Die neu gestaltete Kirche des Ehepaars Reiter vereint gleichzeitig Wohn- und Geschäftsräume.

Die neu gestaltete Kirche des Ehepaars Reiter vereint gleichzeitig Wohn- und Geschäftsräume. (Foto: © Malte Reiter)

Peeling statt Predigt

Wie es ist, in einer ehemaligen Kirche zu leben und zu ­arbeiten? Ein Luxus, den die Kosmetikerin Rosanna Reiter aus Wuppertal nicht mehr missen möchte.

Rosanna Reiter liebt ihre Heimatstadt Wuppertal. Darum kommt ein Wegzug für die junge Kosmetikerin auch nicht infrage. Dafür gibt es allerdings noch einen zweiten Grund. Gemeinsam mit ihrem Mann hat sie sich ihren Traum vom Leben und Arbeiten in einem einzigen Gebäude erfüllt. Dabei ist es nicht irgendeine beliebige Immobilie. Sie lebt und arbeitet in der ehemaligen Matthäuskirche im Stadtteil Uellendahl. Der untere Bereich beherbergt das Kosmetik- und Fußpflegestudio "Naturbrise". Darüber hinaus teilt sie sich das Erdgeschoss mit ihrem Mann Malte, der hauptberuflicher Fotograf ist und sich dort sein Fotostudio "Malte Reiter Fotografie" eingerichtet hat.

Skepsis war am Anfang groß

Im oberen Bereich der Kirche befinden sich die privaten Wohnräume. Seit mehr als drei Jahren lebt und arbeitet das Ehepaar in der vormals evangelischen Kirche. Obwohl die Skepsis am Anfang groß war, sind sie heute froh, dass sie die Kirche gekauft haben. "Es war für uns pures Glück, dass wir sie bekommen haben", erzählt Reiter. Die Umbauarbeiten seien zu Beginn nicht leicht gewesen. "An den dreieckigen Grundriss musste man sich erst gewöhnen", so die Kosmetikerin. Und auch die Kosten für den Umbau sind schnell über das eigentliche Budget gestiegen. Dennoch ist das Ehepaar heute froh, diesen Schritt gemacht zu haben.

Für Rosanna Reiter hat sich mit dem Studio Naturbrise in der Kirche ein Traum erfüllt. Foto: © Tim Ahlrichs
Für Rosanna Reiter hat sich mit dem Studio Naturbrise in der Kirche ein Traum erfüllt. Foto: © Tim Ahlrichs

Die neuen Bewohner der ehemaligen Kirche haben schnell die Neugier der Nachbarn geweckt. "Obwohl ich nach dem Einzug Werbeflyer für meine Praxis verteilt habe, kamen viele Nachbarn aus der Straße von sich aus zu mir ins Studio", sagt Reiter. Einerseits haben sie sich gefreut, dass eine Kosmetikerin in der Nähe und fußläufig zu erreichen ist. Andererseits macht es ihre neuen Kunden froh, dass die Kirche in den Grundzügen erhalten geblieben ist.

"Einige meiner Kunden haben hier geheiratet und andere ihre Kinder getauft", so Reiter. Unter anderem kam auch die Frau vom ehemaligen Pfarrer auf einen kurzen Besuch vorbei und war begeistert von dem Umbau. "Damit hatte ich nicht gerechnet", erzählt die Kosmetikerin. Immer wieder kommen ehemalige Anwohner an der Kirche vorbei und möchten sie sich anschauen. "Wenn die Zeit dafür da ist, geben wir den Leuten eine kurze Führung durch die Geschäftsräume", so Reiter.

Kunden schätzen die Flexibilität
Foto: © Verlagsanstalt Handwerk
Foto: © Verlagsanstalt Handwerk

Das Leben und Arbeiten in einem Gebäude ist für Reiter von unschätzbarem Wert. "Für mich ist es Luxus, keinen langen Arbeitsweg mehr zu haben." Wenn sie Feierabend macht, geht sie in die gemeinsame Wohnung und zieht sich ins Private zurück. Keine Flüche über Staus auf der Auto­bahn oder über ausfallende Züge. "Das hat etwas für sich und ich kann die Arbeit gut vom Beruflichen trennen."

