"Wertschätzung entscheidet"
Was macht Arbeitgeber attraktiv? Welche Faktoren sorgen für die Bindung von Mitarbeitern? Diese Fragen hat Alina Kamperschroer wissenschaftlich untersucht.
Alina Kamperschroer (28) ist Quereinsteigerin: Nach der Schule machte sie zunächst eine Ausbildung zur Krankenpflegerin, war kurz im Ausland und entschied sich dann um. Der Einstieg in den Handwerksbetrieb ihres Vaters Michael Kamperschroer war »immer im Hinterkopf«. 2019 begann sie im Büro und startete nach dem ersten Jahr ein berufsbegleitendes Betriebswirtschaftsstudium (Bachelor of Arts). Heute ist sie Prokuristin und kaufmännische Leiterin der Kamperschroer Tischlerei und Ladenbau in Borken. Die Perspektive ist die spätere Übernahme. Einen genauen Zeitpunkt gibt es noch nicht, aber der Wunsch besteht in beiden Generationen – irgendwann in den nächsten zehn Jahren. Für ihre Bachelor-Arbeit hat sie sich mit Mitarbeiterbindung in kleinen und mittleren Unternehmen beschäftigt. Insgesamt nahmen rund zehn Baubetriebe an ihrer Online-Umfrage für die Analyse teil, alle aus dem Handwerk. Etwa 350 Angestellte antworteten.
DHB: Warum haben Sie sich in Ihrer Bachelor-Arbeit ausgerechnet mit Arbeitgeberattraktivität und Mitarbeiterbindung beschäftigt?
Kamperschroer: Ich konnte das Thema frei wählen und beschäftige mich im Betrieb ohnehin viel mit Personalfragen. Mitarbeiterbindung in kleinen und mittleren Unternehmen ist ein sehr relevantes Thema, weil der Großteil der Handwerksbetriebe genau dazu gehört. Außerdem fand ich spannend, wie unterschiedlich verschiedene Generationen im Betrieb ticken.
DHB: Was ist die wichtigste Erkenntnis?
Kamperschroer: Mitarbeiterbindung ist kein einmaliges Projekt, sondern ein stetiger Prozess. Als Führungskraft muss man offen bleiben, zuhören und sich immer wieder anpassen. Besonders wichtig war für mich die Erkenntnis, dass emotionale Faktoren Mitarbeitende oft stärker binden als Geld oder rein rationale Aspekte.
DHB: Sie schreiben, dass Arbeitgeberattraktivität und Mitarbeiterbindung eng zusammenhängen. Woran merkt man im Betriebsalltag, ob ein Betrieb attraktiv ist?
Kamperschroer: Das ist schwer messbar, aber man spürt es im Alltag. Ein gutes Zeichen ist zum Beispiel, wenn Mitarbeitende den Betrieb weiterempfehlen oder stolz erzählen, wo sie arbeiten. Attraktivität und Bindung hängen eng zusammen: Wer sich wohlfühlt, bleibt eher.
DHB: Besonders stark betonen Sie die emotionale Bindung. Was verstehen Sie darunter – und warum ist sie generationenübergreifend so entscheidend?
Kamperschroer: Emotionale Bindung ist das Gefühl, das Mitarbeitende gegenüber dem Unternehmen und den Menschen darin entwickeln. Man kann sie nicht direkt sehen, aber man nimmt sie wahr: Gehe ich gern zur Arbeit? Fühle ich mich respektiert? Gibt es ein harmonisches Miteinander? Diese Faktoren sind generationenübergreifend entscheidend.
DHB: Wertschätzung fällt oft als Begriff. Was ist für Mitarbeiter echte Wertschätzung – und was wirkt eher wie eine Floskel?
Kamperschroer: Wertschätzung ist sehr individuell. Für manche reicht ein ehrliches Danke oder ein Schulterklopfen. Andere wünschen sich mehr Gespräche, Anerkennung oder auch mal eine kleine Geste. Entscheidend ist, dass die Leistung nicht als selbstverständlich angesehen wird.
DHB: Welche Rolle spielt Teamzusammenhalt gerade im Baugewerbe, wo häufig Zeitdruck herrscht?
Kamperschroer: Gerade auf der Baustelle spielt das eine große Rolle, weil oft Zeitdruck herrscht. Dann ist es wichtig, ruhig zu bleiben, respektvoll miteinander umzugehen und zusammenzuarbeiten. Ein gutes Team hilft auch, stressige Phasen besser zu bewältigen, selbst wenn ein dummer Spruch fällt.
DHB: Sie nennen flexible Arbeitszeiten als wirksamen Bindungsfaktor. Was ist realistisch machbar?
Kamperschroer: Natürlich gibt es im Handwerk Grenzen, weil Homeoffice oder Remote Work kaum möglich sind. Aber man kann Ausgleich schaffen: zum Beispiel flexible Lösungen bei Hobbys, Arztterminen oder familiären Verpflichtungen. Es geht darum, Spielräume zu schaffen.
DHB: Wo unterscheiden sich die Generationen stark?
Kamperschroer: Jüngere Mitarbeitende trennen Beruf und Privatleben oft stärker. Ältere Generationen sind meist stärker an klare Strukturen und Hierarchien gewöhnt. Jüngere hinterfragen mehr und wünschen sich mehr Mitbestimmung. Trotzdem kommt vieles am Ende wieder zusammen.
DHB: Und was ist über alle Generationen hinweg erstaunlich ähnlich wichtig?
Kamperschroer: Ganz klar: Wertschätzung, gesehen werden, Lob und ein respektvoller Umgang. Kritik wird akzeptiert, solange sie fair und angemessen formuliert ist.
DHB: Sie sprechen auch von transparenten Entwicklungsmöglichkeiten. Wie kann das konkret aussehen?
Kamperschroer: Im Handwerk kann das über klare Kriterien laufen, etwa bei der Frage, wer vom Betrieb bei der Meistervorbereitung unterstützt wird, was gezielt gefördert wird. Auch Azubis kann man Perspektiven geben, etwa durch Hilfe beim Führerschein oder durch klare Gespräche über den weiteren Weg.
DHB: Sie möchten später den Betrieb Ihres Vaters übernehmen. Was nehmen Sie aus Ihrer Arbeit für Ihre eigene Führungsrolle mit?
Kamperschroer: Ich möchte die Tradition meines Vaters weiterführen, denn der Betrieb ist nicht ohne Grund erfolgreich. Gleichzeitig will ich moderne Ansätze einbringen. Wichtig ist mir eine faire, offene Führung und ein gutes Verhältnis zu den Mitarbeitenden. Die Rückmeldungen zur geplanten Übernahme sind bisher sehr positiv.
DHB: Was würden Sie Betrieben raten, die sagen: »Für große Maßnahmen fehlt uns Zeit und Geld« – aber die trotzdem Mitarbeitende halten wollen?
Kamperschroer: Zuhören und das Gespräch suchen. Regelmäßiger Austausch ist oft wichtiger als große finanzielle Maßnahmen. Mitarbeitende in Entscheidungen einzubeziehen, kleine Gesten wie ein Geschenk oder ein freier Tag – all das stärkt die emotionale Bindung. Es kostet vor allem Zeit und Aufmerksamkeit, aber nicht unbedingt viel Geld.
DHB jetzt auch digital!Einfach hier klicken und für das digitale Deutsche Handwerksblatt (DHB) registrieren!
Weitere Meldungen aus dem Bezirk der Handwerkskammer Münster
Text:
Vera von Dietlein /
handwerksblatt.de
Kommentar schreiben