Schier endlos geschwungene schmale Landstraßen, von Trockensteinmauern gesäumte Felder und Wiesen, wo vor allem Schafe grasen und die Hektik des großstädtischen Manchesters weit weg ist: ein Besuch in den Yorkshire Dales auf den Spuren der Brontës.
Der Schnee knirscht unter den Stiefeln, schlammig geht’s durch Tauwasser zur Old Gang Lead Smelting Mill. Wo früher Blei geschmolzen wurde, öffnet sich das Herz von Catherine Earnshow für ihre große Liebe Heathcliff. Im Torbogen der alten Mill taucht er im Nebel auf, nach Jahren der Entbehrung und des Alleinseins.
"Wuthering Heights" basiert auf dem Roman von Emily Brontë (1818 bis 1848) aus dem Jahr 1847. Inmitten der faszinierenden Yorkshire Dales, die ihre Härten wie Wind und gefrorene Böden besonders im Februar zeigen. Hier lebte die Autorin Emily mit ihren Schwestern und ihrem versoffenen Bruder ein durchaus hartes Leben. Die Regisseurin Emerald Fennell soll vom Romanstoff geradezu besessen gewesen sein, so dass sie es wagte, die mittlerweile zehnte Adaption von Wuthering Heightsanzugehen.
Catherine wird von Barbie-Darstellerin Margot Robbie gespielt, Heathcliff von Jacob Elordi. Ein Traumpaar des modernen Films, das niemals so richtig zusammenkommt. Statusdenken, Egoismen, Intrigen verhindern das Happy End einer leidenschaftlichen Liebe. Wie immer bei Filmkritik und erst recht bei Literaturverfilmungen gehen die Meinungen über das neue Film-Werk weit auseinander – die Kulturredakteurin vom Guardian war richtig gelangweilt und vermisste die Sozial- und Gesellschaftskritik aus der Feder Emily Brontës. Nicht minder hart geht der Independent ins Gericht. Einerseits, andererseits – die Redaktion sei tief gespalten.
Wie dem auch sei, die Kinobesucher sind geflasht, aufgelöst, atemlos und fasziniert nicht nur von dem Filmpaar, sondern auch von den gewaltigen Bildern, die Regisseurin Fennell wunderbar inszeniert und immer wieder großartig überzeichnet. Man betrachte nur die Wanddekoration in den Räumen des reichen Nachbarn, den Kamin im neuen Heim von Catherine oder auch ihre unglaublichen Kleider und ihren eigenwilligen Schmuck, die Schlussszene mit den Blutegeln.
Die Old Gang Lead Smelting Mill ist nur einer der Drehplätze des Films, die schwarzen Felsen weit oberhalb der Blei-Mühle dienten vor gut einem Jahr als Drehort für die heimlichen Begegnungen von Cath und Heathcliff, die schon als Kinder ihre Liebe einander erklärten hatten. Der trinkfreudige Vater von Catherine, Martin Clunes als Mr. Earnshaw, reibt sich die Hände, als der neu angekommene, reiche Emporkömmling Edgar Linton, gespielt von Shazad Latif, der schönen Tochter Catherine den Hof macht. Viele unglückliche und menschlich schwache Charakter-Abgründe reißen Catherine und Heathcliff auseinander und bringen die junge Frau in die Arme von Edgar. Unüberzeugt und ohne Liebe, denn die wahre Liebe gilt allein Heathcliff, der das Weite sucht und für Jahre verschwindet, bis er in einem nebligen Moment im Torbogen der Mill wieder auftaucht. Romeo und Julia aus Verona, Jan und Griet aus dem spätmittelalterlichen Köln oder Diego und Isabel aus dem spanischen Teruel – der Stoff der nicht erfüllten Liebe ist immer wieder beliebt bei Machern und Publikum.
In Simonstone Hall haben die Schauspieler und ein Teil der Crew genächtigt, einem typisch britischen Landsitz mit Pfauen und einem Gemäuer, das einen in alte Zeiten versetzt. Margot und Jacob liebten den Aufenthalt dort so sehr, dass sie privat zurückkehrten. Mit Hunden und Ehemann. Die Küche exzellent, das Frühstück in britischer Perfektion, an der Bar soll so mancher Drink für die Filmcrew geflossen sein.
