Malerische Idylle: Der kleine Hafen von Althagen mit den Zeesbooten "Sannert" und "Blondine". (Foto: © Jürgen Ulbrich)

Malerische Idylle: Der kleine Hafen von Althagen mit den Zeesbooten "Sannert" und "Blondine". (Foto: © Jürgen Ulbrich)

Von Boddenfischern und Rohrdachdeckern

Panorama - Reise

Das Ostseebad Ahrenshoop in Mecklenburg-Vorpommern ist die Heimat eines der letzten Boddenfischer und für seine prächtigen Rohrdächer bekannt.

"Nein, das ist nicht Backbord, das ist Steuerbord, du musst das Ruder korrigieren", sagt Kapitän Andreas Schönthier, Besitzer des  "FZ 16 Blondine". Ich befolge seinen Rat, richte das Ruder neu aus und auf Anhieb trägt der Wind das 1935 auf der Jarling-Werft in Freest gebaute, 11,65 lange Zeesboot mit seinen typischen braunen Segeln auf den Saaler Bodden hinaus. Mit diesen eleganten Holz-Zweimastern ging man einst mit Zessen, so der Name der sackförmigen Netze, auf Fischfang.

Im Einklang mit Wind und Wetter

Blondines Heimathafen ist Althagen, ein kleiner Ortsteil des als Künstlerkolonie bekannten Ostseebads Ahrenshoop im Landkreis Vorpommern-Rügen auf der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst in der Vorpommerschen Boddenlandschaft, vormals die historische Grenze zwischen Mecklenburg und Vorpommern. Hier lebt Skipper Schönthier im Einklang mit Wind und Wetter. Er ist einer der letzten Fischer am Bodden, etwa 40 Kilometer nordöstlich von Rostock.

Von der Landratte zum Seebär

"Mein Patent als Hochseefischer habe ich noch an der damaligen Seefahrtschule im nahen Wustrow gemacht", erzählt der nie um eine Anekdote verlegene Schönthier. Im Alter von 16 Jahren zog es den aus einer alten Hugenotten-Familie stammenden Seebären aus Freiberg in Sachsen ins Fischland, nach kurzer Zeit als Hochseefischer arbeitete er lange Zeit in der örtlichen Fischerei-Genossenschaft.

Start in eine erfolgreiche Zukunft

"Zu DDR-Zeiten haben wir unseren Fang lebend aus den Booten heraus verkauft", erinnert sich Schönthier, während er die Segel seiner "Blondine" immer im Blick behält, "doch nach der Wende musste die Genossenschaft schließen." Seinerzeit ahnte der umtriebige Fischland-Sachse noch nicht, dass dies der Start in eine erfolgreiche Zukunft sein sollte, denn fortan verkaufte er seinen Fang, meist Zander, Barsch, Hecht und Aal, an umliegende Restaurants.

Segelspaß für Jung wie Alt

Und das mit so großem Erfolg, dass er gemeinsam mit seiner Frau Susanne beschloss, ein eigenes Restaurant am damals versandeten Hafenbecken von Althagen zu bauen. Heute ist das "Räucherhaus" über die Region hinaus bekannt, daneben vermietet das Ehepaar Ferienwohnungen und Schönthier ist Hafenmeister des von ihm wieder aufgebauten Hafens von Althagen. Und nicht nur mit der "Blondine", die er im Jahr 2000 erwarb, bietet der Seemann seine Zeesboot-Ausflüge auf dem Bodden an, die ebenfalls im Hafen liegende, 1912 gebaute "FZ 33 Sannert" sorgt für viel Segelspaß für Jung und Alt.

Der Bodden sollte nicht unterschätzt werden

Allerdings sollte man das relativ flache, lagunenhafte Binnengewässer nicht unterschätzen. Wie das vermutlich aus dem Niederdeutschen stammende Wort "Bodden" (hochdeutsch "Boden" oder "Grund") schon impliziert, beträgt die Wassertiefe im Bodden nur durchschnittlich zwei Meter. Trotzdem war schon so mancher Freizeitkapitän, der hier starkem Wind – unter Seefahrern auch "Kuhsturm" genannt – ausgesetzt war, heilfroh, durch die spitzen hohen Seen, die Boote manchmal bis zum Mast in dem graugrünen Wasser verschwinden lassen, wieder zurück in den schützenden Hafen zu kommen.

Prächtige Rohrdächer

Die Bodden-Landschaft hatte in der Vergangenheit jedoch nicht nur große Bedeutung für den Fischfang, vielmehr war sie viele Jahrhunderte der Lieferant eines typischen wie traditionsreichen Naturbaustoffes, der bis heute nichts von seiner Nachhaltigkeit und Exklusivität verloren hat: das inzwischen geschützte Schilfrohr. Davon zeugen die prächtigen Ahrenshooper Dächer aus Rohr, so wird der nachwachsende Rohstoff an der Ostsee genannt – im Gegensatz zur Nordsee und den Reetdächern.

