Nachhaltigkeit war bis vor wenigen Jahren noch eines der großen Themen in der Wirtschaftspolitik. Inzwischen haben die vielen geopolitischen Krisen die Lage verändert. Nachhaltigkeit ist nicht mehr Thema Nummer eins. Hohe Energiepreise, Lieferprobleme etwa bei Baustoffen und die Digitalisierung bestimmen den Alltag vieler Betriebe. Nachhaltigkeit wirkt da oft eher als eine zusätzliche bürokratische Belastung nach dem Motto "Was sollen wir denn noch alles tun?"
Steffen Pörner, Geschäftsführer beim Bankenverband NRW e.V. Foto: © Bankenverband NRW e.V.So denken vor allem diejenigen, die sich vor den Krisen noch nicht mit dem Thema beschäftigt haben, sagt Steffen Pörner, Geschäftsführer des Bankenverbandes Nordrhein-Westfalen. "Wer aber heute mit seiner Hausbank über Investitionen, Betriebsmittel oder Wachstum spricht, muss sich jedoch zunehmend auf Fragen zu Nachhaltigkeit und ESG einstellen."
ESG ist die Abkürzung für Environmental, Social and Governance, also Umwelt, Soziales und Unternehmensführung. Hintergrund ist die Umsetzung der europäischen ESG-Regulierung in Deutschland. Ob und wie sich ein Betrieb damit beschäftigt hat, kann Einfluss auf Kreditprüfung und Konditionen haben.
"Das Thema ist nicht weg, es ist nur aus dem Fokus raus", berichtet Steffen Pörner. Auf Einladung des NRW.Energy4Climate sprach der Bankenexperte über Nachhaltigkeit bei der Kreditvergabe.
Warum ESG für den Mittelstand relevant bleibt
Die EU hat mit der Verabschiedung des Omnibus-Pakets im Februar 2026 viele Pflichten zur Nachhaltigkeitsberichterstattung und zu Lieferkettensorgfaltspflichten deutlich entschärft. Die Richtlinie zur Unternehmens-Nachhaltigkeitsberichterstattung CSRD gilt nur noch für Unternehmen mit mehr als 1.000 Beschäftigten und mindestens 450 Millionen Euro Umsatz.
Alle andere Unternehmen entscheiden nun selbst, ob sie einen Nachhaltigkeitsbericht nach dem freiwilligen VSME-Standard (künftig VS) erstellen und auf der Plattform des Deutschen Nachhaltigkeitskodex (DNK) veröffentlichen. Der VS-Standard besteht aus einem Basismodul mit 51 Punkten und einem Zusatzmodul mit 42 Punkten. Damit ist er deutlich schlanker als die Konzernberichterstattung.
"Das schafft Erleichterung für die Unternehmen – sollte aber nicht als Entwarnung verstanden werden. Sie sind auf mehreren Wegen trotzdem betroffen", berichtet Steffen Pörner. Zum einen seien die Kreditinstitute selbst stark reguliert. Sie müssen gegenüber ihrer Aufsicht und der Europäischen Zentralbank nachweisen, wie nachhaltig ihre Kreditportfolios sind und welche Klimarisiken darin stecken.
Banken müssen ihre Risiken besser einschätzen
"Deshalb fragen sie auch bei Firmenkunden genauer nach. Nicht unbedingt, weil sie jedes Detail sofort sanktionieren wollen, sondern weil sie Risiken besser einschätzen müssen." Denn die Kreditwirtschaft steht selbst gegenüber den Aufsehern in der Pflicht, ihr Kundenportfolio auf "grün" umzustellen. Zum anderen sind Betriebe über ihre Kunden und Lieferanten betroffen. Wer zum Beispiel als Zulieferer für Konzerne arbeitet, der wird unweigerlich in deren Nachhaltigkeitsberichte einbezogen.
