Eine neue Welt im Tierpark der Superlative
Interview mit Steffen Patzwahl, Zoologischer Direktor von Pairi Daiza in Belgien
Foto: © Paira DaizaDHB: Wie viele Besucher hatte Pairi Daiza im Jahr 2025 und welches Ziel setzen Sie sich für das Jahr 2026?
Patzwahl: Mit fast 2,9 Millionen Besuchern, einem fast vollständig ausgebuchten Resort und außergewöhnlichen Geburten seltener Tiere war 2025 die erfolgreichste Saison in unserer Geschichte. Für uns ist dieser Erfolg jedoch kein Endpunkt, sondern eine große Verantwortung. In den nächsten 10 bis 20 Jahren wollen wir Pairi Daiza als einen Ort weiterentwickeln, an dem sich Tierwohl, Umweltschutz, immersives Storytelling und Gastfreundlichkeit gegenseitig verstärken. Dies wird in Form von neuen Welten und Resort-Erlebnissen geschehen. Dabei gilt das Prinzip: Kein Wachstum um des Wachstums willen, sondern eine Entwicklung, die einen positiv Beitrag zur Biodiversität und zur Beziehung zwischen Mensch und Natur leistet. Bei konkreten Prognosen für 2026 sind wir vorsichtig, da für uns Qualität immer vor Quantität steht. Die Zufriedenheit der Besucher und das Tierwohl stehen an erster Stelle. Das Pre-Opening unseres neuen Bereichs Edenya wurde sehr positiv bewertet, aber jedes zukünftige Wachstum muss verantwortungsvoll bleiben. Das bedeutet, dass wir nicht nur die Kapazitäten im Park, sondern auch Aspekte wie Mobilität, Zufahrt und die Vorabinformation der Besucher genau im Blick behalten.
DHB: Welcher Prozentsatz des Budgets fließt direkt in Artenschutzprojekte und wie viel wird für die Instandhaltung des Parks aufgewendet?
Patzwahl: Zu den genauen Kosten für die laufende Instandhaltung des Parks äußern wir uns grundsätzlich nicht. Ich möchte jedoch betonen, dass wir über unsere Pairi Daiza Foundation gezielt Gelder für den Artenschutz sammeln. Diese Stiftung konnte im Jahr 2025 eine Rekordzahl an Spendern und Zuwendungen verzeichnen. Dadurch war es uns möglich, fast zwei Millionen Euro direkt in insgesamt 75 wichtige Naturschutzprojekte weltweit zu investieren.
Foto: © Paira DaizaDHB: Wie viele Tierarten wurden im vergangenen Jahr bei Ihnen geboren und gab es eine Geburt, die für Sie besonders bedeutend war?
Patzwahl: Seit Beginn des Jahres 2026 konnten wir im Park mehrere Geburten von Arten verzeichnen, die einen sehr hohen Schutzwert auf der Roten Liste der Weltnaturschutzunion IUCN besitzen. Besonders hervorzuheben sind zwei Goldstumpfnasenaffen. Pairi Daiza ist die einzige Institution in Belgien und eine von ganz wenigen außerhalb Chinas, die diese seltene und bedrohte Art hält. Zudem freuten wir uns über zwei Vietnam-Fasanen, eine Art, die in freier Wildbahn als potenziell ausgestorben gilt. Ebenfalls geboren wurden zwei Bartgeier, die Teil eines erfolgreichen europäischen Wiederansiedlungsprogramms in Frankreich und Deutschland, unter anderem im Nationalpark Berchtesgaden, sind. Hinzu kamen vier Katta-Lemuren, eine stark gefährdete Lemurenart aus Madagaskar.
Foto: © Paira DaizaDHB: Was ist derzeit die größte wirtschaftliche Herausforderung für den Park?
