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Junge Fachkräfte aus dem Ausland sind für das Handwerk unentbehrlich

Politik

Gastbeitrag: Sprachbarrieren und Zeitdruck mindern die Erfolgschancen von ausländischen Auszubildenden bei der Gesellenprüfung.

Wer in Deutschland einen Handwerker braucht, muss sich auf eine lange Wartezeit gefasst machen. Zu wenig Personal, zu wenig Nachwuchs, zu wenig Auszubildende, wird erklärt. Die Situation der Ausbildung im Handwerk wäre noch schwieriger, wenn es nicht die steigende Zahl der jungen Einwanderer gäbe. Während die Zahl der Azubis seit 2011 bis heute bundesweit von 810.339 auf 671.922 gesunken ist, stieg der Anteil der ausländischen Lehrlinge laut dem Statistischen Bundesamt in derselben Zeit von 40.347 auf 65.103.

Mehr Studienanfänger als Auszubildende

Das Handwerk bedauert, dass viele Schülerinnen und Schüler mit guten oder sehr guten Noten sich für ein Studium statt für einen Handwerksberuf entscheiden: 2022 wurden in Deutschland mehr Studienanfänger als neue Auszubildende gezählt (490.000 zu 466.000). Bei ausländischen Azubis, insbesondere bei den Asylbewerbern, ist dagegen die ganze Bandbreite der Begabungen vorhanden. Auch die Hochbegabten suchen einen Ausbildungsplatz vorwiegend im Handwerk.

Mit großem Eifer versuchen sie deshalb, so schnell wie möglich Deutsch zu lernen. Das gestaltet sich oft schwierig. Ist ihr Antrag auf Asyl noch nicht positiv entschieden, sind die Geflüchteten zu keinem Deutschkurs zugelassen, es sei denn, sie finden jemanden, der die nicht geringen Kosten dafür übernimmt. So vergeht wertvolle Zeit mit wenig Kontakt zu Deutschen. Und wenn sie dann endlich zu Sprachkursen A1, A2 und B1 zugelassen sind, müssen sie in kürzester Zeit einige tausend neue Wörter samt der komplizierten deutschen Grammatik lernen. Die Fähigkeit, Sprachen zu lernen, nimmt mit dem Alter ab. Was kleinen Kindern leicht fällt, ist für Erwachsene schwer.

Problem Fachsprache

Wer es geschafft hat, die vorgesehenen Sprachprüfungen zu bestehen, ist dennoch weit entfernt von der Fachsprache der jeweiligen Ausbildung. Es gibt keine "einfache Sprache" in Fachbüchern. Selbst in Wirtschafts- und Sozialkunde kommt ein ausländischer Lehrling mit seinen Kenntnissen aus den allgemeinen Sprachkursen nicht weit. Wenn er dann – wie in der Gesellenprüfung – unter Zeitdruck verstehen und beantworten muss, was er liest, erbringt er oft schlechtere Leistungen, als es seinem eigentlichen Kenntnisstand entspricht.

Deutschland liebt besonders die zusammengesetzten Substantive. So müssen auch in der Prüfung alle langen Wörter aus dem Aufgabensatz richtig verstanden werden, zum Beispiel Ausbildungsförderungsamt, Umlaufgeschwindigkeit, Unfallverhütungsvorschriften, Lohnfortzahlungsgesetz und so weiter. Menschen mit Muttersprache Deutsch lesen solche Wörter als Ganzes und erkennen so die darin enthaltenen Einzelwörter. Ein ausländischer Mitbürger liest Buchstabe für Buchstabe und kann deshalb die enthaltenen Einzelwörter nicht oder nicht sofort erkennen.

Schüler mit Verständnisproblemen

Dazu macht die Vielzahl der Bedeutungen von abgeleiteten Wörtern Probleme: Ein Risiko wird abgedeckt, etwas bleibt unberücksichtigt, etwas wird verursacht, etwas zählt zu... Bei der Frage "...was beruht auf...?" hatte mein Schüler Verständnisprobleme, weil er die Formulierung mit den ihm bekannten Wörtern "Ruhe" und "ausruhen" in Verbindung brachte. Ähnliche Schwierigkeiten bereiteten ihm die Fragen: In welchem Gesetz ist das Recht auf freie Berufswahl verankert? Oder: In welchem Gesetz ist ein rechtskräftiger Vertrag zustande gekommen? Er wusste die richtigen Antworten, als ich "ist verankert" mit "wo steht" übersetzte, und statt "zustande gekommen" "gemacht" sagte.

