.  

Text: / handwerksblatt.de

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