Allerdings ist der Beruf zu einem wichtigen Teil ihres Lebens geworden. "Ich liebe das, was ich tue, und das zu mehr als 100 Prozent", sagt sie. Deshalb gibt es für sie auch keinen Feierabend im herkömmlichen Sinn. "Wenn ein Kunde mit einem eingewachsenen Fußnagel abends bei mir anruft, werde ich ihn nicht auf den nächsten Tag vertrösten, da er sofort Hilfe benötigt." Gerade diese Flexibilität schätzen ihre Kunden. Allerdings setzt sie sich selbst Grenzen. Ab 22 Uhr nehme sie keine Anrufe mehr entgegen. "Das muss dann bis zum nächsten Tag warten."

Kundschaft Im Alter von 14 bis 91 Jahre 

Feste Öffnungszeiten gibt es bei Reiter nicht. "Ich arbeite ausschließlich nach Termin." In der Vergangenheit hat sich dies bewährt und die Kunden haben sich daran gewöhnt. Seit mehr als einem Jahr ist sie ausgebucht. Trotzdem verzichtet sie darauf, eine Auszubildende einzustellen. "Ich merke, dass viele Bewerberinnen nicht die nötige Qualifikation mitbringen." Darüber hinaus werde man für viele Kundinnen und Kunden im Laufe der Zeit zu einer Art Vertrauten. "Mit einem Azubi würde das nicht funktionieren." Viele, vor allem ältere Kundinnen, hätten sich ihr anvertraut und erzählen ihr zum Teil private Dinge. "Das erstaunt mich immer wieder, auch aufgrund meines noch jungen Alters." Doch Empathie und Zuhören seien Eigenschaften, die für den Beruf wichtig sind. Das Alter ihrer Kundschaft ist bunt gemischt. "Meine älteste Stammkundin ist 91 Jahre und mein jüngster Kunde bisher war 14."

Immer mehr junge Männer

Mittlerweile kommen immer mehr jüngere Kunden zu Rosanna Reiter. "Die meisten jungen Männer stellen die Prävention in den Vordergrund." Vielen seien die medizinische Fußpflege und ein gesundes Hautbild sehr wichtig. "Das Körperbewusstsein hat bei ihnen einen hohen Stellenwert", erzählt Reiter. Obwohl sie derzeit nicht ausbilden möchte, sucht sie dringend nach einer Fachkraft für medizinische Fußpflege, die sie unterstützt. "Es ist wichtig, dass sie den medizinischen Schwerpunkt hat." Viele kosmetische Fußpflegen würden in die medizinische Richtung arbeiten. Allerdings ist dies laut Reiter sehr gefährlich. "Ich bekomme von vielen Kunden erzählt, dass sie schmerzhafte Erfahrungen bei der Fußpflege gemacht haben."

Die Schmerzen dabei seien jedoch nicht normal. Und obwohl man einen Lehrgang zur medizinischen Fußpflege absolvieren muss, sind die Kontrollen in diesem Bereich sehr selten. "Deshalb habe ich mich ganz bewusst für die Anerkennung durch die Handwerkskammer entschieden", so Reiter. Ein Muss wäre dies nicht gewesen. Dahingehend sieht Reiter in ihrer Branche Entwicklungsbedarf.

Die räumliche Gestaltung in der Kirche des Ehepaares ist mittlerweile abgeschlossen. Und doch gibt es immer etwas zu tun. "Den Außenbereich werden wir in den kommenden Monaten noch etwas weiter ausgestalten." An dem Platz von Rosanna Reiters Kosmetikstudio wird jedoch nicht mehr gerüttelt. Gottesdienste gibt es nicht mehr. Dafür einen anderen, wichtigen Dienst am Menschen.

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Text: / handwerksblatt.de

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