Putzen auf dem Malergarten

"Früher haben wir das Rohr noch selbst geschnitten", erzählt Dachdecker-Meister Ulf Brandenburg (58), der sich 1988 selbstständig machte und sein Geschäft bereits vor Jahren seinem Nachfolger Daniel Schossow, Bürgermeister des Ostseebads Wustrow, übergeben hat. "Inzwischen importieren wir das Rohr vorwiegend aus Polen, Ungarn, Rumänien und China", ergänzt Schossow, während wir den Gesellen mit ihren Hackleitern auf dem Dach des Rohrdachhauses "Malergarten" bei Ausbesserungsarbeiten zusehen.

Mollig warm und angenehm kühl

"So ein Rohrdach muss alle zehn bis 15 Jahre geputzt werden, besonders wegen des Moosbefalls, erklärt Schossow. "Außerdem wittert es pro Jahr um circa einen Zentimeter ab. Gute Dächer halten allerdings 30 bis 50 Jahre", sagt Brandenburg, "bei guter Pflege sogar noch länger. Rohrdächer haben ein sehr angenehmes Wohnklima, das Schallempfinden ist gedämpft, im Winter ist es mollig warm und im Sommer angenehm kühl", erklärt der Rohrdach-Profi.

Das hat seinen Preis, zwischen 130 und 150 Euro kostet ein Quadratmeter neuen Rohrdachs, mindestens sechs Wochen Arbeitszeit mit zwei Kolonnen à drei Mann würde das Neudecken des Romantik Hotels in Anspruch nehmen. "Zum Glück regnet es nicht, uns würde das Wasser entgegenkommen, da wir von unten nach oben arbeiten", merkt Brandenburg an.

Sorgenvoller Blick in die Zukunft

Während Dachdecker Falk Nonning die nächsten Rohrbunde, die mindestens zwei Jahre gelagert werden, für Traufe und Gaube mit viel Fingerspitzengefühl und Augenmaß mit der Motorsäge zuschneidet, macht sich Brandenburg Sorgen um sein Handwerk, das von Nachwuchssorgen geplagt wird. "Es ist sehr schade, dass wir keine Lehrlinge finden, denn wir haben eine sehr gute Auftragslage, wir kommen kaum mit der Arbeit nach."

Bald immaterielles Weltkulturerbe der Unesco?

Da hilft es auch nicht, dass das Reetdachdecker-Handwerk bereits 2014 von Deutschland für das immaterielle Weltkulturerbe der Unesco vorgeschlagen wurde, die Jugendlichen zeigen wenig Interesse. "Wer sich für die Ausbildung als Dachdecker interessiert, ist bei uns herzlich willkommen", lädt Brandenburg junge Leute auf Berufssuche ein. Er selbst erinnert sich noch heute gern an eine Einladung aus dem Sunshine State Florida: Superstar Julio Iglesias engagierte Brandenburg und dessen Team, um mehrere Wochen das Dach seines Anwesens in Miami mit Rohr zu decken.
Fotos: © Jürgen Ulbrich
Infos zu Mecklenburg-Vorpommern, Fischland-Darß-Zingst und Ahrenshoop
Segelausflüge auf den Bodden bietet Andreas Schönthier täglich von Mai bis Oktober für EInzelpersonen oder für Gruppen an, Voranmeldung ist aufgrund der großen Nachfrage erwünscht. An Bord wird auf Wunsch eine deftige Räucherfischplatte aus der hauseigenen Räucherkammer mit Brot und frischen Getränken serviert. Mehr Infos und Preise finden Sie unter "Räucherhaus", Segelseite. Umfangreiche Infos zu Zeesbooten bietet die Internet-Seite "Braune Segel".
Hotel-Tipps
Seit 1931 kümmert sich Familie Radszuweit in Ahrenshoop-Niehagen um Feriengäste, heute können sich Besucher zwischen vier Hotels in familiärer Atmosphäre entscheiden: "Landhaus Susewind", "Landhaus Morgensünn", "Pension Am Kiel" und "Haus Strandgut". Ebenfalls unter mehreren Häusern können Sie im Romantik Hotel "Namenlos & Fischerwiege" wählen: die beiden Vier-Sterne-Hotels "Namenlos" und "Fischerwiege" sowie "Bergfalke" und "Dünenhaus".
Restaurant-Tipps
Das Restaurant "Räucherhaus" von Susanne und Andreas Schönthier bietet eine reiche Auswahl an geräucherten und frischen Bodden- und Ostseefischen. Natürlich können Sie auch im Terrassenbereich mit Blick auf den Althagener Hafen die frisch geräucherten Delikatessen der "Räucherei" genießen. Feinschmecker nehmen den kleinen Weg nach Diernhagen in Kauf und speisen in dem mit einem Michelin-Stern und 16 Gault-Millau Punkten ausgezeichneten Küche von Pierre Nippkow in der Ostseelounge.
Veranstaltungs-Tipp
6. Kammermusiktage Ahrenshoop, 15. – 23. Oktober. 2016

Text: / handwerksblatt.de

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