In der Gesellenprüfung müssen von 45 Multiple-Choice-Aufgaben 40 beantwortet werden. Dazu kommen vier Textaufgaben, die schriftlich beantwortet werden müssen. Die vorgesehene Bearbeitungszeit beträgt 60 Minuten. Ich halte es für ungerecht, dass Ausländern mit Sprachproblemen nicht wenigstens mehr Zeit für die Prüfung eingeräumt wird. Noch besser wären allerdings Prüfungsfragen in einfacher Sprache.

 

Kommentar zum Beitrag von Dr. Rose Götte

Frau Dr. Rose Götte ist mit der beruflichen Bildung in Rheinland-Pfalz bestens vertraut und beschreibt in ihrem Gastbeitrag ein ernstzunehmendes Problem, das wir aus der täglichen Ausbildungspraxis kennen. Insofern ist dies ein guter Denkanstoß für eine Debatte, wie wir die Situation verbessern können.

Fakt ist, dass junge Menschen mit Migrationshintergrund, die zu uns kommen und bleiben möchten, eine Perspektive brauchen. Das Handwerk ist froh um jeden, der Interesse an einem handwerklichen Beruf hat und Talent mitbringt. Wir brauchen junge Menschen gleich welcher Nationalität, um den hohen Nachwuchs- und Fachkräftebedarf zu decken.

Die Herausforderung dabei ist, alle Prüflinge gleich zu behandeln, denn es gibt auch deutsche Auszubildende mit erheblichen Leseverständnis- und/oder Rechtschreibschwächen oder anderen Beeinträchtigungen. Auch diese Prüflinge tun sich schwer damit, Prüfungsfragen in einem bestimmten Zeitfenster zu verstehen und zu beantworten.

Mein Vorschlag wäre deshalb, bereits während des Ausbildungsprozesses dafür zu sorgen, dass junge Menschen mit Migrationshintergrund die deutsche Sprache gut genug lernen können, um sowohl in der Berufsschule als auch im Betrieb den mitunter hohen Anforderungen des Berufes gerecht zu werden. Die Landessprache zu beherrschen, ist der Schlüssel zur Integration und zu einem erfolgreichen Berufsleben. Denkbar wäre zudem mehr fachsprachliche Unterstützung, um derartige Defizite gezielt auszugleichen.
Die Ausbildung im Handwerk dauert in der Regel drei bis dreieinhalb Jahre. Dies sollte genug Zeit sein, um betroffenen jungen Menschen ein geeignetes Angebot zu machen.
Rita Petry
Geschäftsführerin der Handwerkskammer der Pfalz

Zur Person

Dr. Rose Götte Foto: © privat/Rose GötteDr. Rose Götte Foto: © privat/Rose Götte

Dr. Rose Götte wurde 1938 in Cleebronn geboren. Nach dem Studium der Germanistik, Pädagogik und Philosophie promovierte Götte zum Dr. Phil. Götte ist verheiratet und hat drei Kinder. Sie war beteiligt an der Gründung einer modernen Kindertagesstätte und ist Autorin des Praxisbuches "Sprache und Spiel im Kindergarten". Nach sieben Jahren Lehr- und Forschungstätigkeit an der Universität Landau wechselte Götte in die Politik. 1979 wurde sie in den Landtag, 1987 in den Bundestag gewählt. Von 1991 bis 2001 war Götte Ministerin für Kultur in Rheinland-Pfalz. Im Ruhestand gründete sie eine neue Tagesstätte: Gemeinsam mit zwei Fachkräften und zwanzig Ehrenamtlichen versuchte sie, einen Ort zu schaffen, an dem sich Menschen mit Demenz wohlfühlen und aktiviert werden. In Rodenbach gibt sie bis heute Deutschunterricht für Flüchtlinge.

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Text: / handwerksblatt.de

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