"Bildung ist Schlüsselfrage für unser Land"

Hanns-Eberhard Schleyer war nach der Wiedervereinigung im Jahr 1990 Generalsekretär des Zentralverbands des Deutschen Handwerks. Im Interview blickt Schleyer zurück.

Handwerk
Hanns-Eberhard Schleyer in seinem Büro in Berlin-Mitte. Foto: © Georg J. Lopata

Kurz vor seinem 73. Geburtstag treffen wir Hanns-Eberhard Schleyer in Berlin. Als Generalsekretär des Zentralverbands des Deutschen Handwerks hat er das Handwerk nach der Vereinigung 1990 stark geprägt und entscheidende Weichen für die Mittelstandspolitik gestellt.

Herr Schleyer, Sie stehen kurz vor Ihrem 73. Geburtstag, wir können aber in Ihnen keinen Ruheständler sehen …

Schleyer: Die Zahl der Aktivitäten hat eher noch zugenommen. Aber so intensiv wie als ZDH-Generalsekretär ist der Arbeitstag heute nicht mehr. Doch ich weiß heute freie Plätze im Terminkalender zu schätzen – und zu nutzen.

Deutschlands Zukunftsthemen: Bildung, Digitalisierung, Bürokratieabbau

Was erwarten Sie als erfahrener Beobachter von der künftigen Bundesregierung besonders mit Blick auf Handwerk und Mittelstand?

Schleyer: Unabhängig von der farblichen Konstellation liegen drei Themen auf der Hand: Wir müssen mehr in Bildung investieren, nicht nur Geld. Das ist eine Schlüsselfrage für unser Land. Gerade auch die Menschen, die zu uns gekommen sind, müssen wir integrieren und ausbilden – auch mit Blick auf den inneren Frieden. Für das Handwerk ist ein ganzheitlicher familien- und bildungspolitischer Ansatz mit Blick auf die Ausbildungslücke besonders wichtig.

Hanns-Eberhard Schleyer (Mitte) im Interview mit Michael Block (links) aus der Handwerksblatt-Chefredaktion und Jörg Diester, Leiter der Pressestelle bei der Handwerkskammer Koblenz. Foto: © Georg J. LopataUnd das zweite Thema ...

Schleyer: ... ist Digitalisierung und Infrastruktur. Die öffentliche Verwaltung darf Bürgern und Wirtschaft nicht immer wieder hohe Anforderungen abverlangen, ohne selbst entsprechend aufgestellt zu sein. Eine schnelle und effiziente Verwaltung ist auch ein gewichtiger Standortvorteil. Es war sicherlich richtig, die ausufernden Staatsschulden in den letzten Jahren zurückzuführen. Aber wir haben in Zeiten voller Kassen zu wenig für die Infrastruktur getan. Im Bereich der IT, von Straßen, Schulen und anderen öffentlichen Infrastruktureinrichtungen muss mehr passieren.

Dann bleibt noch Thema drei ...

Schleyer: Der Bürokratieabbau. Wir haben im Normenkontrollrat Instrumente geschaffen, gegen massive Widerstände, aber auch mit Hilfe der Kanzlerin und des Vizekanzlers, zu effizienteren und kostengünstigeren Strukturen zu kommen. Jedes Gesetz etwa wird heute nach drei bis fünf Jahren auf Kosten und Zielerreichung hin überprüft. Kosten der Wirtschaft müssen an anderer Stelle durch die "one in, one out"-Regelung ausgeglichen werden.

Konnten Sie mit Ihrer inzwischen sechsjährigen Arbeit in diesem Gremium dem Mittelstand helfen?

Schleyer: Die Belastung durch Informationspflichten der Wirtschaft wurde um netto 13 Milliarden Euro reduziert. Das ist doch ein Wort. Und jedes Gesetz muss durch den sogenannten KMU-Test.

1990: Wir schaffen das – gemeinsam

Blicken wir zurück: Was war Ihre eindrucksvollste Begegnung als ZDH-Generalsekretär – und warum? Was genau ist da passiert?

Schleyer: Das war Zwickau am 21. Juni 1990, die Wiedervereinigung von Handwerk in Ost und West. Für mich war es besonders bewegend, in einem riesigen Saal mit Handwerkern aus ganz Deutschland am Schluss das Lied der Deutschen zu singen. Das war ein großartiger Moment, wo wir alle überzeugt waren, wir schaffen das - gemeinsam.

Die Industrie hat die neuen Bundesländer damals als Absatzmöglichkeiten gesehen. Im Handwerk war das anders. Hier gab es eine starke Solidarität, Hilfestellung und Unterstützung zwischen den Betrieben und den Handwerksmeistern aus Ost und West. Das waren keine Wettbewerber, sondern Gemeinschaften, die etwas bewegen wollten. Das galt auch für die Kammern in Ost und West.

Im Kuratorium der Deutschen Stiftung Denkmalschutz machen Sie sich für den Erhalt alter Gebäude stark – einer von ganz vielen Bereichen in unserer Gesellschaft, in dem ohne das Handwerk nichts geht …

Schleyer: Genau. Natürlich sind diese Bauten auch Teil unserer Geschichte, und wenn wir nicht wissen, was wir alles geleistet und geschafft haben und uns dazu auch nicht bekennen, wie soll dann das Fundament einer Zukunft ausschauen? Wollen wir uns nur noch in virtuellen Welten bewegen?

 

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