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HWK Koblenz | März 2026
Buntes Treiben in den Töpfereien der Region
Auch im Bezirk der HwK Koblenz laden am 14. und 15. März wieder zahlreiche Keramikwerkstätten zum bundesweiten "Tag der offenen Töpferei" ein.
Blick auf Davos: Gesundheitliche Gründe verschlugen Kirchner dorthin, wo eine Hütte auf der Stafelalp schließlich sein Domizil wurde. (Foto: © Günter Schenk)
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März 2026
In Davos rührt das Grab des Künstlerpaares Kirchner die Seele. Über das Leben des Expressionisten Ernst Ludwig Kirchner, geprägt durch Höhen und Tiefen.
Zwei grobe Steine stecken im schlichten Blumenbeet, das je nach Jahreszeit neu bepflanzt ist. Es ist das Grab des weltberühmten Malers Ernst Ludwig Kirchner und Erna, seiner Lebensgefährtin, die amtlich erst nach Kirchners Tod seine Frau wurde. Vier Zahlen markieren ihr Leben – Geburts- und Sterbedaten. Dazwischen das Ringen um ein gemeinsames Leben.
So harmonisch jedenfalls, wie das Familiengrab auf einem der schönsten Schweizer Waldfriedhöfe wirkt, war das Leben der Kirchners nur selten. In ihren Häusern am Rand von Davos aber fanden sie zuletzt auch ein bisschen näher zusammen. Von dort aus entdeckte der Kunst-Eremit Welten, die ihm in der Großstadt Berlin verborgen blieben. Berge und Bauern zum Beispiel, die in seinen Werken ganz neu Gestalt annahmen. Im Kirchner Museum Davos zeugen Gemälde und Skulpturen sowie viele Tausend Zeichnungen von seinem reichen Schaffen.
Kirchner, 1880 in Aschaffenburg geboren, schloss sich nach dem Studium der Architektur im Jahr 1905 der Dresdner Künstlergemeinschaft "Brücke" an, zu der später auch Maler wie Emil Nolde gehörten. "Der Geist formt, nicht das Auge, Phantasie und Eingebung stehen am Anfang jeder künstlerischen Arbeit und sind ein Geheimnis und Rätsel", formulierte Kirchner einmal seinen künstlerischen Anspruch, der ihn zu einem der stilbildenden Akteur des Expressionismus machte.
Weil er von seiner Kunst aber kaum leben konnte, zog Kirchner 1911 nach Berlin, wo er Erna Schilling kennenlernte, die ihm als Tänzerin in einem Nachtclub begegnete. Es war Liebe auf den ersten Blick, wie Kirchner gegen Ende seines Lebens einmal schrieb. Mit Ernst Ludwig und Erna hatten sich zwei gefunden, die sich brauchen konnten. Sie wurde seine Geliebte, wichtigste Bezugsperson und sein Modell auf gemeinsamen Reisen an die Ostsee, wo er sie immer wieder nackt malte und zeichnete. Ihr schlanker, fast schon kantiger Körper faszinierte ihn. "Ohne sie", gestand er einmal, "wären meine Bilder nur halb".
Nach der gescheiterten Künstlergemeinschaft mit den Malern der Brücke verschaffte Erna ihm neuen Lebensmut, als Kameradin mit Sinn für seine künstlerische Arbeit. Als sich Kirchner kurz vor dem Zweiten Weltkrieg als freiwilliger Helfer zum Fahrdienst meldete, stand ihr Verhältnis vor der ersten größeren Herausforderung. Denn schon in der Ausbildung brach er nervlich zusammen:
Mit Alkohol, Schlafmitteln und Drogen suchte er sich vergeblich Halt zu schaffen. Die Folge waren Entziehungskuren, die Museumsleute und Erna mit dem Verkauf seiner Bilder finanzierten. Gesundheitliche Gründe verschlugen Kirchner nach Davos, wo eine Hütte auf der Stafelalp – in einer kleinen Siedlung auf 1894 Meter Meereshöhe – schließlich sein Domizil wurde. Bergbauern bestimmten das Leben dort. Ihre von Wind und Wetter gegerbten Gesichter rückten jetzt wie auch die alpine Landschaft ins Zentrum seines Schaffens.
Im Spätsommer 1918 mietete er sich im Haus "In den Lärchen" ein, einem noch heute existierenden Bau im Davoser Stadtteil Frauenkirch. Hier wollte er nach den Wirren des Ersten Weltkriegs mit Erna neu zusammenfinden, die von Berlin aus Kirchners Werke unter die Leute brachte und darunter litt, dass sie so weit auseinander lebten. Um sie für den Umzug in die Schweiz zu überzeugen, schnitzte er für sie unter anderem ein Bett, das heute im Kirchner Museum steht.
