Ein Tal lief voll: Hier versinkt Marienthal in den Fluten der Ahr.

Ein Tal lief voll: Hier versinkt Marienthal in den Fluten der Ahr. (Foto: © Jörg Diester)

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Naturkatastrophen – Schnelle Hilfen in der Not

Die Ahr­tal-Kata­stro­phe jährt sich zum zwei­ten Mal. Sie zeigt exem­pla­risch: Natur­ereig­nisse kön­nen jeden tref­fen, aber sie bele­gen auch: Hil­fen kom­men sofort – auch und gerade aus dem Handwerk.

Es ist der 14. Juli 2021, 12 Uhr. Meteorologe Sebastian Schappert vom Deutschen Wetterdienst gibt gerade ein Wetter-Update: "Es muss in der Nacht mit heftigen Niederschlägen gerechnet werden", sagt er. Dann folgte die Katastrophe. Die beschauliche Ahr mit einem Pegelstand von rund 60 Zentimetern schwoll auf über fünf Meter an – und dieser Flutwelle widerstand nichts. Die Bilanz: Über 180 Tote in den Katastrophengebieten von Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen, 213.000 Schadenfälle und Schäden in Höhe von fast 30 Milliarden Euro.

Unterspülte Straßen, Hotel »Zum Sänger« Foto: © Jörg DiesterUnterspülte Straßen, Hotel »Zum Sänger« Foto: © Jörg Diester

Treffen können die Naturgewalten jeden: Sturmfluten (16./17. Februar 1962), Jahrhunderthochwasser am Rhein (25. Dezember 1993), an der Elbe (21. August 2002, Juni 2013), Oder (14. Juli 1997) und Ahr (14./15. Juli 2021), Stürme ("Lothar", 26. Dezember 1999 mit über 100 Toten), Tornados (20. Mai 2022, Paderborn), Waldbrände (25. Juli 2022, Brandenburg), Hagel (28. Juli 2013, Reutlingen) oder sogar Erdbeben (13. April 1992, Heinsberg. Stärke 5,9). So katastrophal Jahrhundert-Ereignisse auch waren: Sie schweißen die Menschen und vor allem das Handwerk zusammen. Denn Hilfe kam immer und sofort – aus ganz Deutschland.

Die Schadensbilanz 2022 von Rheinland-Pfalz kam auf 15 Milliarden Euro und von Nordrhein-Westfalen auf 12,3 Milliarden Euro.

Dokument der Naturgewalt: Die Flutkatastrophe verwandelte die Pension Kleinod in eine komplette Ruine. Foto: © Jörg DiesterDokument der Naturgewalt: Die Flutkatastrophe verwandelte die Pension Kleinod in eine komplette Ruine. Foto: © Jörg Diester

Exemplarisch lässt sich das an der 40 Kilometer langen Zerstörungsschneise im Ahrtal festmachen. Rund 8.000 Gebäude traf die Flut, die Schäden reichen von gering bis komplett zerstört. In dem kleinen Weinort Dernau waren nahezu 90 Prozent der 612 Häuser von jetzt auf gleich unbewohnbar. Auch rund 3.000 Unternehmen vom Ein-Mann-Betrieb bis hin zu Groß- und Industriebetrieben mit mehreren Hundert Beschäftigten zählten zu den Betroffenen, darunter 600 Handwerksbetriebe, viele mit Totalschäden. Die rheinland-pfälzische Aufsichts- und Dienstleistungsbehörde kam Anfang 2022 zu einer Schadenbilanz von rund 15 Milliarden Euro, weitere 12,3 Milliarden Euro fielen in Nordrhein-Westfalen an.

