Die gemeinnützige Organisation "LifeTeachUs" bringt Schulen und Unternehmen zusammen. Fällt Unterricht aus, können Handwerker aus ihrem Berufsalltag berichten und für eine duale Berufsausbildung werben.
Vielleicht wäre aus Ludwig Thiede ein guter Maurer geworden, doch während seiner Schulzeit hatte er keinen direkten Kontakt zum Handwerk. Dabei hätte es über die Jahre etliche Gelegenheiten gegeben, denn an seiner Schule ist viel Unterricht ausgefallen. "Es gibt in unserer Gesellschaft so viele tolle Menschen, deren Wissen die Jugendlichen besser auf das Leben vorbereitet. Warum kann man sie nicht einfach in einer Ausfallstunde einladen?", hat er sich schon als Schüler gefragt. Gegen Ende seines Kommunikations-Studiums hat er darauf eine Antwort gefunden. 2021 gründete er zusammen mit dem Wirtschaftsinformatiker Simon Bründl den Verein LifeTeachUs. Dessen Zweck: die Entwicklung einer App, die bundesweit mehr Praxisbezug in den Schulalltag bringen soll.
Unternehmen, Kammern oder Verbände melden sich über die Website von "LifeTeachUs" an. Sie und ihre Mitarbeiter, die auch unabhängig von ihrem Arbeitgeber mitmachen können, erhalten anschließend einen Code, mit dem sie sich gratis in der App registrieren können. Dies gilt auch für Schulen. Nach der kostenfreien Registrierung erhalten sie einen Zugang zur Plattform.
Fällt eine Unterrichtsstunde aus, stehen Projekt- oder Berufsorientierungstage an oder soll der Fachunterricht mit externem Know-how angereichert werden, können die Schulen unentgeltlich per App einen Experten aus der Praxis anfordern. Die Spannbreite kann vom Geschäftsführer bis zum Azubi reichen. Die potenziellen "LifeTeacher" müssen ein grobes Konzept einreichen, wie sie ihre Unterrichtsstunden gestalten wollen. "Dabei unterstützen wir sie mit persönlicher Beratung und mit verschiedenen Tools", erklärt Ludwig Thiede. Das mit "LifeTeachUs" abgestimmte Konzept wird im System hinterlegt.
Wer zuerst kommt, mahlt zuerst
In der App wählen die Schulen ein Thema aus. Dies kann der berufliche Werdegang eines Gesellen oder eines Betriebsinhabers aus dem Handwerk sein, aber auch Input zu Themen wie Technik, Steuern, Finanzen oder Versicherungen. Die Anfrage geht wie in einer Taxi-App zeitgleich an alle passenden Profile raus. "Jeder entscheidet selbst, ob er sie annehmen möchte. Wer als Erster zusagt, blockiert den Termin. Alle anderen erhalten dann eine Nachricht, dass sie es beim nächsten Mal probieren sollen", beschreibt der Geschäftsführer von "LifeTeachUs" das Prozedere in der App. Doppelbuchungen lasse das System nicht zu. Es sei jedem Registrierten selbst überlassen, wie viele Anfragen pro Schuljahr akzeptiert werden. "Uns ist natürlich bewusst, dass viele Handwerker stark eingebunden und zeitlich nicht so flexibel sind", sagt Ludwig Thiede mit Blick auf die Ablehnung sehr kurzfristig gestellter Anfragen.
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Aufbau einer Unterrichtsstunde
Eine "LifeLesson" dauert in der Regel eine klassische Schulstunde – also 45 Minuten. Zu Anfang sollen sich die "LifeTeacher" vorstellen und einen kurzen Impulsvortrag zu ihrem Thema halten. Lange Monologe und plumpe Werbung für den eigenen Betrieb sind bei "LifeTeachUs" unerwünscht. Das Konzept lebt von der Interaktion und Spontanität. "Die Schülerinnen und Schüler sollen ausreichend Zeit haben, um ihre Fragen stellen zu können. Da wird gerne auch mal die eine oder andere Stunde überzogen", hat Ludwig Thiede erfahren. Bei den Einsätzen der Ehrenamtler sei meistens eine Lehrkraft dabei – entweder direkt im Klassenzimmer oder schnell greifbar in der Schule.
Zurzeit sind bundesweit rund 140 Partner aus der Praxis und 20.000 LifeTeacher auf der Plattform registriert. Die Zahl der Schulen liegt bei 700. Die Schulformen reichen von der Grundschule bis zum Gymnasium und den berufsbildenden Schulen.
Finanzielle und ideelle Unterstützung
Aus dem Verein "LifeTeachUs" ist inzwischen eine gemeinnützige GmbH geworden, die sich komplett über Spenden von Privatpersonen und Stiftungen finanziert. Von den teilnehmende Unternehmen oder Organisationen wird bewusst kein Geld verlangt. "Wir sind sehr dankbar, dass sie den Schülerinnen und Schülern ihre knappe Zeit schenken. Je größer dieser Pool wird, desto wertvoller wird unsere Arbeit", erklärt Ludwig Thiede.
Neben dem finanziellen Engagement ist aber auch die ideelle Unterstützung wichtig. So wurde im Frühjahr eine Kooperationsvereinbarung mit dem Westdeutschen Handwerkstag unterzeichnet. Sie soll "LifeTeachUs" die Türen bei Innungen, Verbänden und Kreishandwerkerschaften öffnen, so dass sich neue ehrenamtliche "LifeTeacher" aus den Organisationen und deren Mitgliedsbetrieben gewinnen lassen. Dieses Signal hat bereits gewirkt. "Inzwischen haben es mehr Menschen aus Nordrhein-Westfalen auf unsere Plattform geschafft, die aus dem Handwerk kommen", hat Thiede im System festgestellt.
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