Der Odilienberg – ein mystischer Auftakt voller Wunder
27. Oktober 2026
Vom Odilienberg über Senones, Deneuvre und Baccarat bis hin zum "kleinen Kanada": eine Reise rund um die Vogesen in der französischen Region Grand Est.
Der Zauber ist hinter jeder Säule zu spüren. Hier im Kloster Hohenburg, das in 753 Metern hoch auf dem Odilienberg über den Vogesen thront. Die Heilige Odilie ruht hier, die Schutzheilige des Elsass. Hunderte Gläubige pilgern hierher, um die Aura der Wunder zu erleben, von denen seit 1.300 Jahren erzählt wird.
Es sind wieder einmal die Frauen und Mütter, die sich gegen die Mächtigen auflehnen und junge Wesen schützen. Die frisch geborene Odilie war eben kein Stammhalter und zudem blind, erzählt die Legende aus der Zeit des 7. Jahrhunderts. Der mächtige Herzog Eticho von fränkischer Rauheit geprägt verstieß die kleine Odilie von seinem Hof. Ihre Mutter rettete das Neugeborene. Zwölf Jahre später wurde Odilie getauft und ward sehend. Jahre später machte Eticho sein grausiges Verhalten wieder gut. Er schenkte ihr das Areal der Hohenburg, wo sie ein Kloster gründete und als erste Äbtissin vorstand. Der Quelle nah beim Kloster wird heute noch eine heilende Wirkung für Augen nachgesagt.
Aber es gibt noch andere Geheimnisse um den Odilienberg. Wer die spirituelle Anlage verlässt, stößt auf das größte archäologische Rätsel der Region: die sogenannte Heidenmauer (Mur Païen). Diese gigantische Befestigungsanlage zieht sich über fast elf Kilometer rund um das Massiv des Odilienbergs. Sie besteht aus rund 300.000 Sandsteinblöcken, die teilweise bis zu zwei Meter hoch aufgeschichtet und ursprünglich durch schwalbenschwanzförmige Holzzapfen miteinander verbunden waren. Das Holz ist mittlerweile weggefault, die Steinschichtung ist geblieben. Wanderer können direkt an dem Steinkoloss entlang spazieren.
Nur wenige Kilometer südlich des Klosters liegt eingebettet in Weiden und Wälder bei Le Hohwald die Ferme-Auberge Lindenhof. Sie ist der perfekte Zwischenstopp nach dem Marsch an der Heidenmauer, um deftige elsässische Bauernplatten zu genießen.
Das Klostergelände ist ganzjährig täglich geöffnet (meist von 7.30 bis 20 Uhr) und der Zugang ist kostenfrei.
Senones: Das glanzvolle Fürstentum und die Welt der Gelehrten
Vom Odilienberg führt die Reise westwärts über die Bergkämme ins stille Rabodeau-Tal. Hier erhebt sich die ehemalige Benediktinerabtei von Senones, ein monumentales Zeugnis barocker Baukunst und lothringischer Geschichte. Gegründet wurde das Kloster um das Jahr 640 vom heiligen Gondelbert. Während die Außenbereiche und Innenhöfe täglich frei zugänglich sind, lassen sich geführte Touren durch die Innenräume über das örtliche Tourismusbüro buchen.
Ihren kulturellen und wissenschaftlichen Höhepunkt erlebte die Abtei im 18. Jahrhundert unter der Führung des berühmten Abtes Dom Augustin Calmet (1672 bis 1757). Calmet baute in Senones eine für die damalige Zeit spektakuläre Bibliothek mit über 15.000 Bänden auf. Diese intellektuelle Strahlkraft blieb den großen Geistern der Aufklärung nicht verborgen: Im Jahr 1754 flüchtete Voltaire vor den Häschern des französischen Hofes nach Senones und verbrachte mehrere Wochen im Klosters, um die umfangreichen historischen Dokumente für seine Studien zu nutzen.