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Häuser und Betriebe verwandelten sich in Schutt und Staub, Straßen und Schienen waren unbenutzbar Foto: © Jörg DiesterHäuser und Betriebe verwandelten sich in Schutt und Staub, Straßen und Schienen waren unbenutzbar Foto: © Jörg Diester

Schon einen Tag nach der Katastrophe machten sich die ersten Helfer aus ganz Deutschland auf den Weg, die teilweise noch immer, zwei Jahre danach, unterstützen. Die Bundeswehr entsandte in der Spitze bis zu 2.000 Soldaten, das Technische Hilfswerk setzte täglich bis zu 4.000 freiwillige oder ehrenamtliche Helfer ein – und insgesamt mehr als 100.000 Zivilisten kamen im Privatwagen, im Shuttlebus oder gleich mit Räumfahrzeugen, um bei der Beseitigung von Müll und Schlamm, aber auch der schnellen Schadenbehebung kräftig zur Hand zu gehen. Fred Schulz, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Remscheid, stand fassungslos in Schuld: "Nach dem Besuch habe ich vier, fünf Nächte schlecht geschlafen, schlecht und erlebnisnah geträumt", erzählt er noch heute von seinen Eindrücken. Aber: "Dank des Besuches konnten wir noch zielgenauer unsere Hilfen ins Ahrtal bringen."

Tischlermeister Mike Rönnefarth aus Dernau stellte schon am Tag 1 nach der Flut die Weichen für den Neuanfang. Foto: © Jörg DiesterTischlermeister Mike Rönnefarth aus Dernau stellte schon am Tag 1 nach der Flut die Weichen für den Neuanfang. Foto: © Jörg Diester

"Das einzig Gute in dem ganzen Leid und der Zerstörung war das Zusammenrücken der Handwerksfamilie, die sich zusammen mit Partnern dem gemeinsamen Ziel eines vollständigen Wiederaufbaus unterordnete", bilanziert Ralf Hellrich, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Koblenz, die solidarische Hilfe. Oft stellten die betroffenen Handwerker, vom Chef bis zum Lehrling, in den Regionen die eigenen Bedürfnisse zurück und unterstützten ihre Kunden beim Wiederaufbau, anstatt den eigenen Betrieb, das eigene Haus auf Vordermann zu bringen. Gerade die Solidarität im Handwerk zeigt sich an unzähligen Hilfsprojekten, an denen sich sämtliche Institutionen im Handwerk, von der Innung über die Kreishandwerkerschaften bis zum Zentralverband des Deutschen Handwerks, beteiligten. Bäcker unterstützten Bäcker, Elektriker Elektriker – und das galt für viele Gewerke, bei der die Aktionspartner Millionen Euro sammelten, um Betroffene direkt zu unterstützen.

Mammutaufgabe Koordination der Hilfen

Als eine Mammutaufgabe stellte sich sehr schnell vor allem in den ersten Wochen die Koordination der Hilfeleistungen heraus, so groß war der Andrang. Andere Hürden tauchten erst mit der Zeit auf. Viele Flutopfer wollten die Schäden von nachbarlichen Betrieben des Vertrauens behoben wissen – aber die Zahl der Aufträge und der gleichzeitige Facharbeitermangel führte die ortsansässigen Handwerker schnell an ihre Grenzen.

Handwerker fürs Ahrtal: Nach der Katastrophe kam eine überwältigende Unterstützung der Betroffenen in den Katastrophengebieten von allen Seiten. Foto: © Jörg DiesterHandwerker fürs Ahrtal: Nach der Katastrophe kam eine überwältigende Unterstützung der Betroffenen in den Katastrophengebieten von allen Seiten. Foto: © Jörg Diester

Hier half (und hilft noch immer!) der Aufbau der Plattform handwerk-baut-auf.de durch die Handwerkskammern Koblenz und zu Köln, die Angebot und Nachfrage koordiniert (siehe Interview). Vor allem aber lösten sie rechtssicher das klassische Wartungsproblem: Wenn ein entfernter Betrieb aus München oder Berlin die Installation durchführt, darf dennoch der Betrieb aus der Ahr-Region die anschließenden Wartungen durchführen – was ebenso wie die Plattform selbst als Blaupause für künftige Katastrophen dienen dürfte.

