Auf den Vorbereitungstreffen von WorldSkills Germany schulen Sportpsychologe Dr. Kai Engbert (im Bild vorne) und sein Kollege Dr. Tom Kossak berufliche Talente im Umgang mit Druck und Stress.

Auf den Vorbereitungstreffen von WorldSkills Germany schulen Sportpsychologe Dr. Kai Engbert (im Bild vorne) und sein Kollege Dr. Tom Kossak berufliche Talente im Umgang mit Druck und Stress. (Foto: © WorldSkills Germany/Frank Erpinar)

Mentaltrainer bereiten WorldSkills-Talente auf den Wettkampf vor

Bildung

Kai Engbert und Tom Kossak machen die Teilnehmer beruflicher Wettkämpfe mental fit für die WorldSkills und EuroSkills. Die Tipps und Techniken lassen sich auch für die Vorbereitung auf die Gesellenprüfung nutzen.

Im Februar blickt die Sportwelt nach China. Peking richtet vom 4. bis 22. Februar 2022 die Olympischen Winterspiele aus. Mit dabei sein wird auch Dr. Kai Engbert. Der selbstständige Sportpsychologe betreut als Mentaltrainer das Nationalteam der Skispringerinnen und der Snowboarder. Dem Saisonhöhepunkt der alpinen Athleten schließen sich jedoch weitere Einsätze an. Zu seinen Kernsportarten gehören auch die deutschen Kanuten und Sportkletterer. "In unserer Praxis betreuen wir Leistungssportler aus über 20 verschiedenen Sportarten. Aus dieser Vielzahl schöpfe ich sehr viel Inspiration und Motivation."  

Tipps von Mentaltrainern

Die Teilnehmer sportlicher, aber auch beruflicher Wettkämpfe stehen vor derselben Herausforderung. Sie müssen ihr Leistungspotenzial punktgenau abrufen. Vor der Berufsweltmeisterschaft in Abu Dhabi 2017 ist WorldSkills Germany an Dr. Kai Engbert herangetreten. "Die Verantwortlichen haben gemerkt, dass die jungen Fachkräfte zwar fachlich sehr gut vorbereitet sind, sie aber nicht immer ihr Können aufs Parkett bringen", erinnert sich der Sportpsychologe. Dafür hat er einige Gründe ausgemacht.

Mankos beruflicher Talente

Die beruflichen Talente aus Handwerk und Industrie seien im Vergleich zu Sportlern ihres Alters deutlich weniger wettkampferprobt. Viele von ihnen seien noch nie im Ausland gewesen. Zudem gebe es kaum Leistungsvergleiche auf internationalem Niveau. Erschwerend kommt hinzu: "An Olympischen Spielen kann man mehrmals teilnehmen, an beruflichen Wettkämpfen in der Regel nur einmal", bezieht sich Dr. Kai Engbert auf die Altersgrenze bei World- und EuroSkills.

Stress und Druck bewältigen

Dr. Kai Engbert (r.) und Dr. Tom Kossak bereiten die Teilnehmer von World- und EuroSkills mental auf den Wettkampf vor. Foto: © WorldSkills Germany/Frank ErpinarDr. Kai Engbert (r.) und Dr. Tom Kossak bereiten die Teilnehmer von World- und EuroSkills mental auf den Wettkampf vor. Foto: © WorldSkills Germany/Frank Erpinar

Zusammen mit seinem Kollegen Dr. Tom Kossak schult er das Team von WorldSkills Germany beim Umgang mit Stress und Druck. Die Schulungen gehen in drei Stoßrichtungen. Sie richten sich an die einzelnen Teilnehmer, die Trainer und die Mannschaft als Ganzes.

Die Vorbereitung auf die WorldSkills umfasst zwei mehrtägige Treffen. Die Kürze der Zeit stellt die beiden Mentaltrainer vor eine besondere Herausforderung. "Die meisten Leistungssportler betreuen wir über das gesamte Jahr. Bei WorldSkills Germany müssen wir aus wenig möglichst viel herausholen."