Die Geschichte von Senones birgt noch eine politische Besonderheit: Ab 1751 wurde die Stadt zur prachtvollen Residenz und Hauptstadt des winzigen, unabhängigen Fürstentums Salm-Salm. Gelegen wie ein Keil zwischen Frankreich und dem damaligen Heiligen Römischen Reich leisteten sich die Fürsten von Salm ein aufwendiges Hofleben, bis die Französische Revolution dem Zwergstaat ein Ende setzte. Im 19. und 20. Jahrhundert erlebte die monumentale Anlage eine Umnutzung als Textilfabrik. Heute stellt der Betrachter die Folgen laizistischer Prägung fest. Der Investitionsstau in der Klosteranlage ist enorm, der Stadt fehlt das Geld und Investoren sind nicht in Sicht.
Kulinarischer Tipp im Rabodeau-TalAuf dem Weg von den Bergkämmen hinab nach Senones (nahe Ranrupt) liegt die Ferme-Auberge du Promont. In einer wunderschönen, erhöhten Wiesenlandschaft serviert der Hof eine authentische Küche mit hofeigenem Fleisch, Käse und dem typischen, hausgemachten Heidelbeerkuchen (Tarte aux brimbelles).
Und wenn wir schon historisch unterwegs sind, darf ein Besuch in Deneuvre und bei Baccarat nicht fehlen: Jahrhundertelang ahnte niemand, welche Schätze im Boden hier in Deneuvre schlummerten. Erst 1974 stieß ein örtlicher Bauer bei der Suche nach Wasser auf eine römische Sandsteinsäule.
Die anschließenden archäologischen Ausgrabungen brachten Sensationelles zutage: das größte antike Quellheiligtum Galliens, geweiht dem Halbgott Herkules. Im rekonstruierten Museum Les Sources d’Hercule (im Juli und August täglich von 10 bis 12.30 Uhr und 14 bis 17 Uhr geöffnet, im Frühjahr und Herbst samstags und sonntags; Eintritt circa 3,50 Euro) bewundern Besucher heute Dutzende fein ausgearbeitete Herkules-Statuenaus heimischem Sandstein – mal mit Keule und Löwenfell, mal untypisch friedlich mit einem Trinkbecher in der Hand.
Dieselben geologischen Ressourcen, die das antike Heiligtum begünstigten, legten die Basis für den Weltruhm des Nachbarortes Baccarat. Die raue Natur bot alles, was das anspruchsvolle Handwerk der Glasmacher benötigte: Der reine Sandstein lieferte den Quarz, das Holz der Vogesenwälder versorgte die Schmelzöfen, und das reißende Wasser der Meurthe hielt die schweren Schleifräder in Bewegung.
König Ludwig XV. erteilte 1764 die königliche Erlaubnis, in Baccarat eine Glashütte zu gründen, und ab 1816 läutete der erste Spezialofen für edles Bleikristall eine neue Ära ein. Im Baccarat Musée (Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr geöffnet; Eintritt circa 8 Euro), das im ehemaligen Wohnhaus des Fabrikdirektors untergebracht ist, wird diese Geschichte mit vielen Exponaten anschaulich dargestellt.
Glanzstück der Sammlung ist ein monumentaler Kristall-Kronleuchter, in dessen Mitte ein einzelner, tiefroter Kristallquadrat funkelt – das unverkennbare Markenzeichen von Baccarat. Museumsführer Frédéric Mahler lüftet das chemische Geheimnis: Der weltberühmte Rubinton entsteht, indem klares Kristall bei exakt 540 Grad Hitze mit feinstem, 24-karatigem Goldpulver verschmolzen wird. Diese funkelnden Meisterwerke begeisterten Herrscher weltweit, doch niemand verfiel dem Kristall so sehr wie der russische Zar Nikolaus II. Fasziniert von der optischen Brillanz sprach er ehrfürchtig vom "gefangenen Licht" und orderte für seine Paläste in St. Petersburg riesige, mehrstöckige Kandelaber.
Wie tief das Handwerk mit der lokalen Identität verwoben ist, zeigt auch die moderne Ortskirche Saint-Rémy. Die Manufaktur fertigte für die Betonglasfenster des Kirchenschiffs 20.000 einzelne Kristallglasteile in 52 verschiedenen Nuancen. Selbst an trüben Tagen bricht sich das spärliche Himmelslicht so kunstvoll, dass leuchtend bunte Lichtstreifen über die grauen Sichtbetonwände wandern. Es erinnert an das Lichtspiel in der gigantischen Betonkirche Saint-Joseph in Le Havre.
Östlich der rauchenden Manufakturen wandelt sich das Landschaftsbild schlagartig. Die sanfte Ebene weicht schroffen, steilen Hängen. Buchen, Tannen und Fichten rücken so eng zusammen, dass sie ein fast undurchdringliches grünes Dach bilden. Inmitten dieser unberührten Wildnis liegt der Stausee Pierre-Percée.
Mit einer Fläche von rund 300 Hektar und seiner charakteristischen, stark zerklüfteten Form, die aus der Vogelperspektive an ein kanadisches Ahornblatt erinnert, bildet er ein einzigartiges Ökosystem. Der See und die ihn umschließenden Wälder stehen unter strengem Naturschutz. Gemeinsam mit den Rangern lässt sich hier eine Tierwelt beobachten, die in weiten Teilen Europas als verdrängt gilt: Mit viel Glück erblickt man im Unterholz wieder Luchse, während am schilfbewachsenen Ufer seltene Haubentaucher nisten.
Direkt über dem See ragen die Ruinen der Burg Pierre-Percée empor, die im 12. Jahrhundert das strategische Machtzentrum der Grafen von Salm war. Dank einer neuen Treppenkonstruktion können Besucher heute sicher bis zur Spitze des alten Bergfrieds aufsteigen. Von der Aussichtsplattform bietet sich ein famoser Panorama-Weitblick: Der tiefblaue See liegt eingebettet in ein endlos scheinendes Meer aus Wipfeln. Wenn im Herbst die Blätter der Buchen orange und goldgelb aufleuchten, schmunzeln die Einheimischen stolz: "Das hier ist unser kleines Kanada" – ein Ort, an dem die epische Geschichte und die ungezähmte Natur des Vogesenmassivs vollkommen eins werden.
Kulinarischer Tipp auf dem WegEtwas südlich der Route, perfekt für den Übergang zu den großen Vogesenseen, liegt das traditionelle Landgasthaus Auberge Domaine du Beubois in Orbey. In gemütlicher Holz-Atmosphäre wird hier das traditionelle "Melkeressen" (Repas Marcaire) serviert: eine deftige, fleischgefüllte Pastete, gefolgt von geräuchertem Schweinefleisch mit Roïgabrageldi (in viel Butter geschmorten Kartoffeln) und frischem Munsterkäse.
Praktische Reiseinformationen für Entdecker
Nachhaltige Anreise: Die Region ist hervorragend an das europäische Schienennetz angebunden. Täglich gibt es schnelle ICE- oder TGV-Verbindungen aus Deutschland (über Frankfurt am Main, Karlsruhe oder Offenburg) nach Straßburg. Von dort aus verkehren die regionalen Züge (TER) direkt nach Lunéville, wo Anschlusszüge nach Baccarat und in die umliegenden Vogesentäler bereitstehen.
Planungshinweis für Fermes-Auberges: Da die Bergbauerngasthöfe ihre Zutaten frisch aus der eigenen Landwirtschaft beziehen und sehr beliebt sind, empfiehlt sich – besonders am Wochenende – eine telefonische Tischreservierung. Viele der Betriebe gehen ab November in die wohlverdiente Winterpause.
Museum: Das Mémorial Alsace-MoselleZwischen Vogesenwäldern und den Narben der Geschichte erzählt das Mémorial Alsace-Moselle die bewegende Geschichte einer Grenzregion, deren Bewohner zwischen Deutschland und Frankreich hin- und hergerissen wurden. In eindrucksvollen Inszenierungen, originalen Dokumenten, Zeitzeugenberichten und multimedialen Rekonstruktionen erleben Besucher, wie Krieg, Besatzung und Identitätskonflikte das Elsass und die Mosel geprägt haben – und wie daraus schließlich die Idee eines vereinten Europas entstand.
Das Museum verzichtet bewusst auf Schockeffekte und setzt stattdessen auf Atmosphäre, persönliche Schicksale und immersive Räume, die Geschichte greifbar machen. Wer durch die Ausstellung geht, versteht schnell: Hier geht es nicht nur um Vergangenheit, sondern auch um Fragen von Heimat, Erinnerung und Versöhnung, die bis heute aktuell sind.DHB jetzt auch digital!Einfach hier klicken und für das digitale Deutsche Handwerksblatt (DHB) registrieren!
Kommentar schreiben