Große Unternehmen fragen daher zunehmend Daten bei ihren Geschäftspartnern ab: Daten zum Energieverbrauch, zum CO₂-Ausstoß, der Herkunft von Rohstoffen oder Diversität und Menschenrechte. Auch wenn ein kleiner Betrieb selbst nicht berichtspflichtig ist, könne er dadurch indirekt einbezogen werden, gibt Pörner zu bedenken. Und nicht zuletzt treffen auch mehr und mehr Privatkunden ihre Entscheidung danach, wie nachhaltig ein Betrieb agiert, bevor sie einen Auftrag vergeben oder eine Dienstleistung in Anspruch nehmen.
Vorsicht bei der Werbung Handwerksbetriebe müssen bei Werbung mit Begriffen wie "nachhaltig" oder "öko" vorsichtig sein. Seit September 2026 gelten strengere Regeln: Pauschale Umweltversprechen oder unklare Siegel sind dann nicht mehr erlaubt. ➡️ Mehr dazu lesen Sie hier.
Marktchancen: Nachhaltigkeit ist nicht nur Kostenfaktor
Ebenfalls nicht zu vernachlässigen sind die Marktchancen. Nachhaltigkeit ist nicht nur Kostenfaktor. Nachhaltiges Arbeiten kann helfen, Energie zu sparen, unabhängiger von Preissprüngen zu werden, neue Kundengruppen zu erreichen oder in Ausschreibungen besser dazustehen.
Gerade das Thema Resilienz rückt dabei in den Vordergrund: Wie anfällig ist ein Unternehmen für hohe Energiepreise, Hochwasserlagen, instabile Lieferketten oder neue regulatorische Anforderungen?
Und Banken müssen Risiken bewerten. Dazu gehören klassische Bonitätsfragen ebenso wie Klima- und Transformationsrisiken. Will ein Unternehmen in einem hochwassergefährdeten Gebiet bauen oder erweitern, kann das die Finanzierung erschweren. Die Bank muss prüfen, ob physische Klimarisiken den Standort, Sicherheiten oder die Fortführung des Geschäfts gefährden. Ähnlich gilt das für energieintensive Geschäftsmodelle, hohe Abhängigkeiten von fossilen Brennstoffen oder Lieferketten mit kritischen Rohstoffen.
ESG-Kriterien fließen in die Kreditprüfung ein
Aus den Informationen entsteht bei vielen Banken inzwischen ein ESG-Rating oder ein Klima-Risiko-Score. Das fließt in die Kreditprüfung ein. Dabei gehe es nicht zwingend darum, nur noch "grüne" Unternehmen zu finanzieren. Entscheidend sei, ob ein Unternehmen Risiken erkennt, Maßnahmen plant und glaubhaft zeigt, dass es sich weiterentwickelt.
"Banken erwarten häufig keinen perfekten Endzustand, sondern einen plausiblen, möglichst konkreten Transformationspfad", betont Steffen Pörner. "Wer erklären kann, warum eine Maßnahme heute wirtschaftlich oder technisch nicht darstellbar ist, dass er aber Alternativen vorbereitet, wirkt glaubwürdiger als jemand, der das Thema Nachhaltigkeit vollständig ausblendet."
Investitionen in Nachhaltigkeit sollte man auch aus anderen Gründen nicht auf die lange Bank schieben: Aktuell gibt es noch viele Förderprogramme, die Investitionen in den Betrieb erleichtern. Zum Beispiel für E-Mobilität, Solarstrom, Batteriespeicher oder den Austausch alter Heizungen.
Außerdem steigen langfristig die Kosten und Gebäude, Fuhrparks, Maschinen, Energieversorgung und Produktionsprozesse lassen sich nicht über Nacht umbauen. Wer erst reagiert, wenn Kunden, Banken oder Regulierer Druck machen, hat weniger Auswahl und häufig höhere Kosten. Das bedeute nicht, dass jedes Unternehmen sofort maximale Investitionen tätigen muss.