Auch andere Hilfsprojekte sind bundesweit einmalig. Etwa das Projekt zur Berufsorientierung "Aufbau-Ahr – Freiwillige Aufbauzeit im Ahrtal", das die Handwerkskammer Koblenz gemeinsam mit der Landesregierung stemmt. Es richtet sich an Schulabgänger und Studierende, die ein Praktikum beispielsweise in Tischlereien, Elektrobetrieben oder im Malerhandwerk machen, aber auch gleichzeitig beim Wiederaufbau im Ahrtal helfen wollen. Denn der ist lange noch nicht abgeschlossen. Je nach Projekt rechnen Ortsansässige mit bis zu zehn Jahren, ehe der Neuanfang an Ort und Stelle oder mit Alternativbauten abgeschlossen sein dürfte. Auch die finanzielle Unterstützung aus dem Wiederaufbau-Fonds steht Flutopfern weiter zur Verfügung. Die Frist für die Antragstellung hatte der Bund um drei Jahre bis zum 30. Juni 2026 verlängert. Das verschafft den Betroffenen mehr Zeit, die mit ihren Immobilien nicht versichert waren. Sie können 80 Prozent der Sanierungskosten aus dem Fonds bei der Investitions- und Strukturbank Rheinland-Pfalz (ISB) beantragen. Auf der sicheren Seite waren die Versicherten, die ihre Immobilien und Betriebe speziell gegen Elementarschäden versichert hatten. "Für die Schadenregulierung ziehen wir insgesamt eine positive Bilanz, doch jetzt hängt die Regulierung am Tempo des Wiederaufbaus", zog Jörg Asmussen, Hauptgeschäftsführer des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), schon vor einem Jahr Bilanz.

Die ursprünglich angesetzte Frist für die Antragstellung hatte der Bund um drei Jahre bis zum 30. Juni 2026 verlängert.

Allerdings driften die Zahlen sehr auseinander. Der GDV bezifferte den Gesamtschaden in der Pfalz auf "nur" 8,5 Milliarden Euro, zwei Drittel, rund fünf Milliarden Euro, hatten die Assekuranzen bis zum Juli 2022 überwiesen. Die fehlenden 3,5 Milliarden Euro hängen am Wiederaufbau, weil Material, aber auch Handwerker und sogar Gutachter fehlen, so der Verband. Ein prüfender Blick auf die Versicherungspolice kann nicht schaden: Allein im Bereich der Immobilien haben 46 Prozent der Besitzer keine Absicherung gegen Elementarschäden, also Hochwasser, Starkregen oder Hagel.

Schadenvermeidung wird Priorität

Eine Konsequenz dürfte die Katastrophe haben: Schadenvermeidung bekommt eine immer höhere Priorität. Denn im Zuge des Klimawandels nehmen Elementarereignisse zu. Die Weltwetterorganisation (WMO, World Meterological Organization mit Sitz in Genf) hat schon 2014 vorgerechnet, dass seit den 1970er Jahren die Zahl der wetter- oder klimabedingten Naturkatastrophen zwischen 2000 und 2009 explodiert sei: Es gab fünfmal so viele Stürme, Überschwemmungen, Dürren und extreme Hitzeereignisse wie in den 70ern.

Mit Blick auf Überschwemmungen fordert die Versicherungsbranche zum Beispiel ein Neubauverbot in hochwassergefährdeten Lagen. Manchmal würde es sogar reichen, Gebäude auf einem Sockel zu errichten. Auch eine geringere Versiegelung der Böden könnte dazu beitragen, dass Wassermassen im Boden versickern anstatt sich zu sammeln und zur Flutwelle aufzutürmen.

Ansätze, die beim Wiederaufbau im Ahrtal Anwendungen fanden. Zwei Jahre nach der Katastrophe blüht die Region allmählich wieder auf, dank schneller, solidarischer Hilfe aus dem Handwerk, seiner Organisation und den vielen Aufbauhelfern. Das ist auch die Botschaft aus allen Naturkatastrophen, die bei Betroffenen für ganz viel Leid gesorgt hatten: Verhindern lassen sie sich nicht – aber keiner wird alleine gelassen.

