Der Morgen nach der Katastrophen-Nacht: Im Ahrtal stehen Wohnhäuser und Betriebe unter Wasser.

Der Morgen nach der Katastrophen-Nacht: Im Ahrtal stehen Wohnhäuser und Betriebe unter Wasser. (Foto: © Handwerkskammer Koblenz)

Fünf Monate nach der Flut

Politik

Die Hilfsbereitschaft des Handwerks im Ahrtal und in anderen Hochwassergebieten ist ungebrochen – Sachverständige werden dringend benötigt, denn ohne Gutachten können Hilfen nicht beantragt werden.

Vor fünf Monaten ist für viele Menschen in den Flusstälern im nördlichen Rheinland-Pfalz die Welt zusammengebrochen. Die Wassermassen haben Leben gekostet und Existenzen vernichtet. Handwerker aus Rheinland-Pfalz und der ganzen Bundesrepublik haben von Anfang an mit angepackt. Ralf Hellrich, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Koblenz, spricht im Interview über die Lage der selbst betroffenen Betriebe und über den Stand des Wiederaufbaus am Ende des Jahres.

DHB: Herr Hellrich, das Handwerk spielt im Ahrtal und in den anderen Hochwassergebieten eine zentrale Rolle – sowohl als Helfer unmittelbar nach der Katastrophe, als auch als wichtiger Akteur beim Wiederaufbau. Wie zufrieden sind sie mit dem, was in den vergangenen Monaten geleistet wurde?
Hellrich:
Das Handwerk hat in den vergangenen Wochen und Monaten einen überwältigenden Zusammenhalt und bedingungslose Unterstützung gezeigt. Weit über Kreis- und Landesgrenzen hinaus haben sich Handwerker organisiert, um hier im Ahrtal mit anzupacken. In dieser ersten Phase der Nothilfe haben auch gerade die ehrenamtlichen Helfer, einen sehr starken und wichtigen Beitrag geleistet. Ohne diese Hilfestellungen wäre das Ahrtal in seinem Wiederaufbauprozess längst nicht da, wo wir aktuell stehen.
Das Ausmaß der Schäden ist dennoch immens. Dies wird bei den jetzigen Wiederaufbauarbeiten immer deutlicher. Besonders dem Fachhandwerk kommt eine besondere Rolle zu, denn viele der nun notwendigen Arbeiten an den beschädigten Gebäuden können und dürfen nur von ausgebildeten Fachkräften ausgeführt werden. Es liegt noch viel vor uns.

DHB: Wie ist kurz vor Jahresende die Situation der Handwerksbetriebe, die selbst von der Hochwasserkatastrophe betroffen waren und sind?
Hellrich:
Die Situation der Handwerksbetriebe ist höchst unterschiedlich und ist abhängig von der Art des Gewerkes, dem Standort des Betriebes und dem Ausmaß des Schadens. Bei vielen betroffenen Handwerksbetriebe gibt es noch immer große Substanzschäden und Umsatzausfälle. Noch ist nicht abzusehen, wie viele Unternehmen wegen der Katastrophe den Betrieb einstellen müssen. Die Solidarität ist aber auch bei den Handwerksorganisationen groß, Kreishandwerkerschaften und Fachverbände tun ihr Möglichstes, um zu helfen. Wir haben aber auch Betriebe, die bereits in der ersten Minute nach der Flut mit dem Wiederaufbau gestartet sind und sich und gleichzeitig vielen anderen geholfen haben.

DHB: Eine große Herausforderung ist das Heizen in der kalten Jahreszeit – sowohl, um in den Häusern und Wohnungen leben zu können, als auch, um weitere Schäden zu vermeiden. Wie sieht es an dieser Front aus?
Hellrich:
Ein großes Problem stellt die lückenhafte Informationslage dar. Wir haben Rückmeldung von Handwerksbetrieben, dass die Nachfrage nach Heizungen groß ist. Desgleichen gibt es Hinweise darauf, dass Materialengpässe bestehen. Inwieweit die Betroffenen allerdings derzeit auch mit provisorischen Heizungen versorgt sind, kann nicht flächendeckend erfasst werden. Wir appellieren daher an Betroffene, die hier noch Bedarf haben, sich entsprechend an die Energieagentur zu wenden.

