Die Fallas im spanischen Valencia sind ein Feuerfest von Rang internationalen Interesses.

Die Fallas im spanischen Valencia sind ein Feuerfest von Rang internationalen Interesses. (Foto: © Alexander Gresbek)

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Spaniens Internationale: Fiestas als Tourismusmagnet

Wie das südeuropäische Land im Jahresverlauf feiert und dabei die attraktivsten Feste würdigt.

Benedicta Sánchez strahlt über das ganze Gesicht. Die 86-jährige Galicierin ist Ehrengast des Festes Feira do Cocido in der spanischen Kleinstadt Lalín, bei dem sich alles um den Cocido dreht, ein deftiges Gericht aus Gemüse und Schweinefleisch. Sie strahlt in die Kameras, beugt sich dann plötzlich zu ihrem Gegenüber herüber und flüstert: "Ob die wohl alle wissen, dass ich Vegetarierin bin?"

Benedicta Sánchez als Ehrengast des Festivals. Foto: © Tobias BüscherBenedicta Sánchez als Ehrengast des Festivals. Foto: © Tobias Büscher

Es ist das Jahr 2020. In diesem Jahr ist Benedicta der Star des spanischen Films, weil sie in ihrem hohen Alter als beste Nachwuchsschauspielerin einen Goya erhielt – für ihre Rolle in dem Spielfilm "Es wird brennen" (O que arde) des Regisseurs Oliver Laxe über Waldbrände.

Und es ist das Jahr, in dem das Fest Feira do Cocido de Lalín vom spanischen Tourismusminister in den Rang fiesta de interés internacionál gehoben wird. Bürgermeister José Crespo kann sein Glück kaum fassen. Denn nun spielt die Party seiner Metropole mit den vielen Schweinezüchtern in einer Liga mit dem Feuerfest Fallas de Valencia und Corpus Cristi in Toledo.

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Werbewirksamer Titel und die magische Zahl 10

Sechs Jahre später. Auch in diesem Jahr hat das Tourismusministerium in Madrid zwei Feste in den höchsten Rang des Interesses gehoben: das Fest der Liebenden in Teruel und das kulinarische Botillo-Festival in León, bei dem es um eine Wurstspezialität geht. Damit führt das spanische Regierungsportal online nun bereits 86 solcher Fiestas auf. Schon im Jahr 1979 entstand die Idee, Feste mit dem Prädikat "internationales Interesse" zu versehen. Damals, als der Slogan noch "Spain is different" hieß. Das Motiv: Die mediale Aufmerksamkeit auf die austragenden Orte lenken und damit den Tourismus ankurbeln.

Aviles, Asturien, Spanien. Foto: © Tobias BüscherAviles, Asturien, Spanien. Foto: © Tobias Büscher

Vor allem Andalusien profitierte zunächst davon. Zu den sieben ersten prämierten Veranstaltungen Südspaniens gehörten das Weinfest in Jerez de la Frontera, die Karwoche in Sevilla und der Karneval in Cádiz. Inzwischen sind auch Feste eher weniger bekannter Regionen wie Asturien, Kantabrien und Extremadura dazugekommen. Doch an den Gründen für die Ernennung hat sich nichts geändert.

Das Fest muss eine lange Tradition haben, von den Anwohnern mitgetragen werden und mindestens zehnmal in internationalen Medien auftauchen. Allein dafür machen sich die jeweiligen Bürgermeister stark, die den Kontakt zu Redaktionen im Ausland suchen. Und so ist es kein Zufall, dass auch artifex schon mal eingeladen wird, wenn die Zahl 10 der Veröffentlichungen noch nicht erreicht ist. Jüngstes Beispiel: Im Februar 2025 besuchte das Magazin für Handwerker, Genießer und Entdecker das Fest der Liebenden in Teruel. Und Schwups: Schon ein Jahr später, 2026, gab das Ministerium der Fiesta den Status internacionál. Die Zahl 10 war erreicht.

Prozessionen in Zeiten der Säkularisierung

Die Liebenden von Teruel. Foto: © Tobias BüscherDie Liebenden von Teruel. Foto: © Tobias Büscher

Während in Deutschland berühmte Feste Karneval der Kulturen (Berlin) und Afrika Festival (Würzburg) heißen, gibt es in Spanien deutlich mehr religiöse Feste, Kirchenaustritte hin oder her: 27 der 86 Fiestas haben die Karwoche zum Inhalt, darunter in Ávila, Cuenca, Málaga, Mérida, Salamanca, Valladolid und Zamora.

Überall im Land buhlen die Bürgermeister um die Gunst des Tourismusamts in Madrid, denn hinter dem Siegel Internationales Interesse stecken handfeste lokale Motive. Zudem hat das Rankingsystem mit internationaler Aufmerksamkeit nur bedingt zu tun. Das umstrittene Stiertreiben Bous a la Mar in Dénia kennen die Reporter von Tokio bis Toronto, das Fleischerfest in Lalín fast niemand. Doch ohnehin hat sich die Strategie der Tourismusverantwortlichen in letzter Zeit geändert.

"Du glaubst, Du kennst Spanien?"

