Kolumne: "Kopiert ist noch nicht kapiert!"
In dieser Ausgabe der Kolumne Werkbank + Wandel schreibt cocon-Gründer Daniel-John Riedl über die Frage, ob KI uns dümmer macht – oder nicht.
Dieser Artikel gehört zum Themen-Special Kolumne: "Werkbank + Wandel"
Künstliche Intelligenz macht uns dümmer!? Den Satz in den letzten Monaten auch schon mal gehört? Für den Moment lässt sich allerdings wohl erst einmal festhalten, dass sie das natürlich nicht per se tut. Genau genommen gibt man da "dem" Falschen die Schuld. Denn dem grundsätzlichen Umstand, dass wir immer dümmer werden möchte ich gar nicht widersprechen. Das ist wohl ganz einfach so. Punkt.
Ob Pisa Studie, Abiturbewertungen, Qualität an Ausbildungsstätten und Hochschulen, bis hin zu N=1 – und davon hunderte – Erfahrungen im täglichen Berufsleben. Flächendeckend zeigt sich: Schlauer, inhaltsvoller, geistreicher, zielführender und substanzieller werden die Inhalte und Auseinandersetzungen nicht. Aber statt der KI nun dankbar die Schuld zu geben würde ich sie doch lieber als den Verstärker verstehen, der uns die Dummheit unübersehbar, unüberhörbar macht.
Und welche Dummheit ist das? Die fehlende Bereitschaft Nachzudenken!
Wer einer KI eine Frage stellt, bekommt in Sekunden eine Antwort, die klug klingt, sauber aufgebaut und auf den ersten Blick plausibel ist. Das fühlt sich an wie eine Abkürzung zum Ziel. Erkenntnisgewinn. Der Gewinn steckt aber meist nicht im Ergebnis sondern im Suchen, Prüfen, Zweifeln, ordnen, Nachdenken.
In einem Satz: Eine Antwort zu bekommen ist nicht dasselbe, wie eine Antwort zu verstehen, geschweige denn sie zu entwickeln.
Das gilt weit über KI hinaus. Kaum vergeht eine Woche, ohne dass Kommunikations-Trend, eine neue Plattform oder eine neue Methode zur großen Chance erklärt wird. Und schnell entsteht der Eindruck, wir müssten jetzt aufspringen und am besten schon einen Plan präsentieren, wie sich das Neue gewinnbringend für uns, unsere Kunden und Partner einsetzen lässt. Hand aufs Herz. Ich stelle mir das im Großteil des Mittelstands und Handwerks unrealistisch vor. Der Großteil der Energie fließt in Produkte, Leistungen und die Menschen, die sie möglich machen. Wenn dann jede neue Idee sofort auf die Werkbank muss, entstehen leicht viele angefangene Initiativen und wenige, die wirklich zünden und langfristig etwas verändern oder zumindest Bestand haben. Man könnte auch sagen: Ein Strohfeuer macht auch Licht. Nur halt enttäuschend kurz.
Nein, das ist kein Plädoyer für Misstrauen und Innovationsangst! Wer ein Werkzeug verstehen will, probiert es auch aus. Aber um uns nicht im Probieren zu verlieren, sollten wir uns klar darüber sein was wir eigentlich bauen wollen. Genauso ist es mit neuen Technologien und Ideen. Erst wenn wir ihren Kern verstanden haben, können wir beurteilen, ob sie zur Beantwortung der Herausforderungen, oder Aufgaben in unserem Betrieb beitragen, welches Problem sie lösen, oder wie sie unseren Kunden wirklich nützen.
Kopieren ist der schnelle Weg. Kapieren braucht Zeit. Die richtigen Fragen stellen, Zusammenhänge erkennen und auch bereit sein, Gedanken wieder zu verwerfen. Und das immer wieder.
Vielleicht helfen dir dafür diese drei Schritte, wenn dir das nächste "große Ding" begegnet:
- Innehalten: Was steckt tatsächlich dahinter? Was ist die Idee jenseits der Hypes und Buzzwords?
- Bedeutung prüfen: Welches konkrete Problem löst es für unseren Betrieb, unsere Mitarbeitenden oder unsere Kunden?
- Adaptieren: Wie können wir es passend für uns ausprobieren, und woran merken wir, ob es wirklich hilft?
Fortschritt entsteht durch Kapieren, nicht kopieren.
Eine 14-tägige Kolumne von Daniel-John Riedl und Markus Mazur
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Text:
Daniel-John Riedl /
handwerksblatt.de
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