DHB: Viele Handwerker aus der ganzen Bundesrepublik haben Geld oder Material gespendet, andere sind selbst in die Hochwassergebiete gefahren und haben mit angepackt. Eine große Angst war, dass diese Hilfsbereitschaft nicht auf Dauer anhalten würde...
Hellrich:
Die Hilfsbereitschaft ist anhaltend hoch und das ist auch gut so. Allerdings sehen wir heute zusätzlich die Notwendigkeit, dass handwerkliche Arbeiten tatsächlich auch von Fachbetrieben aus- geführt werden. Dies ist vor allem deswegen wichtig, weil nur ein Fachbetrieb mit entsprechendem Knowhow an ein Projekt herangehen kann. Nur diese stehen auch im Rahmen von Gewährleistung für die Qualität der geleisteten Arbeiten gerade. Besonders deutlich wird dies im Elektro- und Installateur- und Heizungsbauerhandwerk. Aber auch ein fehlerhafter Estrich, auf den im Anschluss Fliesen gelegt werden oder eine mangelhaft gebaute Treppe, können zu schweren Schäden und Folgekosten führen. Die Wiederaufbauhilfen stehen aber nicht für die Nachbesserung mangelhaft ausgeführte Arbeiten zur Verfügung. Die Kosten hierfür müssen die Betroffenen selbst tragen. Sie wären doppelt geschädigt. Unser Internetportal handwerk-baut-auf.de hilft, Fachhandwerker, die sich aus ganz Deutschland zur Unterstützung des Wiederaufbaus in der Datenbank angemeldet haben, und Betroffene zusammenzubringen. Aktuell sind es 1.400 – und es werden täglich mehr.

Ralf Hellrich und Wirtschaftsministerin Daniela Schmitt im Gespräch mit Betroffenen Foto: © Handwerkskammer KoblenzRalf Hellrich und Wirtschaftsministerin Daniela Schmitt im Gespräch mit Betroffenen Foto: © Handwerkskammer Koblenz

DHB: Welche Handwerksleistungen werden heute gebraucht, welche vielleicht erst in ein paar Monaten?
Hellrich:
Direkt nach der Flut waren zentrale Bereiche die Wiederinstandsetzung der Stromversorgung sowie die Versorgung der Haushalte mit Wärme. Grundsätzlich hängt der Bedarf an Handwerkerleistungen individuell vom Grad der Zerstörung ab. Der Innenausbau erfolgt naturgemäß als letztes. Ob aber beispielsweise Estrich- und Putzarbeiten überhaupt erforderlich sind, ist abhängig davon, ob eine Trocknung ohne Entfernung möglich war.

DHB: Erreichen die Gelder von Land und Bund die Menschen in den Hochwassergebieten?
Hellrich:
Durch unsere Beteiligung in verschiedenen Runden und den Kontakt unserer Betriebsberatung zu den Menschen vor Ort haben wir zurückgespiegelt bekommen, dass die Antragsverfahren bis zum Zeitpunkt der Auszahlung schleppend verlaufen. Häufig mangelt es an Gutachtern und Sachverständigen.

DHB: Wo sehen sie heute, fünf Monate nach der Hochwasserkatastrophe, den größten Handlungsbedarf?
Hellrich:
Die Landesregierung hat in kurzer Zeit ein verhältnismäßig schlankes Antragsverfahren für Mittel aus dem Aufbaufond entwickelt. Dennoch gibt es Engpässe bei den Sachverständigen, die bei der Beantragung unerlässlich sind. Bis zum Zeitpunkt der Auszahlung der Gelder dauert es dadurch leider zu lange. Die Verzweiflung der Menschen angesichts der eingebrochenen Kälteperiode ist groß. Ohne die Auszahlung der gestellten Anträge ist es vielen Betroffenen nicht möglich das Fachhandwerk zu beauftragen. Aus dieser Not heraus wird häufig auf die freiwilligen Helfer zurückgegriffen. Unabhängig von jeder haftungsrechtlichen Problematik ergibt sich aber hier die große Thematik der Gewährleistung. Zusätzlich fallen auch mangelhafte Leistungen oder Folgeschäden nicht mehr unter "Schäden der Flut" und können nicht mehr über die Wiederaufbauhilfe erstattet werden – für den Betroffenen ist das bedauerlich.

Das interview führte Andreas Schröder.

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Text: / handwerksblatt.de

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