Besucher der Stierkampfarena in Málaga. Foto: © Tobias BüscherBesucher der Stierkampfarena in Málaga. Foto: © Tobias Büscher

Turespaña hat bereits letzten Sommer eine neue Werbekampagne entwickelt mit dem Slogan: Think You Know Spain? Think Again. Du glaubst Du kennst Spanien? Denk noch mal nach. Das ist verständlich, denn Overtourism pro Jahr mit 12 Millionen Besuchern auf Mallorca steht in krassem Kontrast zum Undertourism der Region Aragón mit gefühlt 1200 Besuchern.

Zahlreiche Werbefilme präsentieren die Verantwortlichen inzwischen online, um das eher unbekannte Spanien in den Fokus zu rücken. Und so wird sich auch der regionale Schwerpunkt weiter verschieben. Bislang gibt es in den Regionen Valencia und Andalusien 25 der 86 fiestas internacionales, in Asturien (Kanuwettbewerb) und Navarra (Stiertreiben) nur eine einzige.

Dabei ist die höchste Auszeichnung eines Festes durchaus auch ein Politikum. Anders ist nicht zu erklären, warum die Feste in Katalonien und im Baskenland in dieser Liste bislang überhaupt nicht auftauchen. Die Basken jedenfalls wird das kaum stören. Denn eines ihrer Festivals dürfte neben den Sanfermines in Navarras Hauptstadt Pamplona das weltweit bekannteste Spaniens sein: das Internationale Filmfestival in San Sebastián.

Die attraktivsten Fiestas Spaniens mit dem höchsten GütesiegelAndalusien
• Gauklerlauf Cascamorras zwischen Baza und Guadix (2013)
• Karwoche in Malaga (1980)
• Pferdemesse Jerez de la Frontera (1980)
• Karneval in Cádiz (1980)
• Rocío-Wallfahrt in Almonte (1980)

Aragon
• Die Hochzeiten von Isabel de Segura, Teruel (2026)
• Stadtfest Pilar in Zaragoza (2019)

Asturien
• Internationale Kanu-Abfahrt des Flusses Sella in Arriondas (1980)

Extremadura
Karneval in Badajoz (2022)
• Karwoche in Mérida (2018)
• Karwoche in Cáceres (2011)

Galicien
• Römer-Geschichtsfest Arde Lucus in Lugo (2023)
• Fischfest Arbo Lamprey in Pontevedra (2023)
• Seekrakenfest in O Carballiño (2022)
• Gourmetfest Cocido de Lalín, Pontevedra (2020)
• Karneval Entroido in Xinzo de Limias (2019)
• Albariño-Weinfest in Cambados (2018)
• Wildpferderodeo A Rapa das Bestas in San Lorenzo de Sabucedo-A Estrada (2007)
• Internationales Dudelsack-Keltenfest in Ortigueira
• Wikingerfest in Catoira (2002)
• Apostelfest in Santiago de Compostela (2001)

Kanarische Inseln
• Karneval von Las Palmas auf Gran Canaria (2023)
• Karneval von Santa Cruz de Teneriffa (1980)

Kastilien
• Karwoche - Die Trommelparade von Hellín (2007)
• Corpus Christi in Toledo (1980)
• Woche der religiösen Musik in Cuenca (1980)
• Wurst-Fest Botillo in León (2026)
• Fronleichnam in Béjar (2019)
• Stierrennen in Cuéllar (2018)
• Die Meuterei von Aranjuez (2014)

Region Murcia
• Mauren und Christen, Murcia (2025)
• Feier Unbefleckte Empfängnis von Yecla (2024)
• Karwoche in Cieza (2023)
• Die Nacht der Trommeln von Mula (2022)
• Karwoche in Jumilla (2019)
• Festival der Karthager und Römer von Cartagena (2017)
• Karneval von Águilas (2015)
• Proklamation der Huerta von Murcia (2012)
• Karwoche in Murcia (2011)
• Karwoche in Lorca (2007)
• Die Beerdigung der Sardine in Murcia (2006)
• Gesangfest Cante de las Minas de La Unión (2006)

Region Valencia
• Mauren- und Christen in Ontinyent (2024)
• Allerheiligen in Concentaina (2019)
• Mauren und Christen in Crevillente (2017)
• Karwoche in Orihuela (2010)
• Die Magdalena von Castellón (2010)
• Bullen- und Pferderennen in Segorbe (2005)
• Mauren und Christen in Villajoyosa (2003)
• Tomatenschlach La Tomatina in Buñol (2002)
• Palmsonntagsprozession in Elche (1997)
• Musikfest Habaneras- und Polyphonie in Torrevieja (1994)
• Johannisfeuer San Juan in Alicante (1983)
• El Misterio de Elche (1980)
• Feuerfest Fallas in Valencia (1980)
• Mauren und Christen in Alcoy (1980)

Gastro-Partys
Vor allem in Nordwestspanien sind kulinarische Fiestas das Maß aller Dinge. Auch wenn sie das höchste Gütesiegel des Tourismus nicht erhalten haben, sind sie sehr attraktiv. Die lange Küste und das grüne Hinterland bringen die frischesten Produkte ins Land.

So gibt es in Silleda das Fest der Pastete, in O Grove das Fest der Meeresfrüchte, in Burella das Fest des Thunfischs, in Antas de Ulla das Fest des Käses, in Foz ein Fest der Herzmuscheln und auf dem Hauptplatz in Monterrei sogar das Fest der Paella. Das allerdings ist etwas kurios: In der gesamten Umgebung wächst kein Reis.

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Text: / handwerksblatt.de

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