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Ein Schein für alles, was man kann

In Deutschland muss alles brav dokumentiert sein. Doch nicht alle Kompetenzen, die man beruflich oder privat erworben hat, können auf Papier nachgewiesen werden. Ein Validierungsverfahren soll Abhilfe schaffen.

Foto: © auremar/123rf.com

Im Leben muss der Rubel rollen – manchmal egal wie. Der eine hat die Schule geschmissen, jobbt und wird schließlich als Helfer beschäftigt. Eine andere findet in ihrem erlernten Beruf keine Stelle, orientiert sich neu und verdient fachfremd gutes Geld. Mit der Zeit eignen sich beide Kompetenzen an, die für ihren Beruf wichtig sind und sie können genauso fit wie ihre Kollegen mit Gesellenbrief sein. Doch um beruflich ein-, um- oder aufzusteigen, fehlt ihnen etwas: ein Dokument oder Zertifikat, das ihnen ihr Know-how bescheinigt.

Hier setzt die Initiative ValiKom an. Mithilfe eines Validierungsverfahrens sollen Kompetenzen ermittelt und bescheinigt werden. "Das kann informell erworbenes Wissen sein, welches man sich als Jugendtrainer oder bei der Freiwilligen Feuerwehr angeeignet hat, aber auch non-formales Wissen aus der beruflichen Praxis, das man nicht im Rahmen einer Aus- oder Fortbildung erlangt hat", verdeutlicht Knut Heine, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Münster. Angesprochen werden sollen Berufserfahrene über 25 Jahre, die keinen Berufsabschluss haben oder in einem anderen als ihrem erlernten Beruf arbeiten.

Die Initiative "ValiKom" ist ein Verbundprojekt. Die Abkürzung steht für "abschlussbezogene Validierung non-formal und informell erworbener Kompetenzen". Mitwirkende sind die Handwerkskammern Dresden, ­Hannover, München und Münster sowie die IHK Köln, Halle-Dessau, München und Stuttgart. Koordiniert wird das Projekt vom Westdeutschen Handwerkskammertag. Mit der wissen­schaftlichen Begleitung wurde das Forschungsinstitut für Berufsbildung im Handwerk an der Universität zu Köln betraut. Fördermittel stellt das Bundesbildungsministerium bereit.

Acht Kammern werden das vierteilige Validierungsverfahren zunächst erproben. Es beginnt mit einem Beratungsgespräch. Darin klärt sich, wie das Prozedere abläuft und welche Dokumente erforderlich sind. Außerdem wird für die erworbenen Kompetenzen nach dem passenden Referenzberuf gesucht. Ein Beispiel: Wer jahrelang Brot, Brötchen und Gebäck verkauft hat, wird sich daran messen lassen müssen, was eine Bäckereifachverkäuferin kann.

Als zweiter Schritt folgt die Dokumentation. "Der Bilanzierungs- und der Selbsteinschätzungsbogen helfen dem Antragsteller dabei, sein bisheriges Leben strukturiert zu reflektieren und sie sind Grundlage für den dritten Schritt des Validierungsverfahrens, die Bewertung", erläutert Knut Heine.

Dabei schaut die Kammer die Antragsunterlagen durch und entscheidet, in welchen Bereichen des Referenzberufes eine Fremdbewertung nötig ist. Darum kümmern sich zwei Berufsexperten, beispielsweise ein Mitarbeiter der Handwerkskammer und ein ehrenamtlicher Prüfer. "Durch eine Arbeitsprobe, ein Fachgespräch oder Probearbeit im Betrieb kann dieses Tandem feststellen, inwieweit die theoretischen und praktischen Kenntnisse des Antragstellers mit den im Referenzberuf geforderten Kompetenzen vergleichbar sind."

Den Schlusspunkt bildet die Zertifizierung. Die Kammer stellt ein Validierungszertifikat aus, das die volle oder teilweise Gleichwertigkeit mit dem Referenzberuf bescheinigt.

Kammern bereiten Validierungsverfahren vor

Zurzeit werden 160 Validierungsverfahren vorbereitet – 20 pro beteiligte Kammer. "Wir sind gerade in der Akquisephase", sagt Knut Heine. Passende Bewerber könnten etwa die Arbeitsagenturen und Jobcenter in ihrer Kartei haben. Die praktische Erprobung beginnt im März. Sie dauert voraussichtlich ein Jahr. Jede Kammer hat sich für zwei Schwerpunktberufe entschieden. In Münster sind dies der Maler und Lackierer sowie der Friseur. "Wir brauchen mindestens zehn Bewerber aus jedem der beiden Berufe, damit wir vergleichbare Ergebnisse bekommen. Sollten es noch mehr werden oder sollte sich ein Metallbauer bei uns melden, schicken wir sie ganz bestimmt nicht weg."

Ob das Validierungsverfahren den von der Politik erhofften Erfolg bringt, hängt für Knut Heine von zwei Faktoren ab: Glaubwürdigkeit und Akzeptanz. "Fehlen einem Bewerber die Kompetenzen, die ihm das Validierungszertifikat bescheinigt, werden die Arbeitgeber enttäuscht sein." Deshalb wird es wichtig sein, Kompetenzen einheitlich zu bewerten. Ist dies gewährleistet, könnten positive Impulse vom neuen Instrument ausgehen: "In Deutschland darf der berufliche Aufstieg nicht daran scheitern, dass jemandem ein Schein fehlt."

Bernd Lorenz; Foto: © auremar/123rf.com

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