Die Fahrt durch die Yorkshire Dales führt einen durch schier endlos geschwungene schmale Landstraßen, die Trockensteinmauern säumen die Felder und Wiesen, wo vor allem Schafe grasen und die Hektik des großstädtischen Manchesters weit weg ist. Hier lebt die Kultur des Vertrauens, erzählt der Fahrer der Yorkshire-Dale-Tours. Die Häuser werden genauso wenig abgeschlossen wie die Pickups vor der Tür.
Im Green Dragon Inn unweit des Örtchens Hawes leben die Einwohner der Dales das typische englische Publeben bei einem guten Essen und leckeren Pints. Ob Margot und Jacob hier ihre Filmarbeiten nachgesprochen haben, bleibt ihr Geheimnis. Die Filmcrew hat auf jeden Fall einen Ausflug zum Hardraw Force gemacht, wo einst Kevin Costner angeblich nicht bekleidet als Robin Hood hinter dem riesigen und tosenden Wasserfall verschwand, begleitet von den Blicken von Maid Marian, die von der Schauspielerin Mary Elizabeth Mastrantonio gespielt wurde. Zumindest dieses Filmepos, oskarprämiert, findet ein glückliches Ende – aber das ist wahrlich eine andere Liebesgeschichte.
Bleibt abzuwarten, ob der Filmstoff der Wuthering Heights den Kassensturm befördert und den Megaerfolg von der Barbie-Verfilmung mit Margot Robbie einholt.
Infos und Tipps rund um die Yorkshire DalesMit dem Rad Vielleicht nicht im Februar, dafür aber umso mehr ab Ostern empfiehlt sich eine Radtour durch die Yorkshire Dales. Das Dales Bike Center verleiht sie ab der einfachen Ausführung für rund 45 Pfund pro Tag. Ein nettes Café im Center verspricht leckere Sandwiches und verschiedene Suppen und ein reiches Kuchenangebot. ℹ️ dalesbikecentre.co.uk
Mit der Dampflok Von der Industriestadt Keighley geht es mit einem historischen Dampfzug und viel Qualm in den Norden des Brontë-Landes. Die Strecke verbindet Keighley mit Oxenhope. Der zentrale Halt ist Haworth, wo die Brontës lebten. Acht Kilometer, die eigentlich viel zu schnell vergehen, geben einem das atmosphärische Gefühl des 19. Jahrhunderts. So muss Charlotte Brontë mit ihren Schwestern gereist sein. ℹ️kwvr.co.uk
Elizabeth Gaskell's House Hier entstand die besondere Freundschaft zwischen Charlotte Brontë und Elizabeth Gaskell, zwei der größten viktorianischen Schriftstellerinnen. Der Besuch des Hauses ist ein Erlebnis, nicht nur wegen seiner besonderen Einrichtung und Farbgebung des Interieures. Es heißt, Charlotte – scheu vom Wesen – habe sich vor Besuchern hinter den Vorhängen versteckt. Das Haus – circa zwei Kilometer von Manchesters Zentrum entfernt – ist an drei Tagen, Mittwoch, Donnerstag und Sonntag, geöffnet, Buchungen übers Internet sind dringend angeraten. Einlass ist von 11 bis 15 Uhr. ℹ️ elizabethgaskellhouse.co.uk
Mitten in der Partymeile Das Leven ist ein sehr empfehlenswertes Hotel. Es gibt verschiedene Kategorien von Räumen, etwa das Living Space mit eigenem Wohnzimmer, Küche und Badewanne im Zimmer. Typische Industriearchitektur gemauert mit den berühmten Bricks, großen Fenstern und provokanter Kunst. Die Preise sind fair, das Frühstück gibt es im Restaurant Maya. ℹ️liveleven.com
Zwei Tipps zum Schluss 1️⃣ In Haworth kann der Besucher der ehemaligen Post sehr gut essen. An einem Ort, wo die Brontë-Familie ihre Manuskripte nach London verschickte. The Old Post Office Haworth bietet auch Gästezimmer. ℹ️ hawortholdpostoffice.co.uk
2️⃣ Im ehemaligen Wohnhaus der Familie Brontë wandelt der Besucher auf den Spuren der schreibenden Familie. Alles ist zu sehen, typische Kleidung aus Emilys Zeit, das unordentliche Zimmer des Bruders, daneben die viktorianische Idylle einer klassischen Bürgerfamilie aus Haworth. Das Brontë Parsonage Museum. ℹ️ bronte.org.uk
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