Betroffene berichten

Roman Treiber Foto: © Tischlerei TreiberRoman Treiber Foto: © Tischlerei Treiber

Roman Treiber: "Die Hilfsbereitschaft war enorm"
Gleich zweimal haben die Fluten der Mulde, ein Nebenfluss der Elbe, den Betrieb und die Wohnung von Roman Treiber (52) und seiner Familie zerstört. Bei der Jahrhundertflut im August 2002 stand die Tischlerei im sächsischen Eilenburg komplett unter Wasser. "Die Maschinen waren defekt, die Bestände verschlammt, das Zuhause unbewohnbar", erzählt Treiber. Die Hilfsbereitschaft sei enorm gewesen. "Das hat uns moralisch aufgerichtet." Der Schaden lag bei 200.000 Euro. Dank der finanziellen Hilfen von Bund und Land konnte Treiber den Familienbetrieb wieder aufbauen. Elf Jahre später, im Juni 2013, haben die Wassermassen über Nacht wieder alles zerstört – inklusive einer neuen CNC-Maschine. Immerhin konnte Roman Treiber zwischenzeitlich eine Elementarschadenversicherung abschließen. Danach hat der stv. Kreishandwerksmeister erneut von vorne angefangen – jetzt weit entfernt vom Fluss. Und: "Mit dem Umzug habe ich den Betrieb neu ausgerichtet. Von der Bautischlerei zum Fachbetrieb für Möbel, Büroeinrichtung und Ladenbau." KF

Frank Wershofen Foto: © Jörg DiesterFrank Wershofen Foto: © Jörg Diester

Frank Wershofen
Eigentlich war schon alles geregelt für die Wershofen GmbH in Bad Neuenahr-Ahrweiler, die mit dem Slogan "bäderstark – heizbewusst" für die Kunden in Sachen Bad, Heizung und Energie da ist. Doch nach der Flut war nichts mehr vorhanden, was Chef Frank Wershofen und sein Bruder an die Söhne als potenzielle Nachfolger hätte übergeben können. Der Betrieb war komplett zerstört. Doch die gemeinsame Entscheidung, weiterzumachen und neu aufzubauen, war schnell getroffen. Mehr noch: Für Frank Wershofen begann eine Dreifachbelastung, da er nicht nur den eigenen Betrieb neu aufbauen und für seine Kunden, die ebenfalls zu den Flutopfern zählten, da sein musste. Als Kreishandwerksmeister war es für ihn auch keine Frage, für die Betriebe in seiner Region Ansprechpartner zu sein und ein offenes Ohr für ihre Probleme zu haben. Dazu gehört auch, vor Ort konkrete Hilfemaßnahmen zu initiieren und mit zu organisieren. Für die Handwerkskammer Koblenz erwies sich der SHK-Meister als wichtiger Teilnehmer in den jour-fixe-Runden, in denen die Hilfen und Aktionen für das Katastrophengebiet besprochen wurden. Er berichtete aus erster Hand, wusste, wie weit Dinge fortgeschritten waren und was als Nächstes anstehen musste. Diese Runden hatte die Handwerkskammer Koblenz sofort mit allen wichtigen Entscheidungsträgern aus Krisenstäben, Politik, Handwerk, Helferstäben und Energieversorgern organisiert. Tatsächlich erwies sich dieser Eins-zu-eins-Austausch unter der Leitung von Hauptgeschäftsführer Ralf Hellrich und Präsident Kurt Krautscheid – die beide jeden Dienstag vor Ort fuhren, um sich über die Fortschritte zu informieren – als sehr wirkungsvolles Gremium, um die Hilfen entscheidend voranzubringen, was nicht zuletzt auch Frank Wershofen zu verdanken war und immer noch ist. Fällt heute sein Name in der Handwerkskammer Koblenz, hört man auch sehr schnell den Begriff "Flutheld" für einen Menschen, der beherzt und entschlossen mitangepackt hat, um die Folgen der Katastrophen zu lindern. SBU

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Text: / handwerksblatt.de

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