Leicht aber war der Neuanfang ihrer Beziehung nicht. Schließlich hatte Ernst Ludwig in Zürich eine junge Tänzerin kennengelernt, die er als Aktmodell zu sich nach Frauenkirch einlud. In Ernas Weltbild passte die sich anbahnende Dreierbeziehung freilich gar nicht. Trotzdem gab sie die Berliner Wohnung samt Atelier auf und zog nach Davos, wo alte Konflikte neu aufflammten, weil Erna auf eine schnelle Heirat drängte – auch aus aufenthaltsrechtlichen Gründen. Kirchner aber sperrte sich gegen jede Eheschließung.
Als ihr Vermieter Eigenbedarf anmeldete, musste Kirchner nach einem neuen Zuhause suchen. 1923 bezogen die beiden das sogenannte Wildbodenhaus am Sertigal. In seinem Tagebuch nannte er es eine "wahre Freude für uns."
Auch im neuen Heim drängte Erna weiter auf die Heirat, die Ernst Ludwig aber weiter nicht wollte. In einem Doppelbildnis aus Arvenholz verschmolzen die beiden 1932 so zu einem ungleichen Paar, war Ernst Ludwigs Kopf fast doppelt so groß wie der von Erna. Es war Kirchners bildnerischer Ausdruck ihres Verhältnisses.
Das Leben im Wildbodenhaus war nicht einfach: kein Strom, ein Badebottich in der Küche, getrennte Schlafzimmer. Geplagt von Einsamkeit und dem erneut morphiumsüchtigen Lebenspartner kämpfte Erna mit Depressionen. Statt die Beziehungsprobleme zu lösen, schickte Ernst Ludwig seine Lebenspartnerin jahrelang auf verschiedene Reisen, wo sie sich um die Verkäufe seiner Arbeiten und neue Ausstellungen kümmern sollte.
Im Wildbodenhaus wurden Ernst Ludwig und Erna aber auch zu einem scheinbar untrennbaren Paar. Mit Katzen ersetzten sie die fehlenden Kinder. Für Ernst Ludwig war Erna längst seine Frau, die er 1936 in einem ersten Testament als gleichberechtigte Erbin neben seinen beiden Brüdern einsetzte. Schwer setzten ihm ein Jahr später die deutschen Nationalsozialisten zu, die einige seiner Werke in einer diffamierenden Ausstellung über "Entartete Kunst" über drei Millionen Betrachtern in ganz Deutschland zeigten.
Geplagt von der Angst, Hitler-Deutschland könnte sich nach Österreich auch die Schweiz einverleiben, beantragten die Kirchners am 9. Juni 1938 schließlich doch noch das Aufgebot zur Eheschließung. Für Ernst Ludwig aber war es mehr ein Verzweiflungsakt, zog er doch nur drei Tage später das Heiratsgesuch wieder zurück. Wieder drei Tage später versuchte er angeblich Erna zum Doppelselbstmord zu überreden, was diese aber ablehnte.
Am folgenden Morgen verfing sich das Paar in einen letzten lauten Streit. "In zehn Minuten", soll er ihr abschließend zornig entgegnet haben, "bist Du wieder Fräulein Schilling". Dann ging er vor sein Haus und erschoss sich. Mit der Weigerung, mit ihm zusammen zu sterben, hatte Erna Schilling, die sich immer als Frau Kirchner fühlte, aber inzwischen einen Schlussstrich unter das gemeinsame Leben gezogen. Es war der endgültige Abschied von Ernst-Ludwig Kirchner, dessen letztes Gemälde noch auf der Staffelei stand: eine in gelben Farben leuchtende Schafherde vor dem dunklen Haus am Wildboden.
Drei Tage später trug man ihn zu Grabe. Erna blieb weiter im Wildbodenhaus wohnen, bis sie 1945 in Davos an Brustkrebs starb. Ihr Totenschein wurde auf "Erna Kirchner" ausgestellt, ihr Stand mit "verwitwet" markiert. Davos zeigte sich ihr gegenüber zum Schluss von seiner besten Seite. Auf dem sehenswerten Waldfriedhof unweit ihrer einstigen Wohnung liegen Erna und Ernst Ludwig heute Seite an Seite, ganz so als hätte es nie Streit zwischen den beiden gegeben.
InformationenDer Waldfriedhof in der Friedhofstraße ist mit dem Auto leicht zu erreichen oder zu Fuß vom Bahnhof Frauenkirch in einer knappen Viertelstunde. Hinter dem Friedhof liegt das Wildbodenhaus. Das Kirchner Museum (E.L. Kirchner Platz, Promenade 82) ist von Dienstag bis Sonntag von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Es präsentiert Wechselausstellungen mit seinen Werken.
🔗 www.davos.ch
🔗 www.kirchnermuseum.chDHB jetzt auch digital!Einfach hier klicken und für das digitale Deutsche Handwerksblatt (DHB) registrieren!
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