Meine Freundin heißt Routine
Wir haben uns vor 33 Tagen kennengelernt und es war eine intensive Zeit. Wir hatten uns vorher schonmal gesehen aber nie wirklich so richtig miteinander ausgetauscht oder uns Zeit gegeben.
Dieser Artikel gehört zum Themen-Special Kolumne: "Werkbank & Wandel"
Inzwischen sind aus uns mehr als 500 Lauf-Kilometer geworden. Außerdem eine Erkenntnis, die weit über das Laufen hinausgeht:
Routine entsteht nicht, weil etwas leicht wird. Es wird leichter, weil es Routine wird.
- Kennst du das?
- Ab wann hört eine neue Sache eigentlich auf, sich neu anzufühlen?
- Wann wird aus Überwindung Gewohnheit?
- Wann läuft es runder, wann geht es leichter von der Hand?
- Und wann verschwindet diese tägliche Verhandlung mit uns selbst?
Gerade in Betrieben kennen wir diese Fragen gut. Eine neue Software wird eingeführt. Künstliche Intelligenz soll bei Angeboten, Einsatzplanung oder Kommunikation unterstützen. Ein neues System soll Abläufe vereinfachen. Ein neuer Kanal soll andere Zielgruppen erreichen. Am Anfang ist die Bereitschaft oft groß. Dann kommt der Downer. Wenn die Euphorie vergeht begegnen wir der Substanz. Und die tut meistens weh oder es wird mindestens anstrengend.
Plötzlich fehlen Zugänge. Daten sind nicht sauber gepflegt. Die neue Oberfläche wirkt umständlich. Ergebnisse entsprechen noch nicht den Erwartungen. Mitarbeitende fragen, warum der alte Weg nicht mehr reicht. Und irgendwo fällt der Satz: Das funktioniert bei uns einfach nicht. Oft beurteilen wir eine Veränderung genau in der Phase, in der sie sich zwangsläufig noch schwer anfühlt. Wir verwechseln fehlende Routine mit fehlendem Nutzen.
Beim Laufen habe ich in den vergangenen Wochen beinahe jede denkbare Ausrede getroffen. Zu müde. Zu viel Arbeit. Schlechtes Wetter. Schmerzen. Keine Zeit. Keine Lust. Ein längerer Termin. Ein früher Start. Und immer wieder die Frage: Warum eigentlich heute? Solange ich jeden Tag neu darüber verhandelt habe, ob ich laufen gehe, war schon der Entschluss anstrengend. Das Laufen begann nicht mit dem ersten Schritt, sondern mit einer Diskussion. Müßig.
Die Kraft von Routinen
Das Laufen brauchte einen festen Platz. So wie Essen, Schlafen oder ein Termin im Kalender. Es durfte nicht mehr jedes Mal begründet werden. Genau darin liegt die Kraft von Routinen. Sie machen eine Aufgabe nicht automatisch leicht. Aber die Grundsatzfrage ist verschwunden und aus einem Vorhaben ist eine Praxis geworden.
Für Veränderungen in Organisationen und Betrieben gilt etwas Ähnliches. Wer KI nur dann nutzt, wenn gerade Zeit zum Ausprobieren ist, beginnt jedes Mal wieder von vorn. Wer ein neues System parallel zum alten laufen lässt, ohne klare Regeln zu schaffen, sorgt dafür, dass im Zweifel alle zum Gewohnten zurückkehren. Und nein, Routinen müssen nicht starr sein. Beim Laufen verändere ich Tempo, Strecke oder Zeitpunkt. Im Betrieb verändern wir Prozesse, Rollen oder Werkzeuge. Entscheidend ist, dass wir bei Widerstand, Schmerz, oder Konflikt nicht gleich das ganze Vorhaben infrage stellen.
Wer etwas will, findet Wege. Wer etwas nicht will, findet Gründe. Mach die Routine zu deiner Freundin und entwickle dich mit ihr weiter.
Eine 14-tägige Kolumne von Daniel-John Riedl und Markus Mazur
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Text:
Daniel-John Riedl /
handwerksblatt.de
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