Jedes Unternehmen sollte Fragen stellen und die Antworten für das nächste Bankgespräch parat haben:
✔️ Wo sind die größten Energieverbräuche, also die größten Stromfresser im Unternehmen, und was sind die wichtigsten Energieträger?
✔️ Wie ist der Zustand von Gebäuden, Heizungen, Maschinen und Fuhrpark? Welche Maschinen oder Fahrzeuge sind besonders ineffizient?
✔️ Welche Rohstoffe werden verbraucht?
✔️ Wo entstehen viele Abfälle?
✔️ Welche Prozesse sind besonders teuer und störanfällig?
✔️ Welche Kunden werden künftig Nachhaltigkeitsdaten verlangen?
✔️ Ist der Standort / sind die Standorte klima- oder lieferkettenanfällig?
✔️ Gibt es Maßnahmen zu Arbeitssicherheit?
- Welche Investitionen zahlen zugleich auf Kostenersparnis, Resilienz und Finanzierungschancen ein?
Wer seine Daten kennt, kann bessere Entscheidungen treffen. Das gilt für Energieverträge ebenso wie für Investitionen in Maschinen, Fahrzeugflotten, Gebäude oder Lieferanten. "Schon einfache Maßnahmen können im Bankgespräch Pluspunkte bringen: etwa ein Plan zur Elektrifizierung des Fuhrparks, ein Energiekonzept für den Betrieb, eine Lieferantenprüfung oder eine nachvollziehbare Strategie zur Senkung von Emissionen."
Hilfreich sei es, diese Punkte dem Kundenberater bei der Hausbank nicht nur mündlich zu erläutern, sondern in einer kurzen, strukturierten Übersicht zusammenzustellen. Zum Beispiel anhand des VSME.
Kredit kann teurer werden – muss aber nicht unmöglich werden
Die zentrale Sorge vieler Unternehmer lautet: Bekomme ich künftig noch Kredit, wenn mein Unternehmen nicht als nachhaltig gilt? "Die Antwort ist differenziert. Schlechte ESG-Werte können die Finanzierung erschweren oder verteuern, insbesondere wenn Risiken nicht adressiert werden", betont Steffen Pörner. Denn Banken müssen mehr Eigenkapital vorhalten, wenn ihre Portfolios als riskanter gelten. Das könne sich auf Konditionen und Kreditspielräume auswirken.
"Aber ein Unternehmen wird nicht automatisch ausgeschlossen, nur weil es noch nicht klimaneutral arbeitet." Entscheidend seien Transparenz, Plausibilität und Fortschritt. Wer seine Risiken kennt, Investitionen priorisiert und realistische Schritte plant, verbessert seine Position. Wer hingegen keine Daten hat, keine Strategie vorweisen kann und auf Nachfragen ausweichend reagiert, macht es der Bank schwerer. Grundsätzlich gilt, dass Unternehmer bei schwierigen Finanzierungen mehrere Bankpartner einbeziehen sollten.
Nicht jedes Institut bewertet jede Branche gleich. Manche Banken haben für bestimmte Sektoren mehr Know-how oder eine andere Risikostrategie. Ein zweites Gespräch kann daher immer helfen.
Der Deutsche Nachhaltigkeitskodex (DNK) Der Deutsche Nachhaltigkeitskodex (DNK) veröffentlicht im September mit dem DNK-Dashboard erstmals eine öffentliche Auswertung der freiwillige Nachhaltigkeitsberichterstattung im deutschen Mittelstand in der DNK-Plattform. Das Dashboard zeigt, wie sich die eingereichten VSME-Berichte (künftig VS-Berichte) auf Berichtsjahre, Berichtsmodule, Unternehmensgrößen, Branchen und Bundesländer verteilen. Das DNK-Dashboard ist kostenlos zugänglich: https://www.deutscher-nachhaltigkeitskodex.de/de/berichte-einsehen/dnk-dashboard/
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Text:
Kirsten Freund /
handwerksblatt.de
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