Mentaler Werkzeugkoffer

Die Teilnehmer bekommen einen Crash-Kurs in mentaler Stärke. Engbert und Kosack nennen ihn den mentalen Werkzeugkoffer. Vermittelt werden zentrale Techniken zum Umgang mit Druck. Hausaufgaben sollen dabei helfen, das Gelernte im Training zu vertiefen. Zudem halten die Sportpsychologen online Kontakt.

Team stärkt den Einzelnen

Ihre zweite Aufgabe besteht im Teambuilding. "Wir formen aus einer sehr heterogenen Gruppe eine Einheit, die sich gegenseitig unterstützt." Die Mentaltrainer haben die Erfahrung gemacht, dass die Mannschaft einzelne Mitglieder auffängt, um Misserfolge zu bewältigen. Im Austausch mit anderen lasse sich ein schlechter Tag leichter abhaken und eine konstruktive Perspektive für den Rest des Wettkampfes entwickeln.

Trainer unterstützen Mentaltrainer

Die dritte Stoßrichtung bezieht sich auf die Schulung der Trainer. "Wir zeigen ihnen, wie sie ihre Schützlinge vor, während und nach dem Wettkampf psychologisch helfen können und machen sie damit zu guten Co-Mentaltrainern", erklärt Dr. Kai Engbert.

Erfahrungen eines Olympiasiegers

Olympiasieger ist er nicht, dafür aber Vizeweltmeister im Slalom. Alpin-Ass Fritz Dopfer (r.) im Gespräch mit Sportpsychologe Tom Kossak. Foto: © WorldSkills Germany/Frank ErpinarOlympiasieger ist er nicht, dafür aber Vizeweltmeister im Slalom. Alpin-Ass Fritz Dopfer (r.) im Gespräch mit Sportpsychologe Tom Kossak. Foto: © WorldSkills Germany/Frank ErpinarÜberzeugungshilfe für das Mentaltraining holt er sich bei ehemaligen WorldSkills- und EuroSkills-Teilnehmern sowie aus dem Spitzensport. Bei den Vorbereitungstreffen von WorldSkills Germany war etwa schon der Kanute Thomas Schmidt zu Gast, der bei den Olympischen Spielen 2000 angetreten ist. "Er hat sich trotz einer Verletzung und ganz vieler Rückschläge in der Vorbereitung für Sydney qualifiziert und auch dank seiner mentalen Vorbereitung sehr fokussiert die Goldmedaille im Einer-Kajak gewonnen."

Bei einem Vorbereitungstreffen auf die EuroSkills in Graz berichtete zuletzt Skifahrer Fritz Dopfer von seinen Erfahrungen mit dem Mentaltraining.  

Mentale Landkarte erstellen

In der Zeit vor den World- und EuroSkills geben Dr. Kai Engbert und Dr. Tom Kossak den Teilnehmern verschiedene Techniken mit, wie sie ihre mentale Stärke verbessern können. Dazu gehört etwa das Visualisierungs- und Vorstellungstraining. "Zu Anfang lassen die Teilnehmer einfache Bilder wie etwa ein Werkzeug in ihrem Kopf entstehen. Später werden die Bilder komplexer Abläufe zu einem inneren Film zusammengefügt, der als mentale Landkarte für die Wettbewerbsaufgabe dient." Dies helfe in Stresssituationen dabei, einen Blackout zu vermeiden.

Um die körperliche und geistige Anspannung herunterzufahren, lernen die Teilnehmer außerdem verschiedene Atem- und Entspannungstechniken kennen. "Mit einem leichten Kribbeln im Bauch in den Wettkampf zu gehen, ist gut. Nimmt es Überhand, bekommt man es mit den Techniken aus dem mentalen Werkzeugkoffer in den Griff." Auch Gedanken- und Selbstgespräche gehören zu dessen Inhalt. 

Begleitung am Wettkampftag

Am Tag X ist vor allem seelischer Beistand gefragt. "Auf dem Weg zur Wettkampfstätte sollte der Trainer die Teilnehmer in einem kurzen Gespräch daran erinnern, was in der Vorbereitung gut gelaufen ist und dass sie sich in Stresssituationen auf ihren mentalen Werkzeugkoffer verlassen können."

Treten wider Erwarten Probleme auf, rät der Sportpsychologe dazu, eine kurze Auszeit zu nehmen und Abstand zu gewinnen. "Einfach einige Schritte von der Aufgabe zurücktreten, dreimal tief durchatmen, etwas trinken und einen neuen Plan für die nächsten Arbeitsschritte entwerfen."

