Der Arbeitsplatz eines Brennmeisters - die Destille

Der Arbeitsplatz eines Brennmeisters - die Destille (Foto: © Severin Simon)

Gib deinem Leben einen Gin

Pur oder als Longdrink vor allem mit Tonic – der Gin hat sich zum In-Getränk der letzten Jahre entwickelt. Allem Hype zum Trotz gibt es tolle Sorten und viel zu entdecken.

Thomas Cook hat einst die Pauschalreisen erfunden – weil er damals die Menschen weg von der Ginflasche bekommen wollte. Der war seinerzeit billiger als Bier, zu oft waren die Menschen viel zu betrunken, um zu arbeiten. 180 Jahre später ist sein Reisekonzern Geschichte, der Gin hingegen hat es nach einer 50-jährigen Durststrecke zum In-Getränk gebracht. Pur, als Klassiker mit Tonic oder in unzähligen Longdrinkvarianten, die sich Barkeeper rund um den Globus einfallen lassen.

Geschmack unabhängig vom Preis

Für Einsteiger ist es schwer. Hunderte Marken buhlen um die Gunst, täglich kommen neue hinzu, vom Billig-Gin für wenige Euros bis hin zur teuren, limitierten Sonderauflage im dreistelligen Bereich. Wobei der Geschmack nicht unbedingt vom Preis abhängt.

Wacholder mit Aromakick

Auf die Botanicals kommt es an. Foto: © Severin SimonAuf die Botanicals kommt es an. Foto: © Severin Simon

Schnöde gesagt, ist Gin aromatisierter Schnaps: In Alkohol aus Korn, Getreide und – seltener – Weintrauben werden Wacholderbeeren eingelegt, die den Grundgeschmack liefern. Dann kommen weitere Zutaten hinein, die dem Getränk seinen Aromakick versetzen. Der Prozess des Einlegens nennt sich mazerieren, die Zutaten heißen Botanicals.

Und genau hier setzt die Kunst und das Können von Brennmeistern wie Severin Simon aus Alzenau nahe Aschaffenburg ein. Er führt in fünfter Generation eine kleine, aber feine Destillerie, die mit ihren Destillaten, von Gin über Rum bis hin zu Whisky, Preise für ihre Erzeugnisse gleich reihenweise einheimst.

 

Behutsame Entwicklung

Brennmeister Severin Simon und seine Frau Susanne, eine gelernte Edelsommelière, beim Verkosten. Foto: © Severin SimonBrennmeister Severin Simon und seine Frau Susanne, eine gelernte Edelsommelière, beim Verkosten. Foto: © Severin Simon

"Ich habe Monate für die Entwicklung meines ersten Gins gebraucht", erzählt der 44-jährige Brennmeister. "Überall in der Küche standen Gläser mit hundert Millilitern Alkohol rum, in denen die verschiedensten Zutaten in unterschiedlichen Mengen schwammen." In Geschmackstest galt es festzulegen, wie viel Gramm von jeder Zutat hineinsollte.

Mehr noch, ob sie frisch oder getrocknet sein sollten, im Ganzen oder gemahlen und wie lange das Mazerieren dauern sollte."Dieses sorgfältige Abstimmen machen die eigentliche Klasse, die Besonderheiten des jeweiligen Gins aus", erklärt Simon.

Die Botanicals entscheiden

Mit dem Wacholder legen die Destilleure die Kräuterbasis, die weiteren Botanicals entscheiden, ob es bei einer Kräuternote bleibt oder in eine florale oder fruchtige Richtung geht. Severin Simon hat nach seinem ersten Gin geschmacklich völlig unterschiedliche entwickelt, deren Namen die Geschmacksrichtung andeuten: Sauerkirsch-Gin, Hopfen-Gin, Tabaco-Gin, Pepper-Gin oder floral-fruchtig als Sommergarten-Gin.

Auch mit Farbnoten

Brennmeister Severin Simon beim Anheizen: Nach dem Brennen ist der Gin klar. Foto: © Severin SimonBrennmeister Severin Simon beim Anheizen: Nach dem Brennen ist der Gin klar. Foto: © Severin Simon

Geschmack ist das eine, die Optik das andere: Neben klarem Gin gibt es gelbe, grüne, blaue und rote. Dabei verpassen Botanicals dem Gin nicht nur ihren Geschmack, sondern auch seine Farbe – nach dem Brennen. Besonders in ist Pink Gin, den Erd-, Him- oder Waldbeeren färben. Interessant ist der portugiesische Gin Sharish Blue Magic.

Die strahlend blaue Farbe kommt von den Blüten der Schmetterlingserbse – und vermischt mit Tonic färbt er sich rosa. Sieht nicht nur toll aus, schmeckt auch hervorragend. Der deutsche Importeur Ginneslust hat sich neben Sharish auf weitere interessante Gins von der iberischen Halbinsel konzentriert. Dazu zählen etwa die auf Traubenalkohol basierenden Gins der spanischen Destille Santamania.

 

Marketing half nach

Den Siegeszug verdankt der Jahrhunderte alte Wacholderschnaps cleveren Marketingstrategen. Der Name selbst soll von den Engländern stammen, die den holländischen Genever kurz Gin nannten. Einer zweiten Version zufolge leitet er sich vom lateinischen Wort für Wacholder, Juniper, ab. Die Engländer vermählten auch den Gin mit dem Tonic. Die Kolonialsoldaten nahmen einst Chinin gegen die Malaria: Um es runterzuspülen, mischten sie das Chinin in Gin und addierten für den besseren Geschmack Soda, Zitronen und Zucker, ein Klassiker ward geboren, die damals aufkeimenden Bars sorgten dann für den Siegeszug.

Prominente Marken

Für Gin ist eine Lagerung in Fässen nicht erforderlich. Foto: © Severin SimonFür Gin ist eine Lagerung in Fässen nicht erforderlich. Foto: © Severin Simon

Den Startschuss für den heutigen Hype legte die schottische Marke Hendrick’s vor 20 Jahren. Die Destille aromatisierte nach dem Brennprozess ihren Gin mit Essenzen von Damaszener-Rosen und holländischen Salatgurken, den Rest erledigte eine geschickte Werbekampagne. In Deutschland schaffte "The Duke" aus München den Durchbruch, weil die Destillateure durch eine PR-Reise den Gin Barkeepern ans Herz legten. Zu den Top-Gins gehört auch Monkey 47 aus dem Schwarzwald. Ein ehemaliger Nokia-Manager entwickelte ein altes Rezept mit 47 Zutaten weiter, heute gehört er in jede sortierte (Gin-)Bar.

Die eigene Zunge entscheidet!

Welcher Gin nun der Beste ist, muss jeder seine Zunge entscheiden lassen. Dabei kommt es auch auf das Tonic an, das es in den unterschiedlichsten Richtungen gibt. Manche unterstreichen den Gin, andere setzen einen schönen Kontrapunkt, das falsche Tonic kann einen guten Gin zerstören. Wie man einen guten Gin entdeckt? Einfach mal abseits der Supermarktregale stöbern, gerade bei kleinen Destillerien wie der von Severin Simon stößt man jederzeit auf echte Kleinode. Und man erkennt schnell, dass es manchmal richtig gut sein kann, etwas tiefer in die Tasche zu greifen für einen Gin.

Neugierig geworden auf gute Gins? Hier geht es zur subjektiven Top10 des Autors!

Text: / handwerksblatt.de

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