von links: Dr. Ulrich Breilmann, Vorsitzender des Tarif-Ausschusses, IG-Metall-Bezirksleiter Thomas Weilbier, Auszubildender Kelvin Nganga, VRR-Vorstandssprecher Oliver Wittke, Auszubildender Noel Schwedhelm, Landesverkehrsminister Oliver Krischer, WHKT-Hauptgeschäftsführer Dr. Florian Hartmann und Martin Böhm, Präsident des Fachverbandes der Elektro- und Informationstechnischen Handwerke NRW. (Foto: © Ministerium für Umwelt, Naturschutz und Verkehr des Landes Nordrhein-Westfalen)

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Erstes kostenfreies Deutschlandticket für Azubis

Betriebsführung

Für Azubis im Elektrohandwerk in Nordrhein-Westfalen gibt es ab Februar ein kostenfreies Deutschlandticket: Das bundesweit einzigartige Projekt setzt ein Zeichen für moderne Mobilität und attraktives Handwerk. Weitere Gewerke sollen folgen.

Ab Februar erhalten die Auszubildenden im Elektrohandwerk in Nordrhein-Westfalen ein kostenfreies Deutschlandticket; den ermäßigten Preis von 37,80 Euro im Monat übernehmen ihre Ausbildungsbetriebe. Die Azubis können damit zum Betrieb fahren, zur Berufsschule, zu Freunden, zum Sport und am Wochenende quer durch Deutschland.

Die Abrechnung erfolgt direkt zwischen den Verkehrsunternehmen und den Betrieben, die die Tickets bestellen. Zunächst gilt das nur für Innungsbetriebe, Ziel ist die Allgemeinverbindlichkeit. Regulär kostet das Deutschlandticket 63 Euro. Der reduzierte Preis ist möglich, weil es sich um ein Solidarmodell handelt – ähnlich dem Semesterticket für Studierende. Das bedeutet, dass jeder das Ticket nehmen muss, und nicht nur diejenigen, die es regelmäßig nutzen. Die Differenz zum Regelpreis wird aktuell aus  Drittmitteln finanziert.

Das Pilotprojekt ist bundesweit einzigartig und soll wegweisend sein. Möglich gemacht haben das der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR), das Verkehrsministerium NRW, der Westdeutsche Handwerkskammertag (WHKT), der Fachverband Elektro- und Informationstechnische Handwerke NRW (FEH.NRW) und die IG Metall NRW.

Minister Krischer: "Ich bin sicher, das Solidarmodell wird bundesweit Schule machen"

"Ich bin sicher, das Solidarmodell wird bundesweit Schule machen. Unser Ziel ist es, dass alle Azubis mit Ausbildungsvertrag ein Deutschlandticket bekommen", sagte Landesverkehrsminister Oliver Krischer vor der Presse in Düsseldorf. Das Elektrohandwerk gehe voran, um die betriebliche Ausbildung noch attraktiver zu machen, aber auch um den öffentlichen Nahverkehr zu stärken. "Wir setzen darauf, dass weitere Branchen folgen", so der Minister.

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Kelvin Nganga, Auszubildender bei Böhm Elektrobau (l.), und Noel Schwedhelm, Auszubildender bei der Breilmann AG, freuen sich über das Deutschlandticket. Foto: © Kirsten FreundKelvin Nganga, Auszubildender bei Böhm Elektrobau (l.), und Noel Schwedhelm, Auszubildender bei der Breilmann AG, freuen sich über das Deutschlandticket. Foto: © Kirsten Freund

Allein in Nordrhein-Westfalen gebe es rund 270.000 Auszubildende, die dafür in Frage kämen, bundesweit seien es etwa 1,2 Millionen. Das Deutschlandticket sei ein Erfolgsmodell. Es habe die Tariflandschaft und den ÖPNV in den letzten Jahren revolutioniert. Deutschlandweit gibt es rund 14 Millionen Abokunden. "Da ist noch viel Luft nach oben", so Krischer. "Eine wichtige Gruppe, die wir gewinnen wollen, sind die Auszubildenden."   

VRR-Vorstandssprecher Oliver Wittke hat das Projekt von Anfang an unterstützt. Er sieht darin "einen echten Mehrwert für die Auszubildenden, der über Arbeitszeit und Entlohnung weit hinausgeht, weil das Deutschlandticket Mobilität sichert". 70 Prozent der Schülerinnen und Schüler im VRR-Gebiet hätten ein vergünstigtes Deutschlandticket. Es sei nur schwer vermittelbar, dass es nach dem Schulabschluss nur für die Studierenden ein vergünstigtes Angebot gibt und nicht für die Auszubildenden. "Sie erhalten eine attraktive Möglichkeit, den öffentlichen Personennahverkehr günstig und unkompliziert in ganz Deutschland zu nutzen", so Wittke. Er räumt aber auch ein, dass das Angebot ausgebaut werden muss. "Wir sind uns dieser Verpflichtung bewusst."

Ab 2019 gab es bereits ein vom Land gefördertes Azubiticket in NRW. Kurz nach dem Start des Deutschlandtickets für 49 Euro Mitte 2024 wurde es dann eingestellt. Der Westdeutsche Handwerkskammertag hat sich seither für ein neues Azubi-Ticket ähnlich dem Semesterticket eingesetzt – unter anderem in seinem Projekt "Mobility Hub Handwerk" für mehr nachhaltige Mobilität im Handwerk.

WHKT-Hauptgeschäftsführer Dr. Florian Hartmann und VRR-Vorstandssprecher Oliver Wittke hatten die Idee verschiedenen Fachverbänden vorgestellt. Umgesetzt wurde sie nun erstmals von den Tarifpartnern des Elektrohandwerks. Federführend waren hier Martin Böhm, Präsident des Fachverbandes der Elektro- und Informationstechnischen Handwerke, der Vorsitzende des Tarif-Ausschusses Prof. Dr. Ulrich Breilmann und IG-Metall-Bezirksleiter Thomas Weilbier. Trotz der komplexen Materie konnte die Lösung kurzfristig mit dem VRR und dem Ministerium umgesetzt werden.

Für die Ausbildungsbetriebe bedeutet das jetzt: Bestehende Job-Tickets kündigen und die neuen – stark vergünstigten Deutschlandtickets – für ihre Azubis bei den Verkehrsunternehmen bestellen.

Für Florian Hartmann ist das Azubiticket ein Herzensanliegen und ein wichtiger Mosaikstein auf dem Weg zur Gleichwertigkeit von akademischer und beruflicher Bildung. "Wir hoffen, dass weitere Gewerke diesem Beispiel folgen werden", sagt Hartmann, denn solche Initiativen würden die Attraktivität des Handwerks – die Fachkräftesicherung und Zukunftssicherung - insgesamt stärken. Die landesweite Umsetzung und die enge Zusammenarbeit der Partner hätten Vorbildcharakter.

Dass die Arbeitgeber die Kosten komplett übernehmen, sei auch eine Anerkennung und Wertschätzung gegenüber den Auszubildenden, so FEH.NRW-Präsident Martin Böhm. "Auch die Arbeitgeber wollen etwas zur Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung beitragen."

VRR-Vorstandssprecher Oliver Wittke ist optimistisch, dass das Azubiticket bald in vielen Tarifverträgen verankert sein wird. Er bot sogar eine Wette an: "Ich bin ziemlich sicher, dass wir in fünf Jahren nicht mehr über das Deutschlandticket für Azubis sprechen müssen, weil es dann eine Selbstverständlichkeit sein wird." Erste Gespräche mit anderen Gewerken im und außerhalb des Handwerks laufen.

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Text: / handwerksblatt.de

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