Krisengespräch in der Pause

Die Pausen im Wettkampf oder für das Mittagessen können zum Austausch mit dem Trainer oder mit den Mental-Coaches genutzt werden. "Wenn es nicht läuft, strukturieren wir gemeinsam die Situation und gehen die weiteren Handlungsoptionen für den Rest des Tages durch", beschreibt Dr. Kai Engbert das Prozedere bei den World- und EuroSkills. Manchmal halte er aber auch nur als seelischer Mülleimer her. "Wenn sich die Teilnehmer über ihre Fehler ausgekotzt haben, haken sie den ersten Teil des Tages ab und machen erleichtert und motiviert weiter."  

Wettkampf und Prüfung bewerten

Ein Wettkampf sollte nicht gleich nach dem Abpfiff analysiert werden. Dr. Kai Engbert schlägt einen Abstand von zwei Tagen vor. Dies gelte nicht jedoch nur für die World- und EuroSkills, sondern auch für besondere Ereignisse wie den Leistungswettbewerb des deutschen Handwerks oder die Gesellenprüfung. "Das Ergebnis sollte in einem kritischen, aber wertschätzenden Gespräch reflektiert werden", empfiehlt der Sportpsychologe.

Gesprächstermin nach der Prüfung

Dies könne schon vor dem Prüfungstermin mit den Auszubildenden – unabhängig vom Ausgang – vereinbart werden. Den Verantwortlichen für die Ausbildung komme dabei die Rolle eines guten Sparringpartners zu. Es gilt zu klären, was gut gelaufen ist, wo Defizite bestehen und wie sie sich beheben lassen.

Eigene Ausbildung hinterfragen

"Eine Prüfung ist die Bewertung des aktuellen Leistungsstands. Bei schlechtem Abschneiden wie das Jüngste Gericht aufzutreten, ist wenig hilfreich", warnt der Psychologe vor persönlichen Schuldzuweisungen. Mitunter müssten sich auch die Ausbilder selbst hinterfragen: "Habe ich alles richtig gemacht, wenn meine Auszubildenden immer nur mit einer Vier bestehen?" 

Ohne fachliches Training kein Erfolg

Das Mentaltraining ist eine wichtige Ergänzung. Das Fundament jedes erfolgreichen Wettkampfes oder jeder erfolgreichen Prüfung bleibt für Kai Engbert jedoch das fachliche Training. Je gewissenhafter man sich vorbereite, desto selbstbewusster könne man diese Situationen bewältigen. "Vom Zuschauen und Zuhören alleine wird man leider nicht besser", gibt der Sportpsychologe allen Prüflingen, Teilnehmern von beruflichen Wettkämpfen und Athleten mit auf den Weg.  

Buchempfehlungen

Der zweite Band von Mentales Training im Leistungssport ist im September 2021 erschienen.von Kai Engbert und Tom Kossak Foto: © Neuer SportverlagDer zweite Band von Mentales Training im Leistungssport ist im September 2021 erschienen.von Kai Engbert und Tom Kossak Foto: © Neuer Sportverlag

Dr. Kai Engbert hat zwei Bücher mit dem Titel "Mentales Training im Leistungssport" verfasst.

Der erste Band ist als Übungsbuch für den Schüler- und Jugendbereich konzipiert. Er umfasst 160 Seiten plus zahlreiche Arbeitsblätter zum Download. Die zweite Auflage ist zum Preis von 19,50 Euro erhältlich. Im Spätsommer ist der zweite Band erschienen. Er richtet sich als Praxisbuch an Sportler, Trainer und Eltern.

Der zweite Band von "Mentales Training im Leistungssport" umfasst 260 Seiten plus 99 Arbeitsblätter zum Download. Das Buch kostet 29,90 Euro. Beide Titel gibt der Neue Sportverlag heraus. "Wer gerne einen Blick über den Tellerrand wirft und kreativ ist, kann viele Tipps auch auf die Prüfungsvorbereitung oder auf berufliche Wettkämpfe im Handwerk übertragen", ist Dr. Kai Engbert überzeugt.

 

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Text: / handwerksblatt.de