Patzwahl: Die größte wirtschaftliche Herausforderung besteht darin, weiterhin auf einem sehr hohen Niveau in Tierwohl, Artenschutz, Energieeffizienz, Infrastruktur und das Besuchererlebnis zu investieren, während der Park gleichzeitig für möglichst viele Menschen bezahlbar bleiben muss. Pairi Daiza ist ein sehr langfristiges Projekt. Jedes neue Habitat, jede tiermedizinische Einrichtung und jede Verbesserung erfordert erhebliche Investitionen. Zudem sind die Kosten für Energie, Materialien, Tierfutter, Transport und spezialisierte Pflege in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Es geht uns also nicht nur um rein wirtschaftliches Wachstum, sondern um nachhaltiges Wachstum. Der Park muss sich so entwickeln, dass er finanziell gesund bleibt, die Tiere respektiert, nützlich für den Artenschutz ist und eine tiefe Bedeutung für die Öffentlichkeit hat. Diese Philosophie hat auch die Entstehung unseres neuen Bereichs Edenya und die Auswahl der dort verwendeten Materialien maßgeblich beeinflusst. Solche großen Bauwerke werden schnell zu massiven Energiefressern. Darum haben wir ein ehrgeiziges Konzept entwickelt, um den Energieverbrauch von Grund auf zu minimieren und natürliche Ressourcen zu schonen. Unsere Strategie basiert auf der Reduzierung des Verbrauchs, dem Einsatz effizienter Technologien und einer kontinuierlichen Überwachung. Edenya wurde wie ein lebender Organismus konzipiert: Das Herz schlägt im Rhythmus von Wärmepumpen, hybriden Lüftungssystemen und einem intelligenten Netzwerk, das Wärme auffängt und je nach Jahreszeit umverteilt. Das imposante Glasdach besteht aus 1.320 Tonnen Stahl, getragen von 25 Stahlbetonsäulen. Das Spezialglas isoliert fünfmal besser als herkömmliche Gewächshausgläser, lässt aber die lebensnotwendigen UV-Strahlen für Pflanzen und Tiere durch und verhindert eine Überhitzung. Dank der mit Photovoltaik-Paneelen überdachten Parkplätze stammt der benötigte Strom zu 100 Prozent aus Solarenergie. Auf dem 40.000 Quadratmeter großen Dach wird zudem Regenwasser gesammelt, in Tanks mit einer Kapazität von 1.400 Kubikmetern gespeichert und zur Bewässerung genutzt. Das Abwasser wird sorgfältig aufbereitet und über einen geschlossenen Wasserkreislauf kontinuierlich wiederverwertet, bevor es schließlich gereinigt in den Fluss Dender zurückgeleitet wird.
DHB: Welche Bereiche oder Gehege werden Sie in den nächsten zwei Jahren renovieren oder erweitert und was sind die Gründe dafür?
Patzwahl: Bei den anstehenden Investitionen wird die Mobilität ein zentraler Schwerpunkt sein. Geplant ist eine neue Straßenverbindung, die den Park direkt mit der Autobahn verknüpft. Zudem wird der Bahnhof Cambron-Casteau zwischen 2026 und 2028 komplett neu gestaltet. Dieses Projekt zielt darauf ab, den Park mit dem Zug leichter erreichbar zu machen und eine nachhaltige Lösung für die Verkehrsherausforderungen zu bieten. Auf der Südseite von Pairi Daiza wird ein zweiter Parkeingang entstehen, der direkt von zwei neuen, längeren Bahnsteigen aus zugänglich ist. Eine Unterführung mit Treppen und Rampen wird die Bahnsteige barrierefrei verbinden. Diese Umgestaltung setzt die Empfehlungen des Mobilitätsplans der Wallonischen Region um. Wir möchten unsere Besucher und Mitarbeiter aktiv dazu ermutigen, mit der Bahn anzureisen, indem wir ihnen eine direktere, sicherere und umweltfreundlichere Reise ermöglichen.
Foto: © Paira DaizaDHB: Welche neuen Technologien nutzen Sie, um das Tierwohl oder das Besuchererlebnis zu verbessern?
Patzwahl: Technologie wird bei uns nie zum Selbstzweck eingesetzt. Sie dient immer dazu, das Tierwohl, den Komfort der Besucher und die ökologische Verantwortung des Parks zu verbessern. Ein wesentlicher Teil dieses Ansatzes ist unser Ziel, unsere natürlichen Ressourcen unabhängiger zu verwalten und bis 2034 zu 100 Prozent grün zu sein. Ein wichtiger Meilenstein war hierbei der Start einer großflächigen Photovoltaikanlage über unseren Parkplätzen im Jahr 2019. Heute produzieren 93.786 Solarpaneele rund 39.800 Megawattstunden Ökostrom pro Jahr, was dem durchschnittlichen Jahresverbrauch von 11.350 Haushalten entspricht. Damit ist der Park vollständig energieautark und erzeugt einen erheblichen Überschuss an grünem Strom – im Jahr 2024 waren es rund 50 Prozent –, der in das öffentliche Netz eingespeist wird. Seit Januar 2023 ist zudem eine eigene biologische Kläranlage auf dem Gelände in Betrieb, die das Abwasser einer Kleinstadt von 10.000 Einwohnern ökologisch reinigen kann. Gleichzeitig optimieren wir kontinuierlich den Energieverbrauch und integrieren nachhaltige Technologien wie LED-Beleuchtung, Wärmetauscher, hocheffiziente Verglasungen, Wärmepumpen und Geothermie in neue sowie renovierte Projekte. Diese Technologien wirken sich direkt auf die Qualität der Lebensräume aus. In der Erlebniswelt "The Land of the Cold" wird beispielsweise die Kälteenergie der Pinguinfelsen wiederverwendet, um die Hotelzimmer des Resorts zu beheizen. Im gesamten Park wird modernste Technik genutzt, um Energie, Wasser und Geothermie täglich zu überwachen und stabile Bedingungen für Tiere, Besucher und Mitarbeiter zu schaffen. Das System unterstützt auch unsere Nachhaltigkeitsarbeit, wie die akribische Sortierung von rund 50 verschiedenen Abfallarten, die stark auf die Kooperation der Besucher setzt und zu einem saubereren Betrieb beiträgt.
DHB: Haben Sie Ihre Strategie nach den jüngsten gesellschaftlichen Debatten über Zoos und Aquarien in den letzten Jahren verändert?
Patzwahl: Die Debatten der letzten Jahre haben unsere grundlegende Mission nicht verändert, aber sie haben uns gezeigt, wie wichtig es ist, diese Mission klar zu erklären und unsere Arbeitsweise kontinuierlich zu verbessern. Wir sind uns bewusst, dass die Meinungen über Zoos und Aquarien polarisierter geworden sind. Einige Menschen sehen in Tieren unter menschlicher Obhut vor allem ein Problem, während andere die essenzielle Rolle erkennen, die moderne Artenschutzparks spielen können. Wir glauben, dass die beste Antwort auf diese Debatte nicht aus Slogans besteht, sondern aus harten Fakten, Transparenz und konkreten Ergebnissen. Die Rolle von Pairi Daiza besteht nicht einfach darin, Besuchern Tiere zu zeigen. Sie besteht darin, einen echten Beitrag zum Artenschutz, zur wissenschaftlichen Zusammenarbeit, zur Bildung und zum Tierwohl zu leisten. Unsere Richtlinien entwickeln sich auf der Basis von tierärztlicher Expertise, Verhaltensforschung, wissenschaftlichen Erkenntnissen und den sich ändernden Erwartungen der Öffentlichkeit ständig weiter. Das bedeutet, dass wir kontinuierlich in größere und komplexere Lebensräume, Verhaltensanreicherung, sorgfältige soziale Zusammenführungen, präventive Gesundheitsfürsorge sowie in die Teilnahme an europäischen und internationalen Zucht- und Wiederansiedlungsprogrammen investieren. Die Debate erinnert uns daran, dass wir transparent, streng und bescheiden bleiben müssen: Jede Entscheidung muss vor allem aus Sicht der Tiere und der Arterhaltung begründbar sein.
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Text:
Adrian Kulzer /
handwerksblatt.de
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