"Wir wollen ein starkes Handwerk"
Bei der Herbst-Vollversammlung des WHKT waren mit Mona Neubaur und Karl-Josef Laumann gleich zwei Minister zu Gast. Schwerpunktthemen waren die Fachkräftesicherung und die berufliche Bildung.
Aktuell sei es mit der deutschen Wirtschaft wie auch mit dem Handwerk in Nordrhein-Westfalen nicht zum Besten bestellt. "Die Konjunktur im Handwerk kommt nicht richtig in Schwung. Preissteigerungen, geopolitische Spannungen und Bürokratie belasten unsere Betriebe weiterhin. Gleichzeitig fehlen Fachkräfte an allen Ecken und Enden", stellte Berthold Schröder, Präsident des Westdeutschen Handwerkskammertags (WHKT), in seinem Bericht zur Lage des Handwerks bei der Herbstvollversammlung des Verbands in Aachen fest.
Die Fachkräftesicherung bleibe die zentrale Aufgabe der kommenden Jahre. Bildung sei dazu der Schlüssel zum Erfolg – und besonders die Berufsbildung. "Die duale Ausbildung darf nicht als Alternative zweiter Ordnung verstanden werden. Berufliche und akademische Bildung müssen gleichwertig sein", sagt Schröder. Das Handwerk wolle junge Menschen schon in der Schule ansprechen und für sich werben. Die Pläne der Landesregierung, die berufliche Orientierung an allen Schulen zu verbessern sei deswegen zu begrüßen.
WHKT fordert Drittelfinanzierung
Ein wichtiger Baustein für die Fachkräftesicherung sei auch die überbetriebliche Lehrlingsunterweisung (ÜLU). Schröder: "Immerhin gewinnt das Handwerk seinen Nachwuchs vorwiegend aus der eigenen Ausbildung." Der WHKT fordert hier eine verlässliche Drittelfinanzierung durch Handwerk, Land und Bund. Denn gerade kleine und mittlere Betriebe könnten Ausbildung nur dann dauerhaft leisten, wenn die Ausbildungsinfrastruktur funktioniert und die Kosten fair verteilt werden.
Internationale Fachkräfte könnten auch ein Teil der Lösung sein. Hierbei gelte es, die Betriebe beim komplexen Prozess der Erwerbsmigration zu unterstützen. Das "Welcome Center KMU – Rheinisches Revier" sei ein vielversprechendes Projekt. Schröder forderte solche "Unterstützungsstrukturen" flächendeckend auszubauen, "damit das Fachkräftepotenzial an dieser Stelle nicht verpufft". Weitere wichtige Themen seien die Ausweisung von Wirtschaftsflächen, schnellere Planungs- und Genehmigungsverfahren, eine realistische Energiepolitik, die Berücksichtigung des Mittelstands bei öffentlichen Vergaben und die Entlastung der Betriebe durch Bürokratieabbau.
Zwei Minister zu Gast
Im weiteren Verlauf der Sitzung waren NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubar (Grüne) und Landesarbeitsminister Karl-Josef Laumann zu Gast. Vergleiche man die berufliche mit der akademischen Bildung, gebe es immer noch "Ungerechtigkeiten", erklärte Neubaur. Für die von Schröder angesprochene ÜLU versprach sie dem Handwerk die Unterstützung der Landesregierung. "Wir versuchen, das Unsrige zu tun", so die Ministerin.
Die von NRW angestoßene Initiative im Bundesrat für einen gesetzlichen Mutterschutz für selbstständige Frauen sei ein zusätzlicher Beitrag für die Fachkräftesicherung. Für viele Handwerksbetriebe gelte es Nachfolger zu finden. "Deswegen können wir es uns schlichtweg nicht leisten, Dinge zu ignorieren, die Frauen davon abhalten, sich selbstständig zu machen." Die nordrhein-westfälische Landesregierung setze sich weiter dafür ein, dass der Mutterschutz auf Bundesebene entsprechend verbessert wird.
"Wir haben viel erreicht"
"Wir haben für die berufliche Bildung in den letzten Jahren dieser Legislaturperiode viel erreicht", betonte Laumann. Vor zehn Jahren sei es noch undenkbar gewesen, dass mehr junge Menschen in Deutschland und auch in NRW eine Ausbildung beginnen als ein Studium. Dazu hätten sowohl eine bessere Berufsorientierung in allen Schulen als auch verschiedene Maßnahmen für den Übergang von Schülern in den Beruf beigetragen. Dazu gehörten auch mehr Praktika, über die schließlich viele neue Ausbildungsverträge zustande kämen.
"Wir wollen ein starkes Handwerk haben mit guten Arbeitsplätzen und einer sehr guten Berufsausbildung", so Laumann. Skeptisch sei er, wenn es um zusätzliche finanzielle Mittel für die Berufsbildung geht. "Wir geben im Landeshaushalt mittlerweile 44 Milliarden für Bildung aus. Es gibt kein Land in Deutschland, wo der Anteil im Haushalt für Bildung so hoch ist." Nicht alle Probleme seien allein mit Geld zu lösen. Ein wichtiger Fortschritt sei jedoch, dass der Meisterbrief für junge Menschen im Handwerk in der Regel voll staatlich finanziert sei.
Kompromisse als Stärke begreifen
Beide Minister äußerten sich auch zum Erstarken der politischen Ränder in Deutschland und zur Sicherung der Demokratie. Politik müsse Kompromisse als Stärke begreifen, forderte Laumann. Wahlkämpfe müssten so geführt werden, dass demokratische Zusammenarbeit danach möglich bleibe. Dabei dürfe die Politik nicht mehr versprechen, als sie anschließend halten könne. Andernfalls verliere sie Vertrauen. Die soziale Marktwirtschaft sei Grundlage für Wohlstand und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Wirtschaftliche Stärke sei auch nötig, um soziale Leistungen zu finanzieren. "Ohne wirtschaftliche Stärke wird Deutschland nicht demokratisch bleiben."
Parteien müssten stärker mit Menschen verbunden sein, die in Vereinen, Feuerwehr, Sport, Kultur und Gemeinden aktiv seien, so Neubaur. Politik müsse zuerst dem Land dienen, dann erst der Partei. Auch sie sprach die Kompromissfähigkeit der Parteien an, die sich auf wichtige gemeinsame Vorhaben verständigen können müssten, um sie dann auch über mehrere Wahlperioden hinweg umzusetzen. Wachstum und gute Investitionsbedingungen könnten Zukunftsängste verringern. Viele Menschen hätten den Eindruck, Lasten würden ungerecht verteilt. Dieser Eindruck sei zum Teil berechtigt. Demokratische Parteien müssten darauf mit glaubwürdigen Perspektiven antworten.
DHB jetzt auch digital!Einfach hier klicken und für das digitale Deutsche Handwerksblatt (DHB) registrieren!
Text:
Lars Otten /
handwerksblatt.de
Kommentar schreiben