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HWK Trier | April 2026
Handwerk in der Region Trier: Solide Basis, verhaltene Stimmung
Die Konjunktur im Bezirk der Handwerkskammer Trier bleibt stabil, die Betriebe blicken vorsichtig, aber zuversichtlich nach vorn.
Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser, Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) (Foto: © Wilfried Meyer)
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April 2026
15 Jahre lang stand Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser an der Spitze des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) in Bonn. Im Interview mit dem DHB zieht er eine Bilanz seiner Amtszeit und erklärt, warum die berufliche Bildung neu ausgerichtet werden müsste.
DHB: Professor Esser, was hat das BIBB unter Ihrer Leitung in den vergangenen 15 Jahren erreicht?
Esser: Ich habe das BIBB gemeinsam mit den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen zu einem modernen Institut ausgebaut, das mit dem Umzug im Jahr 2023 zum ersten Mal alleine in einem eigenen, repräsentativen Gebäude untergebracht ist. Wir haben die Organisationsstrukturen verändert. Sie orientieren sich weniger an der Denke einer Behörde, sondern an der eines Betriebs. In dieser Kultur der Kundenorientierung warten wir etwa nicht darauf, dass wir beauftragt werden, sondern schauen selbst, wo Bedarfe bestehen. Das ist wichtig, um im Wettbewerb der Institute bestehen zu können.
Während meiner Amtszeit ist das BIBB mobiler und digitaler geworden. New Work ist hier als wichtiges Stichwort zu nennen. Wissenschaftliches Arbeiten erfordert Phasen der Ruhe und des Rückzugs, aber als innovative Organisation brauchen wir auch das gemeinsame Diskutieren und Überlegen in einer modernen Bürolandschaft. Mit Blick auf die Erfahrungen aus der Corona-Zeit und in Vorbereitung auf unseren Umzug haben wir Regeln geschaffen, wie sich Homeoffice und Präsenzphasen produktiv miteinander vereinbaren lassen.
Das BIBB hat sich ebenso bei den strategischen Kennziffern weiterentwickelt. Beispielhaft wären hier zu nennen: 2011 lag der Grundhaushalt bei 30,7 Millionen Euro. 2026 sind wir bei 72,3 Millionen Euro. Im selben Zeitraum sind die Programmmittel von 146 auf 355 Millionen Euro gewachsen. Auch die Zahl der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen hat zulegt – von 614 auf aktuell 858.
DHB: Welche Projekte oder Initiativen haben Sie mit dem BIBB initiiert?
Esser: Da wäre einiges zu nennen. Hervorheben möchte ich jedoch meine Herzensangelegenheit, den Deutsche Qualifikationsrahmen (DQR), aber auch die Anerkennung von im Ausland erworbenen Berufsqualifikationen sowie die internationale Berufsbildungskooperation GOVET. Eine überaus spannende Geschichte war auch die Initiative "Berufsbildung 4.0": Durch die Digitalisierung haben sich die Anforderungen an berufliche Qualifizierung verändert. Wir haben sehr frühzeitig versucht, das Wissen von den Industriebetrieben, die diese Entwicklung insbesondere nach 2010 vorangetrieben haben, in die kleinbetrieblichen Strukturen zu transferieren und spezielle Förderungen anzuregen. Davon haben etwa die überbetrieblichen Bildungseinrichtungen des Handwerks profitiert.
DHB: Welche Bildungsministerin hat die berufliche Bildung während Ihrer Amtszeit am weitesten vorangebracht?
Esser: Es steht mir nicht zu, die Arbeit einer Ministerin öffentlich zu bewerten. Dennoch möchte ich zwei Personen nennen, die bedeutende bildungspolitische Impulse gesetzt haben beziehungsweise gerade setzen. Annette Schavan hat uns bei der Entwicklung des DQR sehr unterstützt und das Portal zur Anerkennung von im Ausland erworbenen Qualifikationen mit auf den Weg gebracht. Ebenfalls hervorzuheben ist die aktuelle Bundesbildungsministerin Karin Prien. Sie hat sich in dieser Legislaturperiode zum Ziel gesetzt, die Verrechtlichung des DQR umzusetzen. Damit dürfen wir ein Gesetz erwarten, welches die Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung operationalisiert. Das ist ein tolles bildungspolitisches Signal – gerade für das Handwerk. Außerdem traue ich ihr zu, dass sie dringend notwendige strukturelle Veränderungen im Berufsbildungssystem anstößt, damit sich die berufliche Bildung den neuen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen anpasst, so dass sie flexibler, inklusiver und exzellenter wird.
Foto: © Wilfried MeyerDHB: Sie regen eine Neuausrichtung der beruflichen Bildung an. Welche Gründe gibt es dafür?
Esser: Die vergangenen Jahrzehnte waren in Deutschland sehr von Stabilität, dem Stolz auf das alte "Made in Germany" und dem Festhalten am vermeintlich Guten geprägt. Wohin das führt, sehen wir aktuell am Beispiel der Automobilindustrie, die weltweit Marktanteile verloren hat, weil sie sich an eine veraltete Technologie wie den Verbrenner klammert. In Zeiten, die von einer Pandemie, von Kriegen und wirtschaftlichen Unsicherheiten geprägt sind, brauchen wir aber den Willen zur Veränderung, mehr Experimentierfreude und damit auch mehr Fehlertoleranz, Deregulierung und eine stärkere Eigenverantwortung der Unternehmer. Deshalb müssen wir uns auch in der beruflichen Bildung vom Korsett der vielen Vorschriften und Regeln befreien.
DHB: Wie sähe ein schlankeres Berufsbildungssystem nach Ihrer Vorstellung aus?
Esser: Für die Aus- und Fortbildungsordnungen sollte man nur noch ganz grobe Strukturen schaffen, die alle zehn bis 15 Jahre erneuert werden. Stattdessen würde ich die Inhalte der Ausbildungs- und Fortbildungsrahmenpläne auf eine untergesetzliche Ebene ausgliedern und sie in Berufebaukästen integrieren. Damit hätten wir überschaubare, modulare Einheiten, die den Wertschöpfungsketten der jeweiligen Berufe folgen. Diese ließen sich leichter – selbstorganisiert von der Wirtschaft – ändern sowie digital und didaktisch-methodisch unterfüttern.
DHB: Das klingt stark nach den eher misstrauisch beäugten Teilqualifizierungen ...
Esser: Auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt gibt es eine gewisse Diskrepanz: In den kommenden zehn Jahren scheiden die Babyboomer aus dem Berufsleben aus, was den Fachkräftemangel verschärft. Auf der anderen Seite strömen 250.000 Schulabgänger und Schulabgängerinnen pro Jahr ins Übergangssystem, und wir haben rund drei Millionen Menschen unter 35 Jahren ohne Berufsabschluss. Es muss uns gelingen, dieses Potenzial für den Arbeitsmarkt zu heben.
Dazu gehört, dass wir eine nachfrage- beziehungsweise kundenorientierte Haltung einnehmen müssen, uns also nach denjenigen richten, die zu qualifizieren sind. Bei der Wissensvermittlung gälte dann das Prinzip aus der Werkstattdidaktik: vom Einfachen zum Schweren. Ausbildungsbausteine könnten jungen Menschen, die bislang überwiegend negative Lernerfahrungen gemacht haben, den Einstieg erleichtern und ihnen das Selbstvertrauen geben, den ganzen Weg bis zum Berufsabschluss schaffen zu können. Leider haftet den Teilqualifikationen aber das Stigma der Arbeitsagenturmaßnahme an. Deshalb müssen wir sie ins System holen – einem System der Berufebaukästen, in denen nicht zwischen Aus- und Fortbildung getrennt, sondern der Beruf ganzheitlich gedacht wird.
Zur PersonNach der Ausbildung zum Bäcker machte Friedrich Hubert Esser auf dem zweiten Bildungsweg sein Abitur. Er studierte Wirtschaftswissenschaften in Braunschweig sowie Betriebswirtschaftslehre und Wirtschaftspädagogik in Köln. 1989 begann seine berufliche Laufbahn an der Uni Köln – zunächst als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Wirtschafts- und Sozialpädagogik, an dem er 1997 promovierte. 1991 wechselte er zum Forschungsinstitut für Berufsbildung im Handwerk an der Universität zu Köln. Dort war er bis 2004 in unterschiedlichen Funktionen tätig, zuletzt als stellvertretender Direktor. Die Ernennung zum Honorarprofessor der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln erfolgte 2005. Am 1. November 2004 übernahm Friedrich Hubert Esser beim Zentralverband des Deutschen Handwerks in Berlin die Leitung der Abteilung "Berufliche Bildung". 2011 zog es den gebürtigen Grevenbroicher dann zurück ins Rheinland – zum Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) in Bonn. Nach 15 Jahren als Präsident des BIBB wird er Ende Juni 2026 in den Ruhestand gehen.
DHB: Verhältnismäßig viele junge Menschen, die im Übergangssystem landen oder keinen Berufsabschluss vorweisen können, haben einen Migrationshintergrund. Woran könnte das liegen?
Esser: Das ist aus meiner Sicht ein Problem, das alle betrifft – unabhängig von der Herkunft. Dazu eine Zahl: Rund 50 Prozent aller Jugendlichen weiß nicht, was sie nach der Schule machen soll. 50 Prozent! Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Die Kernphilosophie der allgemeinbildenden Schulen ist das Humboldt’sche Ideal einer zweckfreien Bildung. Das sollte man auch nicht zwingend abschaffen. Dennoch müssten wir darüber debattieren, was Bildung im 21. Jahrhundert auch hinsichtlich einer lebensweltlich geforderten Tüchtigkeit und Mündigkeit bedeutet und ob sie nicht auch den Anspruch erfüllen sollte, junge Menschen zu selbstständigen Gesellschaftsbürgern zu erziehen – etwa mit einer zielführenden Berufsorientierung. Diese Debatte um den Bildungsbegriff und die dahinterliegende Philosophie führen wir in Deutschland aber leider nicht. Damit bleibt unklar, was Schulen am Ende wirklich leisten sollen.
DHB: Wer könnte dazu beitragen, dass mehr Menschen mit Migrationshintergrund einen Schulabschluss machen und später vielleicht sogar ins Handwerk gehen?
Esser: Da sind zunächst die Schulen zu nennen. Dort bräuchten wir differenziertere Angebote und gemischte Teams aus Lehrkräften und Sozial- beziehungsweise Arbeitspädagogen mit entsprechendem kulturellem Know-how, die nicht nur eine kognitive, sondern auch eine emotionale Beziehung zu den Schülerinnen und Schülern aufbauen können. In puncto Sprachförderung könnten aber auch die Betriebe und die überbetrieblichen Bildungseinrichtungen des Handwerks einen wichtigen Beitrag leisten. Vokabeln lernt man am besten, indem man sie im täglichen Leben anwendet. Wenn ich jemandem in einer Backstube zeige, wie ich als Bäcker einen Teig verarbeite, dann lernt derjenige dabei in der Regel auch sehr schnell die Fachbegriffe. Dieses ganzheitliche Lernen – also die Mischung aus Psychomotorischem, Kognitivem und Emotionalem – ist die beste Form des Kompetenzaufbaus. Da sollten sich die Betriebe noch mehr zutrauen und in die Sprachförderung investieren. Allerdings sehe ich hier auch die Handwerksorganisationen in der Pflicht. In den Kammern, Kreishandwerkerschaften und Innungen sollte mehr hinsichtlich der Interessenvertretung für Menschen mit Migrationshintergrund getan werden.
DHB: Im September 2027 finden in Düsseldorf die EuroSkills statt. Was kann eine solche Veranstaltung für die berufliche Bildung bewirken?
Esser: Zunächst freut es mich als gebürtiger Rheinländer sehr, dass der Wettbewerb hier bei uns in NRW stattfindet. Wenn sich die Jugend aus Europa trifft, ist es zunächst ein kulturelles Großereignis. Deshalb steckt in diesem Event ein riesiges Marketingpotenzial: Sollte es gelingen, die EuroSkills richtig medial zu begleiten und viele junge Menschen aus Deutschland motivieren, bei den Wettkämpfen als Zuschauer dabei zu sein, könnten sie darüber nicht nur Wissenswertes über Berufe erfahren, sondern auch eine emotionale Verbindung zur beruflichen Bildung aufbauen und live miterleben, wie innovativ sie ist. Eine bessere Berufsorientierungsmaßnahme gibt es nicht.
Foto: © Wilfried MeyerDHB: Viele junge Menschen informieren sich in den sozialen Medien auch darüber, wie sie ihren beruflichen Werdegang gestalten können. Vor allem ältere Entscheider in Unternehmen, Kammern und Verbänden lehnen Plattformen wie Instagram oder Tiktok aber teilweise ab. Können wir uns dies heutzutage leisten?
Esser: Diese Ablehnung ist sicher nicht zeitgemäß. Es gab schon immer diese Gegensätze der Generationen. Zu meiner Zeit waren es lange Haare, der grüne Bundeswehrparka und Rockmusik, die die älteren Generationen provoziert haben. Nun sind es die sozialen Medien, die zwischen Jung und Alt polarisieren. Social Media lässt sich nicht mehr stoppen. Um kompetent darüber sprechen zu können, ist eine Auseinandersetzung mit diesen Entwicklungen zwingend notwendig. Deshalb brauchen wir eine fundierte Medienerziehung und einen gesellschaftlichen Diskurs darüber, wie man mit diesen Medien umgeht und welche Auswirkungen eine Technologie wie künstliche Intelligenz auf die Informationskultur und das Lernen hat. Zudem ist es essenziell, junge Menschen in Entscheidungspositionen zu integrieren, die diese Kanäle verstehen und anwenden können. Kurzum: Wer über Tiktok urteilt, sollte auch Tiktok können.
DHB: Ab Juli dürften Sie sehr viel Freizeit haben. Wie sehen denn Ihre Pläne für den Ruhestand aus? Der Senior Experten Service sucht doch immer neue Leute ...
Esser: Jetzt freue ich mich erst einmal darauf, nicht mehr so sehr vom Kalender bestimmt zu sein. Ansonsten werde ich weiter die Augen offenhalten und Kontakte pflegen. So ganz lossagen von der beruflichen Bildung möchte ich mich noch nicht. Gerne vergleiche ich meine Situation mit der eines Fußballprofis, der zwar aus dem aktiven Profigeschäft aussteigt, sicher aber noch nicht ganz vom Fußballspielen lassen wird. Eine Tätigkeit beim Senior Experten Service kann ich mir daneben dann gut vorstellen, wenn es passt.
Das Interview führten Dr. Rüdiger Gottschalk